Mikrobi

Klagefall & Texas-Jim & Hulot

Liste der Blogbeiträge

Beitrag vom 2. Oktober 2022 – 21:51 Uhr

Vor einer Woche habe ich endlich, nach über 15 Jahren, die Löcher im Putz ausgebessert, die der Elektriker in der Zimmerwand hinterlassen hatte. Lehmputz lässt sich einfach verarbeiten, es ist in etwa so, als ob man eine Sandburg am Strand bauen würde. Heute habe ich das Zimmer gestrichen. Die Zimmerecke nach Nordwest ist noch immer nass und hält die Farbe nicht. Das ist die Stelle des Hauses, an der die Bauphysik in Biologie übergeht, fast schon organisch.

Beitrag vom 2. Oktober 2022 – 11:50 Uhr

Ich weiß, daß mein Telefonvertrag auslaufen wird, denn das tun all diese Verträge, auch wenn deren Anbieter das nicht gern zugeben. Ich weiß auch, wann er das tun wird, denn ich trage solche Termine in meine Kalender ein: Eine Woche vor Fristende, am Fristende und am Vertragsende werde ich erinnert. Das ignoriere ich meist, denn es kommt ja selten etwas Besseres nach. Ich erinnere an dieser Stelle an einen der Sätze, die ich gern und häufig und ebenso unpassend verwende: 'S isch wie bei de Mädle au.

Nun habe ich heute morgen aus einer Laune heraus also diesen Vertrag gekündigt. Ich bekomme eine Bestätigung und weiß nun, daß ich ab einem gewissen Tag ohne Telefon dastehen werde, denn ich habe nur dieses eine. Und das ist heute und vielleicht auch morgen noch ein sehr befriedigendes Gefühl: Eine Frist wird enden, eine Verbindung wird aufgelöst, und auf die Mauer zwischen mir und der Welt kommt ein weiterer Stein. Und natürlich werde ich irgendwann vor diesem Termin einen neuen Vertrag eingehen, denn ohne Telefon, machen wir uns da nichts vor, geht nichts mehr vor und zurück. Nicht einmal mehr mein Bankkonto, fällt mir ein, denn auch dieses ist irgendwie ans Telefon gebunden. An die Nummer oder an das Gerät? Ich weiß es nicht. So genau möchte man all das gar nicht wissen, man käme ja zu nichts mehr außer Aufregung. Die werden das schon richten, denke ich, aber dann graust es mich doch vor mir selbst. Und vermutlich werde ich genau deshalb aus einer anderen Laune heraus wieder einen Telefonvertrag abschließen: damit andere sich kümmern können, damit alles funktionieren kann, damit die Konventionen eingehalten werden. Ein Telefon, das hat man eben, wie man vieles andere auch einfach hat. Vielleicht kündige ich ja lieber meinem Gasanbieter.

Beitrag vom 1. Oktober 2022 – 20:29 Uhr

Spielbrett voller Spielsteine am Ende einer sehr langen Partie Go

Atari, Ko, Freiheiten, Tsumego: Die durch den Langstreckenlauf gewonnene körperliche Kraft in seelische Ruhe und damit in geistige Spielfreude für Go transformiert. Der Energieerhaltungssatz des Herbstes. Am Abend mit der Frau Liebsten noch 7 km glücklich gejoggt. Oktober mon amour.

Beitrag vom 1. Oktober 2022 – 10:04 Uhr

Ich bin mir nicht sicher, ob mein Eifer und meine Begeisterung mich so kindlich wirken lassen. Vielleicht ist es nur die Meta-Begeisterung, vielleicht nur der Meta-Eifer, mit dem ich aller Welt zeigen muß, was ich gemacht, gefunden, gesehen und gelernt habe. Wir sind lang keine Studenten mehr, und noch länger keine Schüler. Und ich kann selbst über meinen Eifer lachen, wenn ich anderen davon erzähle. Und ich weiß trotzdem, daß meine Stimme heiß läuft, wenn ich vom Neuesten erzählen darf, was mich bewegt. Wer mir zuhören will, den will ich begeistern, mitreißen. Dem zeige ich Kabel auf dem Balkon, auch wenn es in Strömen regnet. Dem führe ich Grafiken vor, über denen ich Stunden heißen Eifers ausgegossen habe. Dünne Linien vor weißem Hintergrund, die ein paar Kilowattstunden zeigen. Daß ich Verkäufer werden könnte, sagen sie mir lächelnd, und nichts könnte falscher sein.

Beitrag vom 29. September 2022 – 23:13 Uhr

Wie alt mag ich gewesen sein, als ich hier oben die letzten Heublumen aus den Fugen zwischen den groben Dielen gekehrt habe? Fünfzehn, sechzehn, siebzehn? Lang haben wir noch die eine Kuh gefüttert, lang noch gemolken, weniger und weniger.

Die alte Frau von gegenüber kam nicht mehr zum Milch holen, und auch ihr Brennholz mußte ich nicht mehr spalten. Sie war gestorben. Jeder Balken sitzt noch im Gebälk, wie ich ihn kenne. Die engen Büge zwischen Pfosten und Pfetten, in die ich immer einen Fuß gestellt habe, um auf den Mittelboden zu kommen. Die kleine Kinderfurcht, mit dem Fuß hängen zu bleiben, an dieser Übergangsstelle, Meter über dem Futtergang.

Heute muß ich mich unterm Gebälk ducken, und durch den engen Durchbruch in der Wand, der ins Kinderzimmer meiner Mutter führt, passe ich längst nicht mehr. Dort haben wir die Tapeten bewundert und sind bis zu den Hüften im Getreide gestanden, das dort gelagert wurde. Es braucht Stunden, bis ich begreife, daß der alte Stall nicht kleiner geworden ist. Sondern daß ich gewachsen bin.