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Frohes Fest

„Vorsicht Kischka! Hab keine Zeit zum Nachdenken, nicht dass die mich erwischen. Auf jeden Fall: Das hier ist echt! Keine Ahnung, wie ich das beweisen soll. Du musst mir einfach glauben: Unsere Frau bescheißt Dich. Also uns. Klingt total verrückt, weiß ich. Also: Die stellen Dir/uns eine Falle und machen Dich/uns fertig. Das Ganze wird an Weihnachten steigen, und zwar im Jahr…“

Ein Umschlag ohne Marke, vergilbt und mürbe. Muss lange schon zwischen den Seiten geklemmt haben. Als er aus dem Buch in Kischkas Hand rutschte, fiel seine Welt in sich zusammen. Ihm war hundeelend. Damals versprachen sie, dass es ihm nie wieder so schlecht gehen würde. Er müsse bloß vom Fensterbrett steigen und einen Entzug machen. Das sei er dem Land schuldig. Meinten alle. Das hatte ihn bis hierher gebracht und stand in seinem Album als wichtigste Erinnerung auf dem Deckblatt. Nur fand er hierin nicht das Bild von sich als Briefschreiber. Doch das war seine Schrift. Hektische Krakelei, aber eindeutig von seiner Hand.

Er drehte die Seite um. Nichts. Zitternd hoffte er auf eine Fortsetzung, Jahreszahl, Erklärung. Einzig Flecken und Staub. „Nie wieder so schlecht“ – Große Worte dafür, dass er gerade in kaltem Schweiß ertrank.

Die Türklingel gewann knapp gegen das Inferno in seinem Kopf. Kischka schlich zur Gegensprechanlage und drückte den Knopf. Ihre Stimme klang wie immer. Doch das Hämmern des Briefes übertönte alle Gedanken. Ein gebrochenes Versprechen. Alles Maskerade. Alles falsch.

„Kannst du bitte runterkommen und mir helfen? Der Fahrstuhl ist kaputt und ich kann den Christbaum nicht alleine hochtragen.“

Er ging seiner Frau entgegen. Der Zimmermannshammer unter seiner Jacke gab ihm Halt. Ein alter Freund. Er mochte das Gewicht. Hielt ihn auf dem Boden, weit weg vom Fenster. Später erzählte er das auch so dem Polizisten.

– Was haben sie sich dabei gedacht, Herr Minister?

– Nichts. Ich habe mich nur erinnert.

– Autor: Hulot ·

Frau Möbius will auf die andere Seite

Als Ottla Möbius eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, hatte sie die Schnauze voll.

Welchen Sinn hat ein Leben, wenn sich alles immer wie Montagmorgen anfühlt? Ein Job, dessen Staub sie ersticken ließ. Eine Familie, deren Gier sie auffressen würde. Schlaf, aber keine Ruhe, mit Träumen aus dem Abgrund. Da musste doch noch mehr sein als diese schmierige Endlosschleife! Sinnlose Fragen an die Decke über ihr. Die schwieg zurück.

Was hatte sie nicht alles versprochen bekommen, damals, als sie noch nicht täglich bedauert hatte, wieder aufgewacht zu sein. Freiheit! Möglichkeiten! Ein bisschen Luxus, wenigstens ab und zu ein neues Kleid oder ein Leben mit jemandem, der wusste, wie man sie zum Klingen bringt und nicht hinter Pflicht und Riegel sperrte. Stattdessen vergammelte sie in dieser schäbigen Ecke, wo es statt Candlelight nur Müll gab.

Ende. Der Frust ließ sich nicht mehr weglächeln. Entschlossener als sonst stand sie auf. Kein Kaffee. Einfach nur raus. In ihrer Firma schmiss sie das Erste, was ihr in den Blick kam, scheppernd auf den Boden. Verwirrte Blicke der Schreibgehilfen. Aufmerksamkeit kann ich noch. Alle schauten erschrocken zu ihr auf.

„Ich kündige! Fristlos und furchtlos! Nimmst du meine Kündigung an?“, fragte sie sich lautstark selbst. „Aber Ottla, du bist doch erst 58? Was willst du tun?“, antwortete sie mit falsch-fürsorglich verstellter Stimme und regungslosem Blick auf ihr Publikum.

„Ich habe keine Ahnung. Und genau das genieße ich jetzt. Mein halbes Leben habe ich in dieses Loch gestopft und es ist immer noch leer. Vergiss es. Den Rest will ich für mich haben. Keine Kämpfe mehr. Keine blöden Witze über meinen Namen. Nur zwei Möglichkeiten: Entweder brenne ich hier alles nieder oder ich gehe.“

Man konnte das entfernte Klappern aus der Küche hören, so still war es im Foyer. Ottla hatte ihnen alle ein Fragezeichen ins Gesicht gewischt. Gut so. Abgang.

Alles war nun möglich. Dieser Schritt über die Schwelle, ohne Termine, ohne Panzer. Der erste Tag ihres versprochenen Lebens. Der Fight gegen den Stumpfsinn war dreckig, aber Ottla hatte ihn auf die Bretter geschickt. Kein Jubel. Aber endlich Luft in den Lungen.

Die Wucht hat sie nicht kommen sehen, aber sie war schwer genug, um ihren Körper mit einem lächerlich leisen Knirschen zu zerquetschen. „Endlich“, freute sich der Hausmeister und wischte sich den Rest der Kakerlake vom Absatz.

– Autor: Hulot ·

indoor (8 qm)

Die Tür.
Nur ein Schlüssel.
Kein Klappern.
Wie Orte klingen,
das ist Heimat.

(Im Treppenhaus bellt ein Hund.)

Der Raum.
Der Duft
frisch gestrichener
Wände.
Kein Gestank.
Wie Orte riechen,
das ist Heimat.

(Glas zersplittert.)

Dort kommt das
Klavier hin.
Sie kann zwar
nicht spielen,
aber das wird sie.

(Kindergeschrei.)

Da drüben
die Staffelei,
gleich ans Fenster,
wo das Licht
am besten ist.
Sonne.
Neonreklame.
Egal.

(Sirenen vorm Fenster.)

Und Regale voller Bücher.
Sie weiß, wo man
diese Dinger
umsonst bekommt.
Sind
in der ganzen Stadt
verteilt.
Kleine Inseln.
Sie kennt sie.
Alle.

(Die erste S-Bahn des Tages rattert über das Gleis.)

Was noch
übrig bleibt,
bekommen die Pflanzen.
So viel Welt
ist erlaubt.
Keine
grünen Uniformen
mehr. Nur noch
grüne Blätter.
Sich um
etwas Kümmern.
Das ist gut.

(Gähnende Menschen werden ins Büro transportiert. Müde zurück in ihre Häuser.)

Sie besitzt
nichts und
sieht das
alles. Acht
Quadratmeter.
Heimat ohne
Heim. Ohne
Finsternis am
Tag. Ohne
Gier am
Hals. Ohne
Fleisch sein
für den Stärksten
im Schlafsaal.

(Die Müllabfuhr schafft einen Betrunkenen aus dem Weg.)

Die Tür.
Nur ein Schlüssel.
Sie schließt
hinter sich
ab.
Die Welt
bleibt draußen.
Ihre Burg.
Ihr Königreich.
Acht Quadratmeter.
Sie wird
darum kämpfen
mit
allem, was
sie hat.
Jetzt ist
sie
am Zug.

(Klack.)

– Autor: Hulot ·

Lord of the Weed

Regen.

Als ob Gott vorhätte, die Tieflandsbucht zu ersäufen. Nicht dieses prostataschwache Herumgesprühe der letzten Sommer. Eher Kategorie Georg Christoph Lichtenberg: „Es regnete so stark, dass alle Schweine rein und alle Menschen dreckig wurden.“

Eigentlich wollte er diese Suppe niemanden mehr auslöffeln lassen. Aber nichts ist so vergänglich wie ein guter Vorsatz. Besonders wenn man zur Unendlichkeit verurteilt ist und unter zu viel Tagesfreizeit leidet.

Einmal fragte ich einen Mönch, ob man sich darauf verlassen kann, dass Gott sich an sein Wort hält. Schließlich hatte er sich schon einmal vorgenommen, hier unten für das „Ende allen Fleisches“ zu sorgen. Schublade auf, Sintflut raus. Vielleicht hat er auch nur die falsche Taste erwischt. Gottes Wege, unergründlich und so weiter.

„Und dann hat er es sich anders überlegt“, meinte er so humor- wie ansatzlos. „Ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe, sprach der Herr. Erstes Buch Mose, Kapitel 8.“

Wirkungstreffer mit Vers 21 im Handschuh. „Falsche Taste“ war damit gestorben.

„Aber wenn er es sich schon einmal anders überlegt hat“, bohrte ich weiter, „was, wenn er es wieder tut? Wir lassen uns hier unten gegenseitig verhungern, jagen uns mit Bomben in die Luft. Und wenn mein Körper ein Tempel ist, dann habe ich beim Auszug die Arschkarte gezogen. Das Ding sieht aus wie der Lokus eines Irish Pubs.“

Da wurde es ihm zu dumm. Er gab auf meine Fragen keinen feuchten Furz mehr, drehte sich um und Ende. Jeden Tag die Kutte überwerfen und damit in die S-Bahn steigen. So einer lässt sich nicht verscheißern. Kann ich nachvollziehen. Erleuchtung? Fehlanzeige.

Blitze.

Hoffe nun, dass sie dem alten Bart im Himmel das Schränkchen aus der Gummizelle geräumt haben, weil er in der anderen Schublade sein Gras versteckt hat. So wie’s hier läuft, besorgen wir den Untergang gerade selbst. In Handarbeit.

– Autor: Hulot ·

Gespräch Drei, 27 X.

– Einsachtundachtzig. Zweihundertzehn Pfund.

– Das ist viel für eine Frau.

– Mutter war Sportlerin, Kugelstoßen. Aber das steht sicherlich auch in der Akte.

– Nein. Aber ich lasse es eintragen. Haben sie auch Sport getrieben?

– Nicht richtig. Nur ein bisschen, in der Freizeit, nebenher.

– Was haben sie gemacht? Sind sie gelaufen?

– Fußball, Basketball, all so was. Eigentlich sollte ich Schwimmer werden, wegen der Größe.

– Der Größe?

– Die sind damals durch alle Schulen gegangen, auf der Suche nach groß gewachsenen Kindern. Nachwuchsbeschaffung für Leistungszentren.

– Weshalb gerade große Kinder? Sind kleinere nicht leichter, wendiger?

– Hat wohl was mit der Hebelwirkung im Wasser zu tun. Dabei konnte ich noch nicht einmal schwimmen!

– Wie groß sind sie jetzt? Einsfünfundneunzig? Die müssen sich ja phänomenale Zeiten von ihnen erhofft haben.

– Heute Einsneunzig, damals knapp Einsvierzig. Mit sechs Jahren! Hab's aber nicht lang durchgehalten und irgendwann das Training geschwänzt.

– Sonst noch etwas?

– Schach. Und Schießen. Pistole. In der Schulturnhalle. Diese kleinen Diabolos, ohne Pulver. Die haben nur gepufft, aber nicht geknallt.

– Wie auf dem Rummelplatz?

– Ja, so ungefähr.

– Haben sie auch an Wettkämpfen teilgenommen?

– Einmal, ja. Schwimmen.

– Und wie ist es ausgegangen?

– Stadtmeisterschaften, Vorausscheid. War ein Reinfall.

– Sind sie Letzter geworden?

– Nicht offiziell. Der Junge auf der Bahn neben mir hat einen Krampf bekommen. Ist fast ertrunken.

– Also Vorletzter, offiziell.

– Es war eine Fünfziger-Bahn. Wir haben in unserer Schwimmhalle aber nur eine 25 Meter lange Strecke gehabt. Schätze, ich war wohl etwas überfordert.

– Und ihre Eltern?

– Mein Vater und meine Großmutter waren da. Saßen beide ganz hinten in der Ecke. Konnte sie kaum sehen. Mutter hatte an dem Tag auch einen Wettkampf.

– Wissen sie noch, wie ihre Mutter auf ihr Ergebnis reagiert hat?

– Nein. Zu lange her. Es sei denn, sie wollen von mir hören, dass sie mich verachtet hat, weil ich ihren Anforderungen nicht genügte. Aber das wäre nur gelogener Psycho-Quatsch von wegen Schreckliche Kindheit und so weiter.

– Und das wollen wir ja nicht…

– Genau. Oder war das eine Frage?

– Wie klang es denn für sie?

– Sie stellen hier doch die Fragen, oder?

– Dafür bin ich da, ja.

– Also?

– Also was?

– War es eine Frage?

– Nein.

– Klang aber beinahe so.

– Wenn ihre Mutter sie geschlagen hat…

– Moment, wie kommen sie darauf, dass meine Mutter mich geschlagen hätte? Steht das dort irgendwo?

– Hat sie das nicht?

– Steht das dort? Nein, hat sie nicht! Ich… nein, wie kommen sie darauf?

– Hier steht: „Mutter: Wahrscheinlich bipolare Störung, neigt zu innerfamiliärer Gewalt…“

– Ach das.

– „…gegenüber Ehemann…“

– Ja. Aber…

– „…und…“

– Nein, so war das nicht, also nicht immer…

– Nicht immer?

– Mich hat sie nie geschlagen. Und mein Vater hat getrunken, oft und viel. Der hat selber gerne ausgeteilt.

– Also reden wir hier von Notwehr?

– So kann man es sehen, ja.

– Notwehr einer riesigen Frau gegenüber Erwachsenen und Kindern.

– Mich hat sie nie geschlagen. Meine Schwester, ja, aber mich? Nein.

– Was hat denn ihre Schwester verbrochen, dass sie solch eine Reaktion erdulden musste?

– Weiß nicht.

– Haben sie sich nie mit ihr darüber unterhalten?

– Doch.

– Aber?

– Wenn ich ehrlich bin, habe ich nie verstanden, wo eigentlich das Problem lag.

– Haben sie mit ansehen müssen, wenn ihre Schwester geschlagen wurde?

– Nein. Ich war da nie mit dabei nicht.

– Wo waren sie?

– Nicht da nie. Meistens in der Akademie.

– Akademie… Hier steht, dass sie Busfahrer sind. Sie haben studiert?

– Nein, Polizeiakademie. Ich habe damals in den Vorkursen mitgemacht. War eine schöne Zeit.

– Vorkurse?

– So eine Art Jugendgruppe. Wie beim Nachwuchs der Feuerwehr. Oder den Rettungshelfern.

– Und immer war alles bereits vorbei, als sie heim kamen?

– …

– Herr K.?

– Ehrlich, ich habe niemals mitbekommen, wenn meine Schwester verprügelt wurde.

– Wissen sie, was mich bei der ganzen Angelegenheit stutzig werden lässt?

– Nein, woher denn auch? Ich kann doch nicht in ihren Kopf sehen! Aber wissen sie, was mich fertig macht?

– Beruhigen sie sich. Bitte.

– Dass sie hier zum dritten Mal auftauchen, und mir zum dritten Mal Scheißfragen zu meiner Scheißfamilie stellen…

– Setzen sie sich doch bitte wieder hin.

– …und mich dann hier sitzen lassen wie Heinz Doof, und noch nicht ein einziges Wort darüber haben fallen lassen, was ich eigentlich hier mache!

– Ihre Mutter ist tot.

– Das weiß ich!

– Ebenso ihr Vater.

– Ja, seit acht Jahren. Und?

– Sie wurden halbnackt vor einem Stadion gefunden, bewusstlos.

– Ich war schwimmen!

– Allein?

– Mit meiner Schwester. Fragen sie doch bei ihr nach!

– Bevor oder nachdem ihre Mutter erschossen wurde?

– Zum dritten Mal: Ich weiß es nicht!

– Herr K.?

– Ja?

– Sie sind ein Einzelkind.

– Autor: Hulot ·

Mittwochmorgen

Mittwoch. Schon wieder. Bin in ein Schwimmbad voller Scheiße gestiegen und halte es für ‘ne Aufgabe. Zeit, duschen zu gehen. Sonst bewerbe ich mich hier noch als Bademeister. Gestank ertragen können, ist das eine. Ihn gut zu finden, Verschwendung.

Ins Büro schleppen? Da lauert doch nur die alte Karbunkel. Haut mir sicher wieder ein Bergfest! um die Ohren. Ich trinke. Bei ihr ist es Lebensfreude aus der Pillendose. Was immer unsere Pferde am Laufen hält. Aber geh mir damit nicht auf den Sack, sonst stopfe ich dich in den Schredder.

Baranowski in der Küche, redet sich ein, dass die Woche fast geschafft ist. Wenn ich weg bin, kippt er 'nen Doppelkorn. Danach Pfefferminz. Denkt, dass niemand etwas merkt. Trottel. Fällt eines Tages hier um. Bestimmt, wenn ich im Dienst bin. Liegt dann in einem Haufen weißer Drops. Daran wird man sich erinnern. Du hast es geschafft, Mann.

Die Praktikantin – Claudia? Corinna? Wie hieß die nochmal? – hat heute Zumba. Muss deshalb wieder eher los. Säuselt mich mit ihrer Kleine-Mädchen-Stimme an, ob das so okeeeh geht. Klappt wahrscheinlich bei ihrem Alten. Oder den Knackern, die sie hier immer im Sportwagen abholen. Mir egal. Ich trag dir deinen Arsch nicht hinterher.

Krankfeiern? Lächerlich. Reicht nicht mehr. Ich bin raus. Lass alles liegen. Morgen sind die Abrechnungen fällig, Freitag ist Versand. Einschlag in den Briefkästen der Leute am Samstag. Wird sich die Hälfte wieder schön einscheißen. Ein ganzes Wochenende mit meinem Brief im Kopf. Wenigstens ein paar, die an mich denken. Stolz klingt anders, ich weiß. Drauf gepfiffen.

Sonne. Hatte fast schon vergessen, wie sich das um diese Uhrzeit anfühlt. Mein Zimmer. Die Schreibmaschine. Das rote Radio kämpft mit großer Klassik. Seine Transistoren mit ihrem Stimmbruch. Aber ich mag den kleinen Kämpfer, er haut sich wenigstens noch rein. Graupner würde bei dem Klang davonlaufen. Ist aber auch ein Idiot. Muss er auch sein, wenn er freiwillig den Boss in so einer Bude spielen will. Außerdem Audio-Fetischist ohne Ahnung von Musik? Eigentlich ein Jammer. Aber nicht meiner.

Mitte der Woche und noch jede Menge Scheiß zu erledigen. Hm. Wo ist das Papier? Farbband – frisch genug. Radio: Mahler. Volltreffer. Kaffeemaschine: schwarz, ohne Zucker. Bitter muss man mögen. Lass uns fliegen.

– Autor: Hulot ·

Jeden Preis

Das Telefon. Mein Boss. Wütendes Gebrüll. Wo ich bleibe? Bin krank, kann mich kaum bewegen, es geht wohl was rum, vielleicht ist es morgen besser. Eine Lüge mehr oder weniger, auch egal. Verwässert sich mit den anderen aus 70 Jahren.

Wenn ich nicht bald auftauche, droht er, steckt er sich meinen Lohn für die ganze Woche selbst ein. Wäre nicht das erste Mal. Und wenn ich ihn noch einmal so schlapp anflunkere, sorgt er dafür, dass ich an den Ofen versetzt werde. Ich sage nur jaja und hmm und knalle den Hörer auf. Der springt wieder hoch und baumelt wie ein Gehenkter zwischen den Flaschen neben meiner Matratze.

Agnes wacht vom Klirren auf. Schlohweißes Haar auf ihrem Gesicht, weiter Weg aus dem Traumland. Für ein paar Stunden nicht unglücklich. Wenigstens einer von uns. Meine Pillen sind schon seit ‘ner Woche verbraucht. Nachschub gibt’s erst nächsten Monat. Miese Qualität, gestreckt wie verdünnte Luft. Sie schläft viel, weiß Gott, was sie träumt. Aber sie hält durch. Immer noch.

Sie dreht sich um, zieht die Schublade auf, tastet nach dem kleinen roten Kästchen mit dem goldenen Hirsch drauf und zählt die Milchzähne darin. Alle da. Wie seit sieben Jahren. Ob ich Junior schon gesehen habe, fragt sie. Klar, Darling, gerade eben erst. Hab ihn nochmal ins Bett gebracht. Hat mir noch was vom Kindergarten erzählt. Ist dabei eingeschlummert.

Das zu erzählen, diese Erinnerung am Leben zu halten, sie damit im Leben zu halten, reißt mich in Stücke. Wieder und wieder. Täglich kommt dieser Moment und fetzt ein anderes Stück aus mir heraus. Fühlt sich falsch an. Immer. Aber es scheint zu helfen. Ihr zumindest.

Sorry, war ich zu laut? Dreh dich nochmal um. Ist noch früh. Nein, ich habe frei bekommen. Alles wird gut. Ich lüge. Sie glaubt. Das ist der Deal. Für sie zahle ich jeden Preis.

– Autor: Hulot ·

Todesanzeigen und andere Ahnungen

Die alte Frau saß auf einer Parkbank und beobachtete die vorbei gehenden Menschen. Hätte man sie nur aus dem Augenwinkel gesehen, wäre man zu dem Schluss gekommen, dass sie nur belanglos vor sich hin nuschelte. Doch ihr leerer Mund schleuderte den Leuten, die ohne Blick für sie ihrer Wege gingen, keinen Fluch oder wirren Ekel entgegen. Sie war keine dieser verbitterten Mumien, deren Verstand langsam aber sicher verdorrte. Es war viel schlimmer: Sie sagte die Wahrheit. Und niemand hatte ein Ohr dafür.

Einmal schlenderte ich beinahe an ihr vorbei. Da bemerkte ich, dass sie eine Pause machte. Wir nickten uns zu, sie machte mir neben sich Platz und bot mir ein Lächeln an. Ich erwiderte. Neue Fußgänger näherten sich. Das Spiel begann.

„Jenau 10 Tage und 22 Monate und vier Tage“, schickte sie einem Pärchen hinterher. „72 Jahre“, gab sie einem Kind mit. „24 Wochen und 7 Jahre“ erhielten ein Mann und sein Hund.

Nach einer Weile fragte ich, was das alles solle. „Ick weeß, wann’se möchten wern sterben.“, erwiderte sie. Ganz ruhig. Als hätte ich sie nach etwas Banalem wie dem Wetter gefragt.

„Können sie das so genau wissen? Oder überhaupt?“

„Das is eben dat Jeheimnis. Willste wissen, wie’s funktioniert? Simmer schon zwe’e. Manche Dinge wolln eben passiern wie se wolln. Mir is das einfach so im Kopp. Hab mir das nich ausjesucht.“

„Woher wissen sie, dass sie Recht haben?“. Die Frage nach meinem Datum schluckte ich schnell runter.

„Wissen tu ick ja gar nüscht. Is aber ooch nich schlimm. Kamma nix machen, wat?“

Klare Ansage. Ich verstand nichts und schaute wohl auch etwas dämlich drein.

„Einfach nur Jeduld, Jüngelchen.“

Schnell hatte sie einen Mann entdeckt, der durch den Park spazierte. Sie zeigte auf ihn, drehte sich zu mir um. „Drei. Minuten.“ Ein schiefes Grinsen huschte durch ihre Runzeln. Vielleicht sogar Stolz.

Ich schaute auf meine Uhr: 9 Uhr und 44 Minuten. Jener Mann, der von ihrem Fingerzeig nichts ahnte, gestikulierte mit seinem Smartphone herum, als müsse er einen Bienenschwarm vertreiben. Seine Wut schepperte lautstark durch den ganzen Park. Anscheinend faltete er gerade einen Angestellten zusammen, der unerwartet nicht auf Arbeit erschienen war. Er drohte ihm damit, ihn an den Ofen versetzen und seinen gesamten Wochenlohn einbehalten zu wollen. Abrupt blieb er stehen. Sein Gegenüber hatte wohl einfach aufgelegt. Kurz darauf brach er zusammen. Pünktlich auf die Sekunde.

Eine tiefe Angst würgte mir ein paar Töne aus dem Hals. Eventuell klang es wie „Warum helfen sie den Leuten nicht?“

„Helfen? Wobei denn?“

„Zu überleben, verdammt nochmal! Da stirbt jemand vor ihren Augen und sie schauen einfach nur zu. Wie kann sie das kalt lassen?“

„Sie wissen doch, was ihnen bevorsteht. Das wissen wir alle. Das weißt du auch.“

„Man kann doch aber Hilfe holen! Einen Arzt oder sowas! Wenn die Leute wissen, was ihnen droht, können sie sich vielleicht noch retten lassen!“

„Eben nicht. Das hab ick ein einzijes Mal jemacht. Da habense mir ausjelacht. Der Schloderer, dem hab ick jesacht, dass er nur noch zwei Wochen saufen kann und aus isset. Da hat der sich ein Messer geschnappt und mittenmang in Hals rinn jestochen. War besoffen wie nix Jutes. Wollt mir wohl wat beweisen.“

Jetzt hatte ich sie: „Da haben sie sich also geirrt. Oder haben sie so eine Quote – Bei zehn Leuten klappt’s und für die restliche Million eben nicht? War mir doch sofort klar, dass das alles nur Hokuspokus ist!“

„Ma langsam, Jüngelchen, ick war ja noch nich fertig. Der Schloderer lag da also in seiner eijenen Pfütze. Da kam Schildkröte. Der war damals Arzt, im Kriech, verstehste? Den hat nüscht schockieren können. Schildkröte reißt sich also den Ärmel von seim Hemd ab und verbindet den Schloderer fest jenuch, dasser inner Kneipe nich janz ausläuft.“

Ich versuchte das Bild eines Röchelnden in seinem eigenen Blut beiseite zu schieben. „Also hat er überlebt?“

„Wenn man das so nennen möcht’. Janz schnell kam ne Ambulanz und hat ihn mitjenommen. 14 Tache hammse ihn anne Schläuche geklöppelt. Essen, Trinken, Luft, Scheißerei, eben allet. Pünktlich isser abjeritten. Janz dünne war’er, fast schon durchsichtig. Ick bin keen Doktor, aber Schildkröte hat erzählt, dass der Schloderer wohl zu wenig Saft im Kopp jehabt hat und da isser wie Jemüse jeworn. Nuja. Da hammse nüscht mehr zu lachen jehabt und mich vom Hof gejacht.“

„Er hätte es schaffen können!“, versuchte ich ihr etwas abzutrotzen.

„Hatter aber nich. Is alles nur schlimmer jemacht worn. Zwee Wochen für nüscht. Soller mal dem Herrgott erzählen, wasser sich dabei jedacht hat, der Schloderer…“

Sie drehte sich kopfschüttelnd weg und murmelte weiter. Der Krankenwagen mit dem Unglücklichen war längst schon verschwunden. Jene, die erlebt hatten, was passiert war, nahmen die Beine in die Hand, um diese spektakuläre Geschichte ihren Kollegen zu erzählen. Leise kroch es aus mir heraus: „Wann?“.

„Was?“

„Wann. Bin ich dran?“

Die Alte holte tief Luft und für die Ewigkeit eines Augenblicks schien sie mir ein Datum nennen zu wollen. Doch sie brach ab und atmete schnaufend aus.

„Nee mein Kleena, lass ma. Es jibt so Leute, da kommt nüscht Jutes rum, wenn die zu viel wissen. Bei so Grüblern wie dir isses besonders schlimm.“

„Nur: Wie soll ich denn jetzt weitermachen? Und warum?“

„So wie vor ‘ner Stunde ooch. Da hasste von nüscht jewusst und warst janz jut beieinander. Un nu? Schiss?“

„Wie soll ich denn da keine Angst haben? Ich werde sterben…“

„Müssen wir alle.“

„…kann aber nichts dagegen tun!“

„Kann keener. Tu doch einfach so, als ob das jeden Moment passiern kann. Wenn dir das zu ville Arbeet is, denkste halt: Wat wäre, wenns morgen soweit is? Noch schnaufste ja kräftig jenuch.“

„Also morgen? Morgen ist es soweit? Da bin ich dran?!“

„Ick hab nix jesacht. Allet in deinem Kopp. Liegt an dir, was du damit machst, Jüngelchen. Wenn ick wüsst, dass ich morgen… Naja, dann würd ich vielleicht irgendwie anners an die Sache rangehn tun. Aber was weeß ick schon, bin nur ne alte Frau…“

Weder weiß ich, wie ich nach Hause gekommen bin, noch, was ich dort gemacht habe. Irgendwann überkam mich der Schlaf. So wie sie mich beim Abschied angesehen hat, war ich mir sicher: Morgen klopft der Sensenmann und will nicht nur Schach spielen. Hab aber Glück gehabt. Schätze ich mal.

Ich rannte in den Park, um ihr voller Stolz von der Lächerlichkeit zu berichten, dass ich gestern eingeschlafen und heute wieder aufgewacht war. Doch auf ihrer Bank saß nur ein alter Mann. Als ich ihn fragte, wo die Alte sei, schaute er mich an und sagte „Flugzeugabsturz“.

Ich fragte nicht, für wen.

– Autor: Hulot ·

Donkey Kong

Vor der Schule ein Bauwagen
voller Automaten, Schweiß und Motoröl.
Entenjagd, Slalomlauf, Donkey Kong.
Nach Hause gerannt
Sparschwein geschlachtet
Eltern geplündert
Schwester beklaut
Puls bei 200
Vermögen bei 15
Mark Ost.

Zurück in die Bude:
Bunte Pixel rösten
grauen Sozialismus
aus Kinderhirnen.
Sterben fetzt nur
solange du noch
‘nen Fuffi in der Tasche
zum Nachlegen hast.
Klassenkampf vergessen,
Hausaufgaben sowieso.
Die Großen hauen den Kleinen
für ‘ne Mark aufs Maul
oder lassen es bleiben
für zwei.

Dachte, die Kohle hält ewig
Ein paar Münzen Andy gegeben
Macht man so, unter Freunden
dachte ich.
Nach einer Stunde
war ich blank
Bin nie übers zweite Level
hinaus gekommen und
später auf die
andere Seite der Welt gezogen
(1 Stunde mit der Straßenbahn,
Toilette innen, warmes Wasser,
neue Menschen, and’re Regeln).

Alte Mauern fielen
Neue Kinder kamen und mit
ihnen: Neue Spiele.

Andy wiedergesehen.
Keine drei Sätze miteinander gesprochen
Er war mit Kollegen unterwegs,
Richtigmacher, die es ernst meinten,
immer schon, ohne
Schweiß und Motoröl.
Klimpert Finger in der Luft:
»…und mache Musik«.
Hat wohl rausgefunden, wie man
ans Ziel kommt,
wenn der Boden schlammig ist.

Ich stand da.
Taschen wieder leer.
Affe unbesiegt.

– Autor: Hulot ·

Die Zeit, ja, die Zeit

Für Thomas Bernhard

Im Hotel A., in welchem wir immer um diese Jahreszeit unseren Nachmittagskaffee einnahmen, und dass sich seit mehreren Generationen im Besitz der Familie M. befindet, ihres Zeichens alte Schweizer Kriegsgewinnler, die sich dennoch seit je her etwas auf ihre Neutralität einbilden, aber hinter unangenehmen Gästen immer Gesichter machten, trafen wir von Zeit zu Zeit Professor R., wie immer versunken in einen Stapel von Zeitungen, besser gesagt den Feuilletons, hinter denen sein rotgesichtiger Kopf nur selten, und wenn, dann nur schüttelnd auftauchte.

Da die hiesigen Zeitungen, besser gesagt die Feuilletons, in dieser Jahreszeit naturgemäß wenig zu berichten hatten, war R. und sein rotes Gesicht häufiger zu Gast an unserem Tisch, was einerseits für Erheiterung, andererseits für Beklemmung sorgte, je nachdem wie der Professor den Konsum seiner Zeitungen, besser gesagt der Feuilletons, verkraftete.

Er lese sehr viel Zeitung, besser gesagt die Feuilletons, doch habe er selber nie ein Buch bis zu Ende gelesen, dozierte er des Öfteren, man benötige ja auch nicht den Überschuss von tausend Seiten, wenn man nur die ersten zwei und die allerletzte intensiv genug lese; dabei betonte er das Wort intensiv derart über, dass am Ende nicht klar war, aus welcher Sprache es anfänglich zu stammen schien: Innn-tennn-sieee-f!

Einmal fragten wir ihn, ob er denn verheiratet sei, was er aber mit der Begründung verneinte, dass es sich nicht lohne, sein kurzes Leben an einen Menschen zu ketten, zumal es ihm, Professor an der Akademie (A-ka-de-miiiiie!) kaum vergönnt sein würde, eben diesen Menschen so intensiv (Innn-tennn-sieee-f!) kennen zu lernen, wie er sich das im Grunde seines weichen Herzens wünsche.

Zwar könne er sich die ersten Jahre der Frau mühelos zusammentragen, aufbereiten, aufs Wesentliche beschränkt und komprimiert vortragen lassen, doch, meinte er, habe er einfach nicht die Zeit, bis auf die letzte Seite zu warten, und wie solle er dann wissen, ob es sich auch lohne?

Schließlich habe er naturgemäß nicht ewig Zeit, er, fast ausgelöschter Professor an der Akademie (A-ka-de-miiiiieee).

– Autor: Hulot ·

Fünf vor Endstation

In der Straßenbahn nach Grünau. Mitte der Woche. Zu früh für die Nacht und zu spät, um noch irgendwem nützlich zu sein.

Ganz am Ende sitzt eine junge Frau und spielt auf ihrem Handy. Neben ihr die Tochter, quengelnd, Süßigkeiten lutschend. Vor ihr der Sohn, laut Lieder aus dem Sandmännchen singend. Sie unterhalten sich über Chips und Dips.

Die junge Frau ist sehr konzentriert. Das Mädchen tritt sie. Störung beim Endgegner. Rüffel. Der Sohn singt lauter. Alle schmunzeln. Anschiss. Benehmen, jetzt!

Vor uns sitzt ein junger Mann mit offenen Beinen, daneben eine alte Frau in Synthetik, schwitzend, stinkend, beide, alles hier. Regenwasser. Scheiße am Schuh. Altes Bier. Hoffnung auf verschwitzte Laken, alle für sich.

Der Junge will Chili-Chips, die Tochter Käse. Die junge Frau hat die Buchstaben H-A-T-E auf ihren Fingern stehen, auf ihrem Handrücken ein tätowiertes Auge. Über ihrer linken Brust steht »Wir werden dich immer lieb haben, deine Mami und dein Papi«, Schreibschrift, blau, verschnörkelt. Nein, es gibt nur einen Dip für jeden und jetzt Klappe halten!

Der Tanz beginnt: Die offenen Beine stehen auf, rempeln mich an, treten mir in die Seite. Ich jaule auf. Die Kinder werden lauter. Der Mittwoch ist vergessen. Jetzt ist Judgement Day. Schwarzenegger Krummbein boxt gegen die Scheibe und fragt, ob jemand was aufs Maul will? Los Buddy: Angst runterschlucken. Rücken gerade. Pupillen weit. Atmen nicht vergessen.

Position: Gewicht auf dem vorderen Bein. Anfängerfehler. Er holt aus, will einen Schwinger setzen, muss sich nach vorne lehnen. Buddy lehnt sich einfach nur zurück. Guter Junge, hat aufgepasst. Treffe ihn an der Wade. Er fällt wie ein alter Schornstein und rollt einem Buckligen direkt vor die Füße, der gerade die Tür zum Einsteigen geöffnet hat.

Wir rennen zur nächsten Tür. Ich springe mit ihm aus der Tür, verheddere mich mit meiner Leine fast in der einer anderen Hündin. Zusammen rennen wir, lachend, bellend. Unsere Nacht. Schnelle Beine sind immer besser als schnelle Hände, hat dein Vater immer gesagt. Sonst nicht viel. Aber für heute hat’s gereicht, Buddy.

Die junge Frau schafft einen Highscore zum Preis einer verpassten Haltestelle. Der Bucklige tritt nach, genussvoll. Synthetik schüttelt bestimmt immer noch ihren Kopf. Was bleibt, ist ein leeres Bonbonpapier. Macht euch die Erde untertan.

– Autor: Hulot ·

Katerfrühstück

– Wer saufen kann, kann auch arbeiten!

Sodbrennen bis zur Hirnschale. Bin diese Nacht um ein Haar wieder an meiner eigenen Kotze erstickt. Kaum zu fassen, wie sehr ein Mensch im Inneren stinkt und wie lange das vor sich hindampft, wenn es in die Lunge gerät. Der Tag ist jetzt schon im Arsch. Kaum geschlafen. Kopfschmerzen. Und natürlich: die Stimmen.

– Los, raus!

Normalerweise kreischt das schlechte Gewissen mit Lindas Stimme durch meinen Schädel. Ein sauber eingepflanztes Echo. Doch nun wechselt es auf Bariton. Aber wessen Gemaule ist das genau? Vater? Der Nachrichtensprecher? Und weshalb wird es leiser, wenn ich mir das Kissen auf den Kopf lege?

Augen auf: Statusbericht. Es ist hell draußen. Noch ‘ne Runde auf dem Planeten, Pech gehabt. Socken und Krawatte. Offene Tür. Kater mit Frühstücksblick.

– Auf geht’s. Hebe es seinen Kadaver aus der Koje.

– Max?

– Oh, es erkennt uns! Die Krone der Schöpfung erinnert sich! Natürlich Max, wen hat es denn erwartet?

– Du… sprichst?

– Die ganze Zeit schon. Hast nur niemals richtig hingehört. Wie sieht’s aus? Heute wieder sechs Stunden die Decke anstarren? Sich für immer das Saufen verbieten, mit Depression schmücken, Pillen einwerfen? Das leidende Genie sein und am Abend alles vergessen haben, um wieder von vorne zu beginnen? Oder ist es heute einmal, was es eigentlich sein will?

Genau aufs Glaskinn. Liege noch im Bett und hab schon verloren. Gegen eine Hauskatze.

– Ist gerade schwierig. Im Büro kann es jeden Tag knallen. Mit dem Schreiben geht’s nicht voran. Die ganze Menschheit plappert mich kaputt. Bin eigentlich zu müde für alles. Sogar zum Schlafen.

– Wann ist es das nicht gewesen? Anders gefragt: Wie lange soll das noch so weiter gehen?

– Sorry Max, du redest mit mir und hast zudem heute deinen philosophischen Tag. Mindestens eines davon muss ich erst einmal verdauen. Stell mir gerne noch ein paar Fragen, wenn ich wieder geradeaus atmen kann.

– Klar, es drehe sich einfach wieder um und liege noch eine Stunde im Bett. Sich überlegend, was es alles in der Zeit hätte erledigen können. Und dann hänge es noch eine Stunde dran: Für die Ausreden.

Austeilen. Übers Bett stolzieren. Mir auf den Bauch latschen und mich beinahe wieder zum Spucken bringen. Max hat’s echt drauf. Sein Miauen hatte mir aber besser gefallen. Nun sang er zusammen mit meinem schlechten Gewissen im Chor. Die alten Scheißlieder.

– Was soll ich dir denn darauf antworten? Dass ich nichts gebacken bekomme, einfach immer und überall? Wo soll ich unterschreiben, damit ich nochmal zurückgehen kann, um das alles gerade zu biegen? Ach, der Herr hat gerade keinen Stift dabei?

– Hoppla, schaut wie es Puls bekommt! Und vielleicht begreift, dass das alles vorbei ist. Schafft es vielleicht auch den nächsten Schritt? Denk, kleines Kischka, denk!

– Meinetwegen: Ich habe nur das eine Leben, nur die eine Vorstellung. Von Anfang an beschissen besucht. Bin gefangen in einer ewigen Matinee. Kein Publikum, kein Applaus. Trete nur auf, damit sich das Heizen der Bühne lohnt. Ab und zu schaut mal die Klofrau rein. Aus Mitleid, auch wenn sie es abstreitet. Könnte natürlich jederzeit meine Sicht der Dinge locker aus der Lippe fallen lassen, wenn ich sieben Leben hätte. Habe ich aber nicht. Und nun?

– Neun.

– Was?

– Neun. Katzen haben neun Leben. Sagt zumindest seine Spezies. Und wenn es nun glaubt, dass das eine tolle Sache wäre, muss ich es enttäuschen. Wir könnten hundert Leben haben. Aber was nützt es, wenn du nicht weißt, an welcher Stelle vom Lied du gerade bist.

– Eure Luxusprobleme möchte ich haben.

– Oh, es missversteht uns, das ist alles auch gar kein Problem! Wir machen uns deswegen keinen Kopf und genießen jeden einzelnen Tag. Weil es immer der letzte sein könnte, hauen wir von Anfang an volle Pulle rein. Es gibt eine Menge Verrückter da draußen und noch mehr Autoreifen. Die Gefahr ist echt. Aber uns egal.

– Du meinst, ich solle nach vorn schauen?

Eine süße Glasur legte sich nun über seinen Ton. Vielleicht hat er sogar gelächelt. Ich versuchte zu verdrängen, was er in dieser Wohnung schon alles gesehen hat.

– Unbedingt! Wie wäre es also mit einem gewagten Sprung von der Matratze? Einem Tänzeln in die Küche, hm? Der phänomenalen Anwendung des opponierenden Daumens, der seiner Gattung so viel Freude und Fortschritt bereitet?

– Und dann? Was bringt mir das? Die Welt ist ein Klo und das Schicksal steht an der Spülung um mich loszuwerden.

– Es könnte damit beginnen, eine Dose zu öffnen und mir die wichtigste Mahlzeit des Tages anzubieten. Ich glaube, heute ist ein Thunfisch-Tag. Oder gibt es noch etwas von der leckeren Paté?

Ich warf meine Decke beiseite, zog eine Hose an und schlurfte zur Tür. Max sprang vom Bett und schnurrte flink an mir vorbei. Das Beste an diesem seltsamen Morgen war sein Blick, als er merkte, dass ich die Tür zum Schlafzimmer wieder von innen schloss. Beinarbeit und Timing. So gewinnt man. Wahrscheinlich haben seine feinen Ohren auch registriert, wie ich mich wieder ins Bett gelegt und umgedreht habe.

Soll er sich sein Frühstück selbst machen, wenn er so schlau ist. Habe schließlich noch einen ganzen Tag zu verplempern.

– Autor: Hulot ·

Zweite Klasse

Seit in der ZEITUNG dauernd von Überfällen die Rede ist, verriegeln die Schaffner unsere Tür und bleiben davor stehen. Sicher ist sicher. Manchmal sitze ich in der Zweiten Klasse direkt an der Scheibe. Dahinter die Waggons zur Holzklasse. Klinke bei uns, Knauf bei denen. Dünne Reste von Menschen.

In letzter Zeit mischt sich martialischer Military-Look unter die knallbunten Polyester-Klamotten. Piercings und Tattoos. Trübes Neonflackern. Alle Passagiere schaukeln in derselben Körperhaltung hin und her. Als wären sie in der Kirche: Männer falten die Hände. Frauen legen das Kinn in die angewinkelten Handflächen. Hagere Gesichter, versteckt hinter verblassenden Kapuzen aus dürrem Haar. Jeder hat seine Farbe, von der er sich das meiste verspricht. Gebet und Warten. Leere Blicke. Abgewetzter Boden.

Unser Waggon: Gut beleuchtet, Polstersitze. Trotzdem warm und viel zu voll. Keine Klimaanlage, hin und wieder ein entriegeltes Fenster. Wenn der Zug schneller fährt, flattern die Morgenzeitungen. Jeden Tag dasselbe Brüllen nach unserer Aufmerksamkeit.

– Schon wieder ein Kind in der Holzklasse draufgegangen. Ich frage mich, warum die Assis nicht auf ihre Blagen aufpassen.

Mein Sitznachbar stößt mich an. Hält mir aufgeregt seine Ausgabe der ZEITUNG vor die Nase. Muss das nicht lesen. Weiß, was drin steht. Schreibe es mit. Erzähle es weiter.

– Wahrscheinlich wegen der Hitze.

– Hitze? So ein Unsinn. So warm ist es doch nun wirklich nicht. Fällt denn bei uns jemand um?

– Nein. Sind ja auch nur erwachsene Männer hier. Keine Kinder. Oder Frauen. Oder Alte.

– Und warum? Ich sage es ihnen: Weil die Leute hier in der zweiten Klasse ver-ant-wortungs-voll handeln. Verstehen sie? Die lassen sich nicht einfach so gehen! Wir achten auf uns, das sehe ich ihnen an!

Suche Gründe, nichts mit ihm gemeinsam zu haben. Finde keine. Versuch einer Erklärung:

– Wir können ja wenigstens frische Luft reinlassen. Die nicht. Bei denen ist es immer warm. Zu warm um…

– Ach was! Wer Luft will, findet auch welche! Eigeninitiative heißt das Zauberwort! Sehen Sie: Ich fahre schon seit vierzig Jahren mit diesem Zug. Vier-zig! Früher mussten wir immer mit denen…

Er zeigt mit dem Kopf Richtung Holzklasse. Ich sehe nicht hin. Weiß, was er meint. Lebe schließlich davon.

– …in einem Abteil sitzen. Klassenlose Gesellschaft, verstehen sie? Dann kam die Wende. Jeder kaufte sich ein Auto, und die Züge wurden leerer. Dann die Wirtschaftskrise. Viele ließen ihr Auto stehen. Hatten ja keine andere Wahl. Ein richtiger Jammer, das Ganze.

Als er das sagt, schaut er grimmig hinüber zur Ersten Klasse und murmelt etwas von Drecksäcke und Krisenullneun. Hab da auch schon auf der Schwelle gestanden. Kurz. Ist ein ganz anderes Spiel dort. Hab die Regeln nie verstanden. Wahrscheinlich gibt’s bei denen gar keine.

– Konnte sich ja keiner mehr leisten. Und dann die Überfälle. Furchtbar, verstehen sie?

Habe hier noch nie einen miterlebt. Aber die ZEITUNG berichtet seit einer Weile kaum mehr über etwas anderes.

– Am Anfang waren es ja nur kleine Taschendiebstähle. Aber dann wurde es immer brutaler. Damals, vor der Holzklassen-Trennung, hat mich mal einer von denen beim Telefonieren beobachtet. Während des ganzen Gesprächs! War doch klar, was der vorhatte. Als ich wissen wollte, was das denn solle, ist der Kerl auch noch weggerannt!

Sein Gesicht wird rot, er öffnet den obersten Hemdknopf. Einige sehen zu uns rüber. Mir müsste die Situation peinlich sein. Mein Schweigen. Mein nichts-entgegnen-können. Er verschnauft kurz, ist aber noch nicht fertig. Noch lange nicht.

– Neinneinnein, es ist schon besser so, verstehen sie? Wir hier. Die dort. Haben wir alle was davon. Es ist ja nicht nur bei uns so. Machen die doch jetzt schon überall. Was ich sagen will ist folgendes: Selbst ist der Mann! Krise als Chance! Stecken sie den Schaffnern hin und wieder etwas zu, und schon stehen ihnen alle Fenster offen! Alle Fenster offen, der war gut…“

Er kichert zufrieden und versteckt sich wieder hinter seinem Blatt. Hat gesagt, was ihm wichtig war. Der Wagen schweigt. Ich auch. Im Stillen kämpfe ich gegen den Impuls, ihm Recht zu geben. Scheiß Gutmensch, der ich gern wäre.

In der Holzklasse trommelt ein Bärtiger gegen die Scheibe. Ich blicke versehentlich rüber. Ein Kind, reglos auf dem Boden. Eine Frau kniet davor. Schüttelt, schreit. Der Schaffner schiebt sich ins Bild und kontrolliert das Türschloss. Dreht den Schlägen den Rücken zu. Profi. Das Glas hält. Er hat seine Anweisungen. Hält er sich nicht daran, sitzt er bald selbst drüben. Das Trommeln wird langsamer und verstummt.

Wir halten. Ich will aussteigen, doch der Gang ist dicht. Zu viele im Waggon. Komme nicht bis zur Tür. Umweg über die Klinke? Aber ich war schon einmal in der Holzklasse. Sogar als Schwarzfahrer. Ich bleibe sitzen. Sicher ist sicher.

– Autor: Hulot ·

Der Raum

Regen, bitte! Komm schon! Nicht aufhören! Hitze und Luft, so fett hier drin. Kaltes Wasser. Wann kommt die Flut?

Wände, überall Wände. Blutrote Ziegel. Gestapelt, lückenlos, gnadenlos. Nur Wärme. Von allen Seiten. Höre ihren dumpfen Ton wie einen Zug, der nie losfährt.

Lass es schütten! Nimm den Mauern alles. Stundenlang. Tagelang! Wie lange sitze ich hier schon? Und warum?

Will mir am liebsten den Brustkorb zerreißen. Platz schaffen. Die Kraft, die ich zum Atmen brauche, frisst mehr Luft, als ich in mich reinstopfen kann. Versuche sie zu kauen. Schmeckt nach Staub und Blut und Asche. Zu Asche.

Jedes Ausatmen ist neue Hitze. Die Mauern fressen sie dankbar. Jedes Einatmen saugt sie an. Brennen. Stürzt in meine Lunge. Zähneknirschen. Trockener Staub. Schleift mich hohl.

Nur das Tropfen bleibt gleich. Eine Pfütze, unter mir. Plitsch. Schon immer da. Plitsch. Nimmt sich immer mehr Boden. Plitsch. Ich laufe aus. Eine Sanduhr aus Schweiß.

Verdammt. Die Luft bleibt im Hals stecken. Kantiger Sauerstoff. Geht rein. Nichts kommt raus.

Warte, dass jemand reinkommt. Aber da ist keine Tür. Oder haben die Ziegel sie schon überwuchert?

Schwindel. Schulter brennt. Nicht anlehnen. Wand. Kommt. Gegen Schultern. Beide. Gleichzeitig.

Plitsch.

Langsam Luft. Holen. Schweiß im Auge. Anderes Feuer. Egal. Schmerz ist Schreien. Schreien. Kostet Luft. Muss nicht sehen, was rettet. Vielleicht. Oder zerdrückt. Vielleicht.

Drehen. Quer. Mehr Platz. Pfütze weg. Dafür Ziegel. Immer nur Ziegel.

Plitsch.

Luft nur noch in mir. Anhalten. Behalten. Nicht weglassen. Wand frisst. Pfütze. Wand…

Plitsch.

Wessen Luft atme ich hier? Wer atmet mich?

Plitsch.

– Autor: Hulot ·

Von der Menschheit

Waren die Gitter an den Fenstern gegenüber immer schon da? Ulli schaute durch die Scheibe seines Schaufensters den roten und weißen Lichtern hinterher. Kleine Regentropfen liefen um die Wette nach unten. Die Stille wurde nur ab und an durch ein barsches Hupen unterbrochen, wenn wieder jemand an der Ampel eingeschlafen war. Die Welt begab sich in den Feierabend. Aber die Kundschaft blieb daheim.

Kalter Straßenwind holte Ulli aus seinen Gedanken zurück. Ein Mann schleppte sich durch die Tür. Er sah aus wie das, was er im Kühlfach liegen hatte. Ihm folgte das Rauschen des Regens und eine schmutzige Blutspur. Aufgerissene Hände konnten nicht alles aufhalten, was aus der Nase lief. Sein Gesicht sah aus wie „Falsche Antwort“ und war erst auf den dritten Blick als das von Daniel zu erkennen.

– Gute Güte! Was ist denn mit dir passiert?

– Hast du mal ein Taschentuch?

Ulli reichte eine Rolle Kleenex rüber. Mit Blut kannte er sich aus, aber normalerweise fand das auf seiner Seite des Ladens statt. Daniel richtete sich her, stopfte sich zwei Zapfen aus Zellstoff in die Nase und atmete tief durch.

– Überfall. Gleich nebenan in der Gasse, wo eure Mülltonnen stehen.

– Ich war gerade draußen, habe nichts mitbekommen. Muss ja blitzschnell gegangen sein.

– Drei Typen, vier Köpfe größer. Habe wohl auf einen wie mich gewartet. Wenigstens stehe ich noch. Den Bobster haben sie letzte Woche glatt abgestochen, drüben, im WK 7.

– So Tage, nicht wahr? Was haben sie dir abgenommen?

– Alles. Bin nun amtlich pleite. Wird wohl nix mit ‘nem Brathähnchen für ein Opfer von Fenty Freddy heute, oder?

– Erzähl keinen Quatsch.

Ulli wickelte einen Batzen gelbes Fleisch ein und reichte es Daniel. Erst Kühlen. Dann aufs Gesicht legen. Danach für eine Stunde in den Ofen. So hat es Mutter früher gemacht, wenn einer der Stiefväter seinen Rappel bekommen und Lektionen ausgeteilt hatte. Ein hilfloses Lächeln und eine Verabschiedung später war er wieder allein im Laden.

Junkies. Ulli konnte mit all dem Scheiß nichts anfangen. Er war Trinker, grundsolide. Er hatte keine Angst vorm Drall, nur davor, dass er aufhören würde. Seine Fleischerei war vollkommen gefliest, hellblau. Er fand es eine gute Idee, sich dem anzupassen und gönnte sich aus der Flasche hinter der Schneidemaschine einen Grund weiterzumachen.

Als ihm der letzte Rest Scotch in den Magen tröpfelte, sah er in seine Hackfleisch-Schüssel. So wie die Alten früher in den Sternen bestimmte Figuren erkannten, sah er nun klar: Freiheit herrscht nicht. Frieden ist nicht. Nur der Krieg kommt von selbst.

Da öffnete sich die Tür erneut und herein kam ein Licht. Nicht weiß oder rot. Einfach nur die Hitze von Tausend Sonnen. Einer hatte auf seinen Knopf gedrückt. Der andere hatte die Einladung angenommen. Befehle, die nie jemand hören wollte. Lebende Tote führten sie dennoch aus. Hatten es ja geschworen. Es ging um Größeres. Wieder mal.

Von all dem wusste Ulli nichts in dieser letzten Sekunde der Menschheit. „Ungewohnt“, dachte er. Es war Herbst, so kalt und finster, wie lange nicht mehr. Glassplitter flogen in das Gehackte, fraßen sich durch Kittel und Haut, Knorpel und Knochen. Als sie sein Hirn pürierten, glaubte er noch den Geruch von nassem Hund wahrzunehmen. Dann gab sein Körper auf. Er schmolz in eine seiner Auflaufformen hinein. Das Fleisch in ihnen war bereits verdampft und nur noch Asche. Alles glühte. Auch die nutzlosen Gitter auf der anderen Straßenseite.

– Autor: Hulot ·

Mümmelmann

Boden ist Boden, egal ob hier oder anderswo. Und da lag er nun in seiner kleinen Nische, gleich rechts neben der Realität. Kopf auf Einkaufsbeutel. Drei geöffnete Kartons Mümmelmann daneben: acht Flaschen leer und auf dem Kopf stehend, vier der Dinge harrend, die da schlucken werden. Ein kleiner Zaun. Ordnung muss sein.

Gesunde Bräune. Keine vierzig Jahre alt, abzüglich Suff: fünfzig. Birkenstock, fleckige Hose. Schmutzige Fingernägel klammern sich an ein zerschabtes Duschradio wie an den letzten Menschen, der noch mit ihm redet. Alles endet hier über ultrakurz oder lang in den besten Hits der Wasweißichziger.

Die Kastanie spendet Schatten. Rennrad-Hipster zischen vorbei. Tauben kämpfen im Baum um den besten Platz unter der Krone, ihr Flattern applaudiert dem Sieger. Im Küchenstudio gibt es die Mehrwertsteuer geschenkt. Eine Kolonie Enten macht es sich auf der Wiese zwischen den Glascontainern und dem Plattenbau-Riegel bequem.

Atembewegungen, kaum wahrnehmbar, doch vorhanden. Trotzig, effizient, stinkend. Spreche ihn an, brülle fast. Keine Reaktion. Das Radio fällt herunter. Die Realität will sich durch den Lautsprecher heran kratzen. Da bewegt er sich.

Mit der Abgebrühtheit eines Bombenentschärfers tastet er nach dem Senderknopf. Braune Finger tätscheln zärtlich den runden Griff, schwarze Nägel fingern sich durch die Frequenzen. Irgendwo gibt es das dritte gratis obendrauf, wenn man noch zwei andere kauft. Aber nur für kurze Zeit!

Atmung weiterhin gleichmäßig. Neben der Dose Schultenbräu eine Handvoll Kleingeld. Zu präzise aufgehäuft, um Spende zu sein, zu wild durcheinander, um etwas zu bedeuten. Jimmy Hendrix ist an seiner eigenen Kotze erstickt. Allein. Stalin lag tagelang gelähmt in seiner Pisse. Die Geier umkreisten ihn, aber keiner hatte den Mumm, es zu Ende zu bringen.

Manchmal geht’s den Menschen wie den Leuten. Ich gehe zurück in die Vernunft und kaufe Katzenstreu. Im Angebot.

– Autor: Hulot ·

Der Dealer

Immer wenn Rocky gewann, stellte er sich vor, wie es wäre, sofort aufzuhören. Kassieren. Verschwinden. Neu anfangen. Weit weg, wo es warm ist. Tischler vielleicht. Sein Revier markieren. Am besten in einem dieser leeren Häuser im Osten, wo man noch jemand werden kann. Einen Namen an die Tür schreiben. Seinen. Staub und Fragen wegwischen. Ein Mädel kennenlernen. Eine, die bleiben will. Seinen eigenen Kühlschrank, nur in voll. Ab und zu der Mann seiner Frau sein. Ab und zu der einer anderen. Mit dem Hund eine Runde drehen. Nichts vermissen. Alles da wiederfinden, wo er es selbst hingestellt hat. Und eine Tür, die er allein abschließen durfte.

Alles nur so eine Idee. Wie so oft. Hatte ihn schließlich bis hierher gebracht. Dann war er mit Geben dran. Und damit all dem nochmal entkommen.

– Autor: Hulot ·

Die wichtigste Mahlzeit des Tages

Ding Doooo…

Selbst wenn ein Elefant auf sie treten würde, bekäme er aus den Batterien keinen Saft mehr für den Türwächter rausgequetscht. So blieb es bei dem selben sterbenden Jammern, als ein paar Leute hinter mir den Spätverkauf betraten. Ich stand seit zehn Minuten im zappelnden Neonlicht vor drei Regalmetern, die mir schreiend ihr Müsli andrehen wollten. Was mit Früchten? Oder Nüssen? Was half nochmal am besten gegen den andauernden Dünnschiss, weil es hier nur noch Eisgekühltes zu trinken gibt? Es war erst seit zwei Tagen offiziell Sommer und es hing mir jetzt schon zum Hals raus.

Der kleine Monitor in der hinteren Ecke des Kühlregals flimmerte unbeteiligt vor sich hin. Wenn ich genau hinsah, erkannte ich, was lautstark an der Kasse abging. Rudi ging einmal mehr leer aus, denn Carl gab ihm schon lange nichts mehr aus seiner Bierkiste. Er würde sich selbst nicht als Gewohnheitstrinker bezeichnen. Er hätte es im Griff. Glaubte er wirklich. Als einziger. Wenn er überhaupt etwas im Griff hatte, waren es drei Flaschen auf einmal. Nummer Eins zischte er gleich im Laden, die zweite davor und mit der dritten in der Hand lief er laut Haldewitzka singend über den Parkplatz bis die Polizei kam. Ohne Hosen. Rudi, nicht die Bullen. Er war aber auch der ehrlichste Schlucker der Welt. Falls der erste Hieb schon im Laden saß, stellte er die leere Flasche auf den Tresen, damit Carl voll abkassierte.

Aber das bringt dir keine Bonuspunkte, wenn du dem einen Teil der Menschheit auf die Nerven fällst und dem uniformierten Teil nur Arbeit machst. Wenigstens hat er die beiden anderen gut unterhalten. Soll mir Recht sein. Haben sie was für ihre Blogs.

Das Flackern der Lampen und des Monitors hämmerten einen Überweisungsschein für die Klapse auf meine Netzhaut. Mein Magen geriet ins Stolpern. Brauchte aber noch Milch. Der Gedanke ließ mich beinahe spucken.

Weiter hinten, am allerletzten Kühlregal vor der Wüste, entschied sich immer, wer von hier stammte und wer beim Mieten seines Ferienappartements zu geizig für eine anständige Gegend gewesen war und nun die Arschkarte gezogen hatte. Die Eingeborenen wussten, dass man nur die zweite Tür von rechts benutzen sollte. Der Rest hingegen war sofort in eine Diskussion verwickelt, wer nun den Schaden der kaputten Kühlung bezahlen musste. Bin mir sicher, dass Carl, seit ihm die Idee mit der Kühlstrecke gekommen war, noch nie für eine Tankfüllung selbst gelöhnt hatte. Jeden Tag nahm er sich einen dieser tätowierten Trottel vor, die lieber blechten als sich mit einem zwei Meter großen Gorilla in den Infight zu begeben. Carl überzeugte. Er hatte Pranken so groß wie Gullydeckel, acht Sprachen drauf und konnte in allen so tun, als ob er nichts verstünde, aber dafür sorgen, dass in fünf Minuten dreißig Brüder und Cousins hier waren. »Mit Hund!« Das reichte normalerweise. Barzahlung, bitte, danke, beehren sie uns bald wieder. Danach wusste man Bescheid und gehörte irgendwie dazu.

So wie es aber heute aussah, war auch die letzte noch funktionierende Tür im Eimer. Wie der Flügel eines toten Vogels hatte sie einfach aufgegeben und hing knarzend in den Gang hinein. Das Aggregat rasselte im Wettlauf gegen die Juni-Temperaturen und war jetzt schon wärmer als die Heizung im Winter. Vor der Strecke breitete sich eine undefinierbare, aber tiefe Pfütze über dem zertretenen Linoleum aus. Verdammt. Ich hasste warme Milch. Schmeckt hoffnungslos gut gemeint wie ein Vesper im Kinderheim.

– Carl? Am Kühlregal hat wieder jemand die Tür offen gelassen. Der Kuhsaft ist schon wieder kurz vor Joghurt!

Ich rief durch den Wald aus Zeitschriften, Waschmittel und eingelegten Gurken, bekam aber keine Antwort und hakte nach.

– Carl?

– Geht gleich los! Hab hier noch was zu erledigen!

Ich nahm die letzte Flasche, die noch nicht aussah, als stamme sie direkt aus dem Ganges und schlurfte zur Kasse. Der Monitor zeigte, dass Carl gerade die beiden anderen Typen bediente. Rudi stolperte auf seinem Weg nach draußen frustriert an mir vorbei und rempelte mich an. Ohne Absicht, dafür mit Wirkung. 120 cm Fallhöhe. Klare Sache: Die Flasche verliert gegen den Fußboden durch technischen KO. Glasscherben. Pfütze. Abend hinüber. Schuhe auch. Rudi war weg. Aber das war gerade mein kleinstes Problem.

Einer der beiden Ehrengäste drehte sich und wünschte mir einen Guten Abend. Überzeugende neun Millimetern breit. Es war wieder einmal soweit. Bei den ersten beiden Malen hatte ich mir amtlich in die Hose gemacht. Aber das war schon zwei Dutzend Male her. Der Abend war warm und der Kopf sortierte kühl: Die Pistole ist die Waffe des Offiziers. Wenn Du nah genug an den Schützen kommt, hat er verloren. Zwei Zentimeter am Arm gerüttelt bedeutet, dass er das Ziel um mehrere Meter verfehlen wird. Man müsse nur entschlossen sein.

Das eine erzählte mir Leutnant Trapp, das andere mein Alter. Ihre Informationen waren jetzt so sinnvoll wie die Angabe »You are here« auf einem Foto der Galaxie, wenn dir irgendwo am Arsch der Welt der Sprit ausgeht und du eine Tankstelle suchst. Keiner von beiden war hier je einkaufen. Trapp stürzte im Dienst für Irgendwas mit einem LKW an einer kroatischen Brücke in den Abgrund. Vater war Rudi hinsichtlich der Karriere des ambitionierten Trinkers schon zwei Leitern voraus gewesen und fand seinen Abgrund auf der anderen Seite der Stadt auf dem Boden einer Flasche. Seitdem teilt er sich mit Mutter ein nettes Doppelurnengrab. Mutige Krieger. Die Friedhöfe der Welt waren voll davon. Mit den beiden wurden auch ihre Ratschläge zu Asche. Damit tröstete ich mich immer, bis es mir egal war, welche Verrückten hier mit einer Knarre ihre Kasse aufbessern wollten.

Spritzend rasselte mein Müsli in die Milchpfütze. Acht Stunden zu zeitig. Ein paar Straßen zu weit von meinem Frühstückstisch entfernt. Jetzt sah auch der andere Penner zu mir. Carl fingerte schwitzend ein paar kleinere Scheine und ganz viele Münzen aus seiner antiken Kasse. Die sollte dem Laden wohl etwas Kaufmännisches verleihen. Die Theke war auffallend leer. Die beiden Pistoleros standen also nicht zum Bezahlen an. Den einen würde selbst ein unausgeschlafener Cop mit Grauem Star sofort aufspüren, denn er trug einen viel zu großen, viel zu runden Kopf auf einem viel zu dünnen Hals. Der mit der Knarre hingegen schien mit einem Raumschiff hier gelandet zu sein, so ungeschickt fuhrwerkte er an der Kasse herum. Erfolglos. Wütend blitzte er Carl an.

– Du willst mich doch verarschen?

Beide hatten sich offenbar mehr von dieser Aktion versprochen. Selbst schuld: Späti im Studentenviertel. Da müsste seiner Meinung nach kurz vor Schluss die Kasse so voll sein wie ein Lokus an Karneval. Armer Idiot. Konnte sich nicht eine Sekunde lang vorstellen, dass die Wohnheim-Charlotten und WG-Benjamins hier nur herkamen, um Billo-Bier zu kaufen. Drei Tage vor Monatsende waren auch bei denen die Kleingeldbüchsen auf der Schlachtbank.

– Kasse… leer… nachsehen… selber!

Carl stammelte wie ein Tourist, dem man gerade Minibar und Sonnenliege geklaut hatte. Seine Brüder waren gerade sehr weit weg. Dafür wuchsen die Schweißränder auf seinem Hemd. Das Alien schaute in die Lade, Kugelkopf noch immer mich an. Beide sahen in ein tiefes Nichts. Der Lautsprecher des kleinen Radios an der Kasse leierte: „…und ich vergesse nie den Moment…«. Humor hat er ja.

Dann jaulte hinter uns der Türwächter zum letzten Mal auf. Er war nun in einer besseren Welt. Kleineres Problem. Rudi trottete rein, auf der Suche nach der letzten Chance des Abends. Größeres Problem.

– Komm schon Carl. Eine Pulle. Für 'nen alten Krieger und wegen der alten Zeiten!

Die Schleicher wurden munter. Den alten Krieger hatten sie nicht mehr auf der Rechnung, aber jetzt hatte er sie geweckt und nun begann der Tanz. Im Film würde ich mich jetzt beherzt auf einen der beiden stürzen und mehrere Hausratversicherungsfälle später wäre die Situation bereinigt. Ich tat – wieder mal – genau nichts. Alles andere als heroisch, aber bewährt. Carl ging neben der Kasse hinter einem Aufsteller mit Kartoffelchips in Deckung. Seinen Optimismus mochte ich schon immer. Die Ganoven schauten sich für eine ewige Sekunde lang an und beschlossen, dass andere Stadtteile auch noch schöne Läden hätten und der hier ein Reinfall war, wegen dem man nicht ins Camp Knacki einfährt. Die Gäste hatten es eilig und verließen unsere Neon-Disko so pleite, wie sie kamen. Rudi krachte nach einem Bodycheck in ein Regal mit Nudelsaucen und verwandelte den Boden in ein modernes Gemälde. Vielleicht sollte Carl die Bude morgen einfach an irgendeinen Idioten verkaufen, der glaubte, das Kunst von Kaufen kommt.

Rudi bot an, die Pfütze wegzuwischen, wenn ich ihm einen Gefallen tun könnte. Einfach nur drei Bier … ginge das? Carl kroch hinter den Chips vor und besah sich zuerst den Schlamassel, danach Rudi und mich. Stumm ging er nach hinten und kehrte mit neun Flaschen Bier in einer Hand wieder zurück. Für jeden drei. Zur Feier des Tages. Oder was auch immer uns besser schlucken lässt. Wir setzten uns vor den Laden und sagten nichts. Ich gab Rudi meine Flaschen. Eisgekühlt, schon wieder. Verdammt.

– Autor: Hulot ·

Eine Nacht von vielen

Ein Blaulicht kündet dem Rest unserer Sackgasse unermüdlich vom Höhepunkt des Abends. In der Stadt ist der Teufel los. Wie jeden Abend. Ein Funkgerät petzt blechern Übeltaten in die Nacht. Menschen an den Fenstern. Genießen die Show. Streamen wildeste Mutmaßungen. Glücklich, dass es sie nicht getroffen hat.

In den Nächten, in denen das warme Wetter langsam aufgibt, fühlt es sich besonders kalt an, wenn der eigene Kopf von einem Knie auf das Straßenpflaster gedrückt wird. Ein metallisches „Schnipp Schnapp“ an meinen Handgelenken weckt mich. Jemand schiebt seine Hände durch meine Achseln. Schmerzen gewittern durch meine Schultern. Hebelgesetz. Pech gehabt.

Die Pranke eines Polizisten haut mir auf den Hinterkopf und tut so, als läge ihr etwas daran, dass ich mich nicht am Türrahmen stoße. Im Auto ist es mehr als nur warm. Die Beamten haben den Sommer wohl gleich mitverhaftet. Eine Wolke aus Kaffee, Leder und Kotze verstopft die vergitterte Rückbank. Für mich ist wohl noch Platz genug. Also schieben sie auch noch rein. Wie ein Brot in den Ofen, das im Dunst einer klammen Mittwochnacht schön knusprig werden soll.

Als der andere Polizist losfahren will, bemerkt er den Rettungswagen vor seinem Auto. Unsere Straße ist ein viel zu dünner Schlitz zwischen Häusern voller Sozialwohnungen. Nur ein Ausgang. Wir müssen warten. Auf der Bühne des menschlichen Kasperle-Theater sitzen jetzt auch die Wachtmeister fest. „Mann, muss ich mal schiffen!“. Die volle Blase des Einen und der nahe Feierabend des Anderen heizen den Mief mit zusätzlicher Ungeduld auf.

Eine alte Frau jammert in der Haustür. Sie sieht den Sanitätern hinterher, die vorsichtig einen Mann in den Rettungswagen schieben. Ihren Mann. Sie trägt keine Schuhe, dafür einen Bademantel voller Blutflecken. Die roten Kleckse auf ihrem Bauch bilden einen wackelnden Globus. Nordamerika geht quer über ihren Hintern. Australien liegt neben Afrika in der Nähe des Kragens. Zitternd hält sie sich ihre Hand vor den Mund, als wolle sie sich die Finger bei der nächsten Gelegenheit abbeißen. Mit dem neuen Blut könnte sie ja noch Italien hinzufügen. Eine dauergewellte Mutter Erde in rosa Frottee, dank der Nachbarn nun live im Internet.

Wir warten immer noch. „Hey Männers, wie schaut’s mit etwas Frischluft aus?“, versuche ich den Drang meines Magens zu verhindern, das Abendessen gleich hier hinten wieder zu entlassen. Für die Polizisten bin ich anscheinend gar nicht da. Als ich mich wiederhole, dreht sich der eine um und lässt mich seine Faust kosten. Jetzt ist auch Blut auf meinem Hemd. Alles klar: Fresse halten heißt gesund bleiben.

Die Sanitäter lassen sich Zeit. „Was haben sie sich bei der Aktion eigentlich gedacht?“, will der Fahrer wissen. Ich antworte ihm, dass ich gar nicht gedacht habe. Manche Sachen passieren eben. Manchmal nicht die schlechtesten. Hakuna matata. Beide schauen sich an und beginnen zu lachen. Lieber so eine Reaktion als noch eine aufs Maul zu bekommen.

„Der Alte ist schon ziemlich hinüber. Wer weiß, ob er die Nacht noch übersteht? Schämen sie sich denn nicht, einen so alten Mann zu verprügeln?“

Ob ich mit einer Verwarnung davon gekommen wäre, wäre das Opfer jünger gewesen? Ich schlucke die Frage runter. Die beiden Uniformen haben schon auf die Frage nach Frischluft allergisch reagiert. Bleibe lieber bei der Wahrheit.

„Nein. Das alte Dreckschwein hat meiner Familie lang genug zugesetzt. Dieser feige alte Pisser lauerte meiner Frau auf, weil er sich mit seinem kleinlichen Gemecker nicht an mich ran traut. Außerdem versucht er uns schon eine Weile mit seiner Stasi-Scheiße zu vergraulen. Heute schmierte er mit Kugelschreiber an den Briefkasten: Räumt die kleinen Stöcke weg, die euer Sohn immer vors Haus legt. Kein Fußball auf dem Wäscheplatz mehr. Große Hausordnung machen. Aber gründlich! Sonst meldet er es.“

„So 'nen Roman? Auf einer einzigen Briefkastenklappe? Deshalb hast du den Opa zerlegt und die Treppe runter geschmissen?“

„Geschmissen habe ich ihn ja überhaupt nicht. Er ist… gefallen. Als er sich verpissen wollte. Manchmal erwischt es halt einen.“ Ich verkneife mir den Hinweis auf das Darwin-Jahr. Dünner Geduldsfaden und Handschellen. Für einen weiteren Oberlehrer-Spruch von Rücksitzbank hat hier niemand etwas übrig.

Der Rettungswagen zieht langsam ab. Der Polizist tritt aufs Gas und der Streifenwagen ist fort. Ohne mich. Ich sehe ihnen noch eine Weile nach. Dann treibt mich die Kälte zurück ins Haus. Die Nachbarin versteht gar nichts und glotzt mich fassungslos an. Ginge es nach ihr, hätten mich die Polizisten gleich hier erschießen müssen. „Klarer Fall von Notwehr“, sage ich zu ihr im Vorbeigehen. „Wird keine Ermittlungen geben.“ Sie zetert etwas von „Unverschämtheit“ und „Ungerecht!“. Ich gebe ihr einen neuen Kuli, der ihres Mannes steckt noch in seinem rechten Auge. Soll es aufschreiben.

Hilft mir auch immer.

– Autor: Hulot ·

Katzentisch

Bis zum Arsch des Arsch der Welt sind es 20 Kilometer. Jedes Jahr kurble ich durch endlose Felder, holprige Landstraßen und gegen den Wind ins Gasthaus „Zum Malz“ am Rande der Welt. Ein magischer Ort, nicht nur weil es immer bergauf geht, ganz gleich, ob ich herkomme oder heimfahre. Alles hier ist gleichzeitig gestern und übermorgen. Windräder quirlen Luft zu Strom, während die Bauern den alten Zeiten nachweinen, die naturgemäß immer die guten, wenn nicht sogar die besten waren. Dann steigen sie in ihre Teslas und fahren in den Dorfkonsum zwei Ortschaften weiter. Nur der Gestank, der war schon immer so.

Das „Malz“ ist ein altes Bauernhaus an der Durchgangsstraße zwischen Stadt und Welt. Küche gutbürgerlich, Stimmung urig, Kartenzahlung nicht möglich und der Ort, an dem Großmutter Otremba immer ihren Geburtstag feiert. Tradition ist Tradition. Mein Fahrrad verrät allen, dass ich nicht aus der Gegend komme. Klauen würde es mir hier niemand, das wäre unter jedermanns Würde, daher stelle ich es einfach hinterm Haus ab, wo ich über Cousine Lola stolpere.

„Und das ist K., mein Kussenk, sag ma' hallo!“, tönt es hinter einem Smartphone hervor. Ich sehe sie nicht, aber sie sehen alle via Livestream. Ich grüße brav, sie kichert und gibt mir unverständliche Handzeichen. Soll ich nochmal grüßen? Einen Handstand machen? Mit Kettensägen jonglieren? Habe auf nichts davon Lust und lasse sie stehen. Sie hat mich ohnehin vergessen, die alten Hofgeräte sind jetzt viel interessanter als ich. „OMG! Voll Vintage!“

Der Gastsaal ist rammvoll. Als ich beginne, die Mitglieder der Familie zu begrüßen, spielt der Alleinunterhalter noch „Looking for Freedom“. Endlich beim letzten angekommen, beendet er „Atemlos durch die Nacht“. Alte und neue Gesichter. Gescheiterte Einzelgänger und hoffnungsvolle Neuanfänge. Geiles Starren trifft auf misstrauisches Lauern. Eine ganz normale Feier also.

Als Kind dachte ich, dass ich auch irgendwann einmal bei den Großen sitzen darf, wenn ich alt genug bin, mich zu rasieren. Fehlanzeige. Sehe meinen Platz. Wieder einmal Katzentisch. Da kann sterben wer will, die Reihen bleiben geschlossen und ich außen vor. Will ohnehin nicht lange bleiben. Merkwürdig ist es aber schon, denn neben Großmutter wäre noch ein Platz frei. Ich setze mich und schaue zu ihr. Sie hebt entschuldigend die Schultern. Früher bekam ich später noch ein Bonbon zugesteckt. Das war unser Geheimzeichen. Jeder meiner Brüder und Cousins hatte eins, aber meins war besonders. Dachten die anderen wahrscheinlich auch. Falls sie sich noch daran erinnern wollten.

Mit mir sitzen fünf andere Personen am anderen Ende der Tafel: Onkel Reini, der es früher, zu DDR-Zeiten, beinahe in die zweite Mannschaft von Chemie Leipzig geschafft hätte – wäre ihm nicht dieser „blöde Unfall“ dazwischen gekommen. Traudl, seine Frau, die mehr schwitzt als redet. Ein verrücktes Pärchen, das Oma im Urlaub kennengelernt hat und dessen Name niemand kennt, das aber nackte Hunde züchtet. Und Lola, deren Platz leer bleibt, weil Reini sogar Leute ihres Schlages mit Geschichten von Früher nervt. Sie stromert durch das Gasthaus auf der Suche nach „awesome Stuff“.

Fotos der Hunde werden herumgereicht. Die Tiere sehen aus wie fettige Bratwürste, die jemand in eine Hundeform gepresst hat. „Scholoitz-kuint-li heißen die. Das ist der Fred. Und das die Maggie. Guck mal, wie die Maggie Schnute macht!“ Wir gucken, wie Maggie Schnute macht. „Kommen eigentlich aus Mexiko. Sind sehr empfindlich bei Sonne.“

„Wie diese Nacktkatzen, stimmts?“, will Reini den Tisch übernehmen.

„Bleib uns mit denen vom Leibe! Das ist doch eine Qual, die armen Viecher! Und ästhetisch sind die auch nicht. Die sehen ja alle aus wie überfahrene Handtaschen. Nein, sowas kommt uns nicht ins Haus, nicht wahr Schatz?“

Schatz nickt und zeigt uns „den Fred“, wie er ebenfalls beim Schnute machen ganz vorne mit dabei ist.

Reini verleiert die Augen. Traudel schwitzt. „War knapp, letzte Saison, oder?“

Die Bilder der Hunde sind wie Autounfälle und es kostet einige Kraft, mich von ihrem Anblick loszureißen, um Reini zu antworten: „Hm?“

„Naja: Chemie. Sind ja fast abgestiegen. Zu meiner Zeit hätte es das nicht gegeben. Das waren noch echte Kerle. Aber guck dir mal die Jüngelchen von heute an. Das ist doch alles nur noch Tattoo und Aua-Aua. Habe ich dir eigentlich schonmal erzählt, wie ich damals beinahe bei Chemie in die Mannschaft gekommen bin? Also, das war so…“

Wenn die Not am größten, ist ein guter Kellner am nächsten. Der stille Patron wuchs plötzlich neben mir aus dem Boden und fragte, was ich zu trinken wolle. Sein Gesicht strahlte wie von einem Leuchtturm herab. Er hatte alles schon gesehen, wahrscheinlich mehrfach, und wusste, dass Unsichtbarkeit ein Segen sein kann. Reini erzählte seine Geschichte nun der Hüfte des Kellners, den ich am liebsten um ein Bierglas voller Whisky gebeten hätte. Lieber gleich sterben, als noch einmal die Geschichte über den Lada hören müssen, der Reinis Karriere zerstört hat, damals, anno Pfefferkuchen, als die Welt noch komplett schwarz-weiß war.

Flüchten kann ich nur nüchtern. Bestelle Ginger Ale. Reini fragt mich grinsend, wie das denn sei, so als einziger Schwuler der Familie. Frage ihn, wie es so sei, als einziger Sportinvalide der Familie. Das Grinsen verdampft.

„Kann ich doch nichts dafür!“ – „Komisch, wollte ich auch gerade sagen!“

Traudl zupft ihren Mann am Ärmel. Die Musik und Reini geben Ruhe. Könnte man sich dran gewöhnen. Der Alleinunterhalter überreicht Oma das Mikrofon.

„Schön, dass wir uns in diesem Jahr wiedersehen und ihr es wieder alle geschafft habt. Danke für die lieben Geschenke und Karten. Hat mich wirklich gefreut! Auch freuen mich die vielen bekannten und die vielen neuen Gesichter. Familie. Ist ein anderes Wort für sicherer Hafen. Und davon kann es gar nicht genug geben.“

Die Familie schaut sich anerkennend an. Haben sie toll gemacht. Einmal im Jahr an den Arsch der Heide zu fahren, um nicht aus dem Erbe zu fallen. Großartige Leistung. Den Älteren steht der gierige Ehrgeiz ins Gesicht geschrieben, Großmutter unbedingt zu überleben. Den Jüngeren ist das egal. Sie stehen nicht nur unendlich weit hinten in der Liste der Gewinner, sondern haben auch noch echte Erinnerungen an Zuckerbrot, Mensch ärgere Dich nicht und endlose Uno-Runden im Herzen.

„Leider scheint sich Olúwaseun zu verspäten, aber das macht nichts. Der kommt bestimmt gleich. Fangt also ruhig schon einmal an. Guten Appetit und nochmal: Danke fürs Kommen!“

Das war neu und niemand im Raum kann etwas damit anfangen. Da hocken fünf Dutzend Verwandte, von denen jeder wusste, was der andere verdient, auf dem Kerbholz hat, was sie letzten Sommer getan hatten und vor allem: wie sie hießen. Wären Außerirdische neben dem Buffet gelandet, hätte das nicht weniger Verwirrung zur Folge gehabt. Die Hundefrau findet in die Stille hinein ein weiteres Bild von Fred und Maggie, wie sie beide Schnute machen („Gleichzeitig!“) und zeigt es sehr stolz in sehr viele sehr verdaddelte Gesichter.

Reini fängt sich als Erster. „Olúwaseun? Was ist das?“

„Wer, Reini. Wer ist das. Er kommt aus Nigeria.“

„Nigeria? Nigeria wie Afrika?“

„Nein, ich meine das Nigeria bei Magdeburg! Mein lieber Reini, natürlich Afrika. Oder kennst du noch eins?“

In Reini poltern alle Gedanken gleichzeitig durch den Kopf, sein offener Mund verrät es und man kann es fast klappern hören. Traudl stupst ihn an, damit er nicht allzu dämlich aussieht. 60 Jahre zu spät. Der Rest der Gesellschaft beginnt zu tuscheln. Das Summen steigt zu einem Rauschen an. Ein Besteck scheppert laut auf den Boden. Doch das ist noch nicht der Startschuss.

„Ihr könnt ihn Oli nennen. Es sei denn, einer von euch spricht Yoruba.“

Nun bricht es aus allen gleichzeitig heraus. Großneffe Schlümisch schreit atemlos „Prinz. Scam. Internet!“. Seine Frau fällt direkt in Ohnmacht. Das verstehen nun auch die anderen. Es ist eindeutig das Ende der Welt wie wir sie kennen: Oma wurde abgezockt. Rente weg, das Erbe womöglich auch. Alle bringen ihre Geschütze in Stellung und schießen ihre Vorwürfe auf Großmutter ab. Reini hatte geplant, groß in Sportwetten einsteigen; er hatte da einen Typen mit todsicherem System an der Hand. Die Hundezüchter dachten daran, ihren Zwinger zu vergrößern und ihre Bratwurst-Hunde nach Polen exportieren. Lola bekommt sich fast nicht mehr ein und streamt das ganze Theater ungebrochen ins Netz.

Bernd, Omas anderer Sohn und Reinis Bruder, versucht die Stimmung zu beruhigen. Reini fällt ihm ins Wort. „Spiel dich hier nicht so auf! Es ist auch dein Erbe, das hier den Bach runter geht! Oder hat der feine Herr schon was zur Seite gebracht?“.

Bernd ignoriert ihn und dreht sich von ihm weg. Blöder Fehler. Reini wirft einen abgenagten Eisbeinknochen an den Hinterkopf. Die Entgeisterung kippt spontan in ein solides Handgemenge. Die Spiele sind eröffnet. Frauen kreischen und feuern an. Männer feuern an und kreischen. Lola ruft die ganze Zeit „OMG! OMG!“ und streamt fleißig weiter. Nur Ines, Steffi, Manuela und Katrin lassen sich nicht anstecken und bilden einen Kordon um Großmutter. Sie sind die unbesigbaren „Vier Engel für Oma“ und teilen kräftiger als alle anderen aus. Jeder, der ihnen zu nahe kommt, fängt sich eine. Am heftigsten erwischt es Günther, den alten geilen Bock, der allen immer nur auf den Hintern schaut und killekille spielen will. Er landet mit dem Gesicht in der heißen Kartoffelsuppe. Niemanden kümmert’s.

Ich habe mich hinter dem Tresen versteckt. Bester Platz. Hier hat man mit dem Wirt immer einen Waffenbruder an der Seite. Ich nahm an, dass Hunde ohne Haare heute den Höhepunkt bilden würden. Aber das hier war biblisch. Anfangs versuchte Oma noch, sich zu erklären. Aber Erklärungen waren das letzte, was dieser Mob wollte. Das Zauberwort für den dritten Weltkrieg war ein harmloser Vorname und hier waren alle zum Endsieg entschlossen. Oder fast alle. Nach und nach krochen Leute vom Parkett und flüchteten kopfschüttelnd zum Parkplatz. Sogar Reini und Bernd ließen irgendwann voneinander ab, als Traudl mit einem verzweifelten „Och Mönsch“ alle überraschte.

Als sich der Staub legt, bin ich der Letzte im Saal und gehe zurück an den Katzentisch. Was die Tischdecken nicht aufzusaugen vermochten, tropfte auf den Boden. Stühle lagen kreuz und quer im Raum. An der Lampe hing ein vergessener Hut. Tante Ritas Perlenkette hatte sich auf dem Boden verteilt und die kleinen weißen Kugeln warteten nun auf einen Unglücklichen und sein labiles Becken. Es roch nach Bier und Zorn. Der Alleinunterhalter orgelt sich pflichtbewusst noch immer einen ab. Der Kellner bringt ungefragt zwei Drinks. Wünsche Oma Alles Gute und erhebe mein Glas. Sie zuckt wieder mit den Schultern und beginnt plötzlich zu strahlen.

In der Tür steht ein riesiger Blumenstrauß auf zwei Beinen. Für einen Moment sind siebzig ihrer fünfundachtzig Jahre vergessen und sie stürzt auf ihn zu. Olúwaseun hat es also doch noch geschafft. Formvollendet in einem kobaltblauen Zweiteiler, wie ein Privatdetektiv aus den Vierzigern. Nicht schlecht. Hätte sowieso nicht in die Polyester- und Jeanshosen-Veranstaltung gepasst, die unser Klan für angemessene Kleidung hält. Selbstverständlich jedoch für einen, der so alt wie Oma ist. „Alles Gute, mein Herz.“ Nigerianisch-deutscher Singsang, unvergleichlich, hundert Prozent Seele. Der Kellner bringt auch einen Drink für ihn. Er lehnt ab. „Muss noch fahren, mein Freund.“ Oma stellt mich ihm vor. Er lädt mich in sein Restaurant ein. „Aber nur, wenn du allein kommst“, zwinkert er mir zu. Ich zwinkere zurück. Guter Mann.

Als ich gehen will, höre ich ein Klatschen und Stöhnen aus der Abstellkammer. Vorsichtig öffne ich die Tür, denn auf Familienfeiern, lässt es so mancher etwas loser angehen. Doch statt ineinander verkeilte Verwandte am Rande der Legalität sehe ich die vier Schwestern. Sie haben Günther noch immer in der Mangel. Er sieht aus wie das Frikassee, mit dem sie ihn offenbar übergossen oder zwangsgefüttert haben. Ines schaut mich mit einem Blick an, der mich vor die Entscheidung stellt, der Welt einen Gefallen zu tun oder dumme Fragen zu stellen. Ich schaue die Schwestern an. Günther uns alle, flehend, mit Suppe im Haar. Wir verstehen uns. Ich schließe die Tür. Was ich nicht gesehen habe, muss ich auch nicht vergessen. So bleibt's in der Familie. Tradition ist Tradition.

– Autor: Hulot ·