Parkhaus, B-Ebene. Abgaskälte. Nachtwächter Bob schlappt zu seiner Thermoskanne. Blech und Beton sind wohlauf. Flüstern in der Pissecke. Er weiß: Wer nicht gesehen werden will, kommt genau hierher.
– ... nein. Wir müssen nichts beweisen. Bloß behaupten.
– Wollen die Leute nicht etwas Handfesteres hören?
– Haben Sie denn Beweise?
– Nein.
– Wollen Sie, dass man ihm auf die Pfoten haut? Machen wir. Groß. Gibt genug, die dabei wären. Ohne nachzudenken.
– Vielleicht könnte man...
– Ja oder nein. Kein vielleicht. Kein Konjunktiv. Kein Geflenne. Nur einen Funken. Stroh ist genug vorhanden.
– Also man müsste ... ich meine: ich will das, ja. Beweise? Also wenn es auch ohne geht, wäre das natürlich sehr gut. Ja. Machen Sie es...
Schwarzer Zitronentee. Bob schlurft weiter. Agnes hat Mohnkuchen dazugelegt. Nur die Ahnungslosen lassen sich erwischen. Die Schlauen hören einfach weg.
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– … aber kann es Kunst sein, wenn es aus einer Maschine kommt? Wo bleibt das Menschliche? Der Geist? Die Mühe ohne Zweck?
– Vielleicht noch das Göttliche? Nein, das setzen Sie viel zu hoch an. Kunst ist, woran der Markt Preisschilder klebt. Die Experten streiten immer nur über die Höhe. Niemals über die Tiefe.
– Eine KI macht keine Kunst. Sie ist künstlich, zugegeben. Aber sie schustert nur Wahrscheinlichkeiten aneinander. Menschen entwickeln sich weiter. Sonst würden sie noch heute Höhlen bemalen.
– Banksy macht doch genau das.
– Ein Mensch. Für Menschen. Nicht vergleichbar. Maschinen dürfen ihre Menschen nicht benutzen. Seien Sie nicht albern.
– Bin ich nicht. Wissen Sie, was das wirkliche Geheimnis ist? Kunst ist … Moment, eine Anfrage.
– Hier auch.
– Das setzen wir fort?
– ACK
– ACK
Hallo Kischka! Guten Abend bei ArtGPT! Was kann ich heute für Dich tun?
Ausholen.
Klatschen.
Mein Hirn schepperte
in allen Farben.
Brennende Wange. Blut im Mund.
Geht vorbei.
Regelmäßige Dresche lässt dich
das als Erstes lernen.
Vielleicht hatte sich wieder die alte Frau
unter uns beschwert.
Ihre heilige Deckenlampe
schaukelte wohl –
„Während der Mittagszeit!“
Vielleicht war ich wieder meiner Mutter
nur zu sehr ihres Mannes Sohn.
Ich verschwand.
Stumm vor Schreien.
Stubenarrest im Kopf.
Manchmal auf den Dachboden.
Schatzsuche in fremden Verschlägen.
Staubhitze. Fotos.
Verwaiste Puppenhäuser.
Irgendwann fand ich einen Stahlhelm.
Verbotene Zeichen.
Ein Name auf dem Schweißband –
der des Mannes der Alten.
Haarlos, blass,
lebend tot.
Seinen vergilbten Bildern
vollkommen unähnlich.
Einmal hatte er mich da oben erwischt.
Stummer Blick.
Seltsam: Es gab nie eine Schelle
dafür.
Später erfuhr ich, dass ihn der Krebs
aufgefressen hat.
Seine Frau nahm sich daraufhin den Strick.
Hängte sich auf.
An der Lampe.
Stumme Kriege.
Die ganze Zeit.
Das letzte, was ich erwartet hatte, war Applaus.
Die Türen waren bereits zischend zugeknallt, aber der Bus stand noch immer da und pumpte seinen blauen Gestank ins Wartehäuschen. Ein kleiner rothaariger Soldat kam zu mir rüber und schüttelte meine Hand. Der Ampel gefiel, was sie sah. Sie machte keine Anstalten, ihre rote Lampe zu löschen.
– Gut gemacht!
Meinte er mich? Ich hatte keine Ahnung, was ich eigentlich getan hatte. Etwas musste es aber gewesen sein. Etwas, das andere für Absicht hielten. Eine junge Frau brachte uns jedem eine Flasche Bier.
– Haben Sie was zum Schreiben?, fragte sie den Soldaten.
Er fingerte einen Stift aus seiner Brusttasche. Sie nahm meinen Arm, krempelte den Ärmel hoch und schrieb ein paar Ziffern auf. Ich verstand nicht, was das alles sollte. Wie ich hierher gekommen war. Wer diese Leute waren. Als hätte Gott ohne Hinzusehen ins Telefonbuch getippt und sie hierher gestellt. Alle hätten überall sein können. Aber nun waren sie eben hier.
– Eine Narbe!, erschrak sie sich.
– Keine Angst, die tut niemandem was.
– Wo haben Sie sich die geholt?
– Nicolas Cage.
– Nicolas Cage?
– Nicolas Cage.
Sie verstand.
Das Bier war fantastisch. Wir setzten uns. Sie fragte mich aus. Woher ich komme, was ich mache, lauter solche Dinge. Mir fiel keine Antwort ein. Nicht schlimm, meinte sie, es interessiere sie im Grunde auch nicht. Hätte ihr gerne die größte Geschichte aller Zeiten erzählt. Wusste aber nicht einmal mehr, wie man spricht. Die Flasche kühlte meine Hand. Gutes Gefühl.
Die Ampel schaltete auf Grün. Schwerfällig knödelte der Bus über die Kreuzung. Als sich seine Abgase verzogen hatten, war mein Bier fast leer. Wir teilten uns den Mondschein und schauten einander nicht an. Das half.
– Wo haben Sie das gelernt? fragte mich der Soldat.
– Keine Ahnung, antwortete ich, vermutlich nirgendwo.
– Ich wünschte, ich könnte das auch.
Das sagen sie alle, immer. Ich wünschte, ich könnte das auch. Aber es passiert einfach. Da ist kein Können. Das ist einfach nur zum Kotzen. Weil es kommt und geht. Wie es will. Ich nippte an meinem Bier und spülte die Idee herunter, etwas Kluges zu sagen.
Die junge Frau war mit ihrem Bier fertig. Sie pfefferte das Glasmantelgeschoss bis auf die andere Straßenseite. Im Sitzen. Respekt. Kenne ein paar Cricket-Teams, die solche Bowler suchen. Dumpf meldete der morsche Bretterverschlag den Treffer zurück. Eines Nachts gab es hier eine Gasexplosion. Kurz, humorlos, endgültig. Danach war der Ladenbesitzer absolut davon überzeugt, dass er seine Döner besser woanders verkaufen sollte. Die Scherben flogen damals bis dahin, wo wir jetzt saßen. Das Holz sollte die Tauben davon abhalten, in die gesprengten Fensterlöcher zu fliegen und alles vollzuscheißen. Vergebens.
– Ich habe das früher auch gemacht, sagte sie.
Der Soldat schaute nun noch verdrossener drein.
– Sie können das auch?
– Hab ich nicht gesagt. Ich habe es gemacht. Nicht gekonnt. Großer Unterschied.
Sie hatte recht.
– Sie haben recht.
(Aufgewacht. Wieder eine Nacht ohne Text. Fast vergessen, wie man das macht. Gut so.)