Mikrobi

Klagefall & Texas-Jim & Hulot

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Lindenfels (Doppelmonarchie Lindenfels-Schreiburg), 22:38 Uhr

„Prämisse: Ich werde mich nicht in Details ergehen“, versprach ihm die Halbglatze, die nur gelegentlich durch seinen Kneifer nach oben blinzelte, um ihn zu taxieren. „Fazit: Sie bewerben sich bei uns in einer Behörde, die jeden Vormittag damit beschäftigt ist, ihre Beamten in andere Bureaus umziehen zu lassen. Am Nachmittag findet die reguläre Arbeit statt.“

Die Straßenreinigung spülte draußen bereits den Staub des Tages durch die Gassen in Richtung Fluss. Er saß jetzt schon fast eine dreiviertel Stunde hier und hörte geduldig zu, wie nicht auf Details eingegangen wurde. Sein Gegenüber nannte diesen in der Sommerhitze erstickenden Raum ein „Bureau“, aber in Wahrheit war es eine Schuhschachtel zum Zwecke der Aufbewahrung schlecht gewordener Lebensentwürfe. Hinter den Aktenschränken löste sich schmatzend die Tapete. Ein Gehilfe war damit beauftragt worden, einen alten Schrubber regelmäßig an der Wand nach oben zu schieben, um sie dort wieder für ein paar Minuten zu befestigen. Eifrig kam er dem nach. Hackenknallen nach jeder Verrichtung. Seine Uniform ließ vermuten, dass er sich in der Vergangenheit speziell hierbei hervorgetan hatte.

„Fazit: Sprechzeiten haben wir nur einmal im Monat, eine Stunde. Begründung: Wir befinden uns am Vorabend eines neuen Krieges. Das zehnte Jahr nun. Strategie: Sicherheit durch maximale Verwirrung der Untertanen. Jeder könnte ein feindlicher Agent sein. Prämisse: Der Mensch ist schlecht, weil er keine Behörde ist. Schlussfolgerung: Wir müssen uns schützen. Frage: Können Sie das organisieren?“

„Natürlich. Ich kann alles organisieren.“

„Gut. Beschluss: Betrachten Sie sich bei der Behörde für Parks und Grünanlagen im innerstädtischen Bereich (Bezirke M bis Z, außer V und Y) als eingestellt! Glückwunsch, Herr …?“

„Kischka. Doktor Franz Kischka.“

Raumstation Ritter 23 (nähe Saturn), 22:37 Uhr

Seit dem Tod seiner Eltern boxte Jock Runde um Runde gegen die tote Luft, die ihn am Leben hielt. Erst Suff. Dann zusammengerissen. Hochgearbeitet. Gedankenkammerzeit war teuer. Für ihn aber notwendig. Die Bosse wussten, dass Credits Motivation bedeuteten. Und doch blieb gerade nicht mehr viel, wogegen oder wofür es sich zu kämpfen lohnte. Die Leere zuckt nicht. Höchstens mit den Schultern. Sie hatte Zeit.

Der Sand seiner Uhr hingegen rieselte wie der einer gottverdammten Wüstendüne, wenn eines der Tierchen bergab pinkelte. Er wusste nicht, wie sie hießen, aber er bewunderte sie. Kamen überall zurecht. Niemand fragte nach ihrem Output. Sie konnten nichts vergessen, weil sie sich nichts merken mussten. Sein Power Animal war das Bärtierchen. Das überlebte sogar in der Kälte des Alls. Sollte er auch hinbekommen. Wenn er einen Grund fände, wofür.

Als KI-Psych hatte er dafür zu sorgen, Stitchson, die KI der Station, nicht degenerierte. Ritter 22 und 54 gingen genau daran zugrunde. Irgendwann hatten deren Bordcomputer alles durchgespielt. Nichts ergab für sie noch Sinn. Rechnerisch. Also: Steuerung blockiert und Endstation Atmosphäre des Titan. Viel Geschrei, alles lautlos. Aber zwei schöne Explosionen.

Jocks Job war es, Stitchson kurze Stories zu erzählen. Die KI hörte ihm zu. Als einzige. Schraubte dann immer ihren Erregungspegel von „Armageddon“ auf „Blumenwiese“ runter. Die Station gewann so Tag um Tag. Überleben. War da mal was anderes? Ihm steckte da was in den Knochen, das ihn jeden Tag aufstehen ließ, aber außer ihm und ein paar anderen Knittergesichtern kaum mehr jemand verstand. In den Speicherbänken war darüber nichts zu finden. Gab keine Wörter dafür. Hatten sie weiterzugeben verpasst.

Das war Jocks letzter Fight und er wusste es. Geschichten für eine KI schreiben. Schmusiger Output, damit der Elektronenbauch den Wahnsinn übersah, bei Laune blieb und den Laden nicht als Feuerball am Arsch der Galaxis verglühen ließ.

Aber er tat es. Für seinen Grund.

Stadt ohne Namen (?), 22:36 Uhr

– Bud Spencer.

– Ja.

– Kam zu dir. In den Späti.

– Vorhin. Ja.

– Und brauchte Pflaster, weil er sich den kleinen Finger geratzt hat?

– An einer Flasche. Ja.

– Und?

– Er hatte eine hellere Stimme. Gar nicht so tief, wie man es so kennt. Tja. Und mehr Bart. Ja.

– Hat er jemanden verprügelt? Oder wenigstens einen Spruch abgelassen? Sowas wie „Mach Platz, ich bin der Landvogt!“?

– Er wollte nur sein Bier haben. Jammerte dann ein bisschen. Konnte wohl kein Blut sehen. Dann hat er die Katze fressen wollen. Da hab ich Notruf gemacht. Ja.

– Du weißt aber schon, dass er tot ist?

– Wunderte mich auch, Herr Inspektor. Ja. Sehr.

– Also: Pflaster. Fertig?

– Wollte ihm noch einen Arzt rufen. Ja. Er meinte aber „Null problemo“. Ist gegangen. So. Ja.

Lovecraft verdammte den Tag, an dem er bei der Polizei angefangen hatte. Inspiration. Pah. Dieser Welt war nichts mehr abzuringen.

Der Heizer

Er denkt bereits beim Aufwachen an den Qualm. Seine Augen sind noch geschlossen, aber er kann sie sehen: Graue Wolken. Abgeregnetes Salz in den Augen jener, die noch Tränen besitzen. Das einzige, was er von seiner Arbeit vorweisen kann. Das und die Asche, in die er alles verwandeln muss. Sein ständiger Begleiter ist der Duft von Verkohlung. Das Feuer presste ihn in jede seiner Poren. Wie ein Kalb trägt er dieses Erkennungszeichen. Das Feuer prägte es ihm ein. Markierte ihn. Als seinen Diener.

Er sieht die Menschen um sich herum. Spürt ihre Angst in seinem Herzen, diese letzte, nicht brennbare Brücke, über die ihn niemand mehr an sich heran lässt. Furcht. Vor ihm. Falsch, naturgemäß. Je älter sie werden, desto giftiger sind die Blitze, die sie nach ihm schleudern. Blicke. Flüche. Doch nicht ihn fürchten die Menschen, sondern die Flammen, denen er dient. Deren Gesang sie nie hörten. Deren Umarmungen sie nie hielten. Sie wissen nicht, warum in ihnen Unbehagen züngelt. Sein Feuer ist nicht grausam. Nur gerecht. Sie sind nicht dumm. Sie werden es erkennen. Irgendwann. Hofft er. Wie alle Heizer.

Er zündet sich eine Zigarette an. Sie verschwindet beinahe zwischen seinen Pranken. Von außen betrachtet sieht es so aus, als stiege der Qualm direkt aus seiner Hand. Als brenne nicht der Tabak, sondern seine Haut. Überhaupt sieht der Heizer alles, worauf sein Blick fällt, zu Asche werden. In der kleinen, dunklen Kellerwohnung hat er alle Spiegel abgehängt, weil er den Anblick seiner schmelzenden Augen und blasenschlagenden Haut nicht mehr ertrug. Asche zu Asche. Qualm zu Qual.

Er geht zur Arbeit, jeden Tag, das Feuer kennt keine freie Zeit, duldet keine Nachlässigkeit, die zur Kälte wird. Am toten Arm des Kanals vorbei, über die heißen Asphaltwege, sieht er überall nur übereinander gestapelte, in Leben verkleidete Asche. Apfelbäume. Bauernhäuser. Rehe. Die Ernte. Spielende Kinder, die ihn mit Steinen bewerfen. Außer dieser eine Schmetterling, jene weiße Ziellosigkeit ohne Woher und Wohin und Warum.

Er öffnet den Ofen und legt ein neues Scheit nach. Sein Name war Jochen. Die Glut empfängt ihn wie einen alten Freund. Der Heizer hört dem Gesang der Flammen noch eine Weile zu. Sie rufen noch immer nicht seinen Namen, versprechen ihm aber, zu einem Nichts zu werden. Wie der verbrannte Schmetterling. Ihn würden sie nicht zu Asche machen. (Ganz bestimmt.) Nur zu einem Bild erlösen, das jeder mit Frieden betrachtet. (Weil er es ist.) Kein Heizer sein. Nur Trost. (Für seine Treue.) Wenigstens bis morgen.

Er weiß, dass sie lügen.

Er will nichts anderes.