Der angesehene Bauer Mí Cí ("Verwirrte Vaterliebe") hatte im Streit seine drei Söhne vom Hof gejagt. Nun plagte ihn das schlechte Gewissen. Er vernachlässigte seine Pflichten, ließ Feld und Gehöft verkommen und stöhnte unter der Schwermut seines Herzens.
Eines Tages kam Meister Cí Shī ("Gütiger Lehrer") als Bettler gewandet in die Gegend. Der Bauer bewirtete den Gast nach alter Tradition und klagte ihm seinen Schmerz. Da antwortete der Meister:
»An diesem Baum werden Blüten zu Kirschen. Doch was wird aus den Früchten? Die Krähe wird einst eine pflücken und während des Fluges in den Fluss fallen lassen, wo sie verdirbt. Das Schwein wird gierig zu Boden gefallene verspeisen und danach träge im Schatten des Baumes ruhen, bis der Tiger kommt und es reißt. Der Wind wird vielleicht eine abreißen, den Hang hinunter blasen, wo sie ungesehen und ungehört vergeht. Doch als neuer Baum mag sie wieder auferstehen.
Genauso wird es deinen Söhnen ergehen. Aber wie es dir unter diesem Baum nicht möglich ist, zu wissen, welche der Blüten zum neuen Baum wird, bleibst du bei deinem eigenen Fleisch blind für das, was die Zeit bringen wird.
Strafen ist so leicht. Aber das Recht steht nur dem zu, der die Bürde der Erziehung bis zum Ende zu tragen bereit ist. Doch das ist noch fern. Nun sorge für die Blüte wie der weise Gärtner, der du bist.«
„…wenn du dir das gefallen lässt, wirst du morgen in den Spiegel schauen und kotzen, Teddy. Wer vergisst, dass er ein Mensch ist, mit Würde und so, hat keinen Grund mehr, morgens aufzustehen. Niemand hat das Recht, so mit dir umzuspringen.“
„Aber er ist der Boss. Carl, ich weiß, du meinst es gut. Doch es geht nicht. Wenn Turner dahinterkommt, bin ich geliefert.“
„Ich will den Kopf oben halten, stolz auf mich sein. Mein Platz ist in der Mitte des Weges, nicht im Straßengraben. Mach, was du willst. Eines sage ich dir: Du überschätzt Turner gewaltig. Der könnte nicht einmal Eintrittskarten für ‘nen Rummelplatz verkaufen, auf dem ein Einarmiger mit zwei Beinen gegen einen Einbeinigen mit zwei Armen kämpft.“
„Meinetwegen. Wer willst du heute Abend sein: Mickey oder Daisy?“
Carl schnippte seine erloschene Kippe weg und stieg wortlos in das Entenkostüm.
Kräftiges Flügelschlagen trieb schweren Lindenblütenduft zu Kischka herüber. Der Rabe landete über ihm im Geäst und musterte ihn von oben herab. Jenseits der Friedhofsmauern ratterten die letzten Kutschen heimwärts.
– Sag, Kischka, was machst du heute Abend hier so allein?
– Ich warte auf Mitternacht. Auf den Teufel. Man sagt, dass er hier erscheint und Wünsche erfüllt.
– Welchen könnte er dir denn erfüllen? Zu welchem Preis?
– Ich muss wissen, wie es meinen toten Eltern geht. Drüben.
– Warum gehst du nicht zur Konkurrenz?
– Vertrau auf den Trost des Herrn – Pah! Ich muss wissen. Um jeden Preis. Jetzt.
– Vertraust du ihm?
– Vertrauen ist was für Leute, die glauben, noch eine Wahl zu haben.
– Und Verzweiflung kennt keine Regeln. Warum sollte er sich dir zuliebe an deine halten?
– Weil ich sein Geheimnis kenne.
Ihre Blicke trafen sich.
Der Vogel floh.
Kischka hatte seine Antwort.
Lehramtsseminar. Die Dozentin stellt uns eine Frage, zur Einstimmung: "Denken Sie an Ihren Lieblingslehrer. Was schätzten Sie an ihm besonders?"
Ich denke an Herrn S., den Mann mit dem schönsten traurigsten Gesicht der Welt.
(Kaum älter als mein Vater, aber in jeder Beziehung gelassener. Werken, Deutsch, Geschichte.)
Einmal trat ich im Treppenhaus nach einem Jungen, der hinter mir lief. Traf ihn im Bauch. Er klappte zusammen wie ein Buch und flennte sich sein großes Maul rotzig.
(Verdient hatte er es.)
Frau K. betrat den Raum. Wasserstoffblond auftoupiert, cholerisch. Fragte, ob es hier einen Schüler meines Namens gäbe. Befahl mich ins Schulhaus. Brüllte mich an.
(Noch nie hatte bis dahin jemand meinen Namen so offiziell ausgesprochen.)
"Methoden wie bei der SS! Vielleicht sogar innere Blutungen!"
(Sie war Klassenleiterin des Jungen. Mathe, Physik.)
Daraufhin musste Herr S. sich vor dem Kollegium verantworten.
(Vernachlässigung des sozialistischen Erziehungsauftrages.)
Hinterher hatte er mir auftragsgemäß eine Abreibung verpassen.
(Das konnte er nicht.)
Seine Enttäuschung über mich brach mir das Herz.
(Es kam zwischen uns nie wieder zur Sprache und blieb dort für immer.)
Ich denke an Herrn M., dessen Gesicht nur aus einem dichten Vollbart zu bestehen schien.
(Kaum älter als mein Vater, aber in jeder Beziehung stärker. Biologie, Chemie.)
Wenn er lachte, bildeten sich Millionen kleiner Fältchen um seine Augen.
(Zähne, die wie Diamanten durch kohlrabenschwarzes Gestrüpp funkeln.)
Ein Augenaufschlag genügte, wo andere langwierig nach Worten ringen mussten.
(Sei es Lob oder Tadel.)
Während der Klassenfahrt in die Gegend seiner Kindheit erzählte er von sich.
(Auf einem Rastplatz für Wanderer unweit der innerdeutschen Grenze, 28°C, klare Sicht.)
Jede Menge Geschichten. Viele ohne Edelsteinblitzen.
(Aber auch frei von der Verbitterung desjenigen, der sich seinem Schicksal ergeben würde.)
Seine Blicke galten einer unerreichbaren, unendlichen Ferne, einem unerreichbaren, anderen Leben.
(Jener Vision von Freiheit, nur ein paar Kilometer weiter, für alle gut sichtbar abgeriegelt.)
In diesem Moment erwachte in mir das Gefühl, ihm zur Seite stehen zu wollen, zu müssen, weil das eine Seite war, an der man ewig bleiben konnte.
(Wenigstens so lange, bis ich selbst ernsthaft eine Seite anzubieten hätte.)
Meine Unfähigkeit dazu zeigte mir meine Grenze auf.
(Die eines Kindes.)
Eines Tages kam Herr S. nicht mehr zur Schule.
(Sein Bruder war bei einem Eisenbahnunglück ums Leben gekommen, aber das erfuhren wir erst, als auch sein Herz so traurig wie sein Blick geworden war.)
Sein Name stand noch viele Jahre am Klingelschild einer verwaisten Wohnung in einem grauen Land.
(Tot, verstehst du? TOT! Er ist daran regelrecht eingegangen, gestorben, weil er danach nichts mehr hatte, außer uns, verstehst du, zerrissen vom Ungleichgewicht eines beschissenen Daseins, das ein Mensch sein soll, der ja auch wie ein Mensch fühlen möchte, der wie ein Mann führen soll, der wie ein Mitglied funktionieren muss, aber nicht sein einziges Leben genießen kann, weil ihm diese Freude keiner gönnen will, lässt sie sich ja nicht kontrollieren, überwachen, taxieren, verstehst du?!)
Eines Tages kam Herr M. nicht mehr zur Schule.
(Fragen über ihn wurden verboten.)
Da wussten wir, was los war.
(Er hatte es ihnen allen gezeigt, er hat sich nicht verbiegen lassen, ihre Spielchen nicht mitgespielt, ist seinen eigenen Weg gegangen, hat sein Glück durch seine Stärke gefunden, immer nur nach seinen Regeln gespielt, weil diese Regeln gut waren, gerecht, sinnvoll, nützlich, für alle und für immer! Ja. Das ist es. Das ist, was ich glaube, glauben will, glauben muss. Und was mir keiner nehmen darf. Auch du nicht, verstehst du?)
All die Jahre frage ich mich, ob sie auch an uns gedacht haben, später, als sie fort waren. Und wie sie sich in diesen Augenblicken fühlten.
(Und ob ich jemals so werde sein können.)
Vielleicht ist die Antwort darauf so einfach, dass ich sie nicht auszusprechen wage.