Mikrobi

Klagefall & Texas-Jim & Hulot

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Runde 51

Sein Name ist Karl.

Er trägt die stinkenden Kleider eines alten Schornsteinfegers. Sein Gesicht besteht aus Falten, die lustig grinsen können, um dich reinzulegen. In Wahrheit ist er furchtbar hässlich weil sein Geist verrottet ist. Aber das siehst du nicht. Nur ich. Weil ich starr bin. Kann nur noch glotzen. Kein Schrei. Kehle zu.

Als ich ein kleiner Junge war, kletterte Karl nachts über die Balkonbrüstung. Altes Holz, grün lackiert, splitterig, eine falsche Bewegung davon entfernt, sich mit dir in den Hinterhof zu stürzen. Aber Karl hat sie ausgehalten. Er war wegen mir hier. Um mich zu holen. In sein Grauen hinein, hinab in die Einsamkeit unter allen Kellern. Dann bin ich aufgewacht.

Bis heute habe ich nicht mehr an ihn gedacht. Dass man ihn vergisst, ist seine Superkraft. Umso gnadenloser kann er zuschlagen. Dieses Grinsen. Diese bösen Falten.

Und sein kicherndes Flüstern: "Du bist nicht gut genug. Kein Mensch interessiert sich für dich, warum auch? Du bist leer, ein Als-ob, unerwünscht, ein Missverständnis, ein Fehler. Alles machst du verkehrt. Alles, was gelingt, ist blöder Zufall. Du bist zu dumm."

Meine größte Schwäche? Ich glaube ihm. Heute wieder. Er gab mir ein kleines Hoch, nur damit ich tiefer falle. Aber ich bin stehen geblieben. Wollte Doppelsalto in die Schnapsflasche machen.

Hab's gelassen.
Mich umgedreht.
Ihn angesehen.
Faust geballt.
Beinarbeit.
Ihm die Dresche seines Lebens verpasst.

Der Kampf wird ewig dauern. Aber diese Runde ging an mich. Bastard. Du kontrollierst hier gar nichts. Hast ja keine Ahnung, wer alles in meiner Ecke steht.

Hart nachgedacht

Vielleicht schreibe ich am besten alle Titel des Albums hintereinander auf. Für die Zwischenräume findet sich was. Buchstabenstapelei, na klar, nichts anderes, wie immer.

Niemand würde es bemerken.

Der Mensch ist eine seltsame Maschine: Sucht Muster im Zufälligen, gibt eigenen Sinn ins Chaos wie Spucke in eine Suppe. Unausdenkbar. Unabzählbar. Viel zu groß. Wie alles, alles über mir, von mir, viel viel zu groß ist und ich viel zu klein bin, viel viel zu klein, zu schlecht, ein Auswurf, ein Missverständnis, ein Stein im Schuh der Menschheitsgeschichte. Ich halte nur auf, verursache Schmerzen. Dabei saß ich einst im Hinterhof, über mir der Sommer eines längst schon toten Jahrtausends.

Das Schreien der Mauersegler. Im Radio gewinnt eine Frau einen Wettlauf, das war bedeutend.

Dachte mit Grauen daran, wie sie einst kommen und mich holen werden, ins Heim, in die Schule, in die Armee, wo Vater ist. Seine braune Reisetasche im Flur, Stapel schmutziger Wäsche daneben, so hoch und stinkend wie ich. Das Loch im Fenster der Tür, jeder kann durchgreifen, die Klinke herunter drücken, auch der hässlich Mann aus meinen Träumen, der lachend über die grünsplitterige Balkonbrüstung klettert, um mich zu holen, nicht in die Schule, nicht zur Armee, sondern zu sich ins Grauen, wo ich hingehöre, Versehen, Räudigkeit, Lügenschwein, Fresswanst.

Abfall

Sind so klare Linien, wie Leitplanken an einer Autobahn, an deren Ende eine Mauer aus Glas steht, geduldig wartend. Wie sie alle dahinter stehen, mich zu sich winken, ganz Asche und verfluchte Erde, ihre Versprechen abgeben, so lange jemand Fremdes zuhört: Dass sie mich lieben

dabei gibt es das gar nicht!

ganz bestimmt, dass ich etwas gut mache

dabei kann ich das gar nicht!

überhaupt etwas kann, ich einen Wert habe, dass Schönes passieren wird

dabei gibt es auch das nicht!

und diesmal ich damit gemeint bin und nicht dieses knotige Gefühl im Bauch, dass sich gerade wieder nach oben beißt. Der hässliche Mann steigt herauf

aus mir, wo er lebt, wie eine Eule im Wald

und ich will nur noch weg. In eine Maschine, die das Nachdenken im Bruchteil einer Sekunde zu Brei zermantscht. Vielleicht auch gleich den ganzen Kopf.

Dieser Moment, als ich im Schwimmbad einen Köpper vom Dreier versucht habe, meine Beine mich in der Luft überholten, ich im perfekten Winkel mit Rücken, Nacken und Hinterkopf auf dem Wasser aufknallte und die Welt plötzlich dunkel wurde. Der Frieden, die Stille, das Sinken ins Nichts.

Schütte Alkohol in mich rein, bis der Magen brennt, vielleicht holt ihn die Säure. Alles dreht sich nun, nur die Gedanken, die stehen still, klar, hart: Die letzte Stunde meines Lebens dauert auch bloß 60 Minuten. Und der schwarze Hund, der lacht. Nur er weiß, wann die erste anbricht. Vernunftbegabtes Drecksvieh.

Everyone have a great day!

Never surrender

Wir sind mehr
Als unsere Narben
Aber auch das.

Wir sind mehr
Als unsere Ängste
Aber auch das.

Wir sind
So viel mehr
Und einsam zugleich.
Aber wir haben überlebt.

Woher wir immer auch
Stammen
Jetzt sind wir
Hier.

Das ist unser Fluch.
Das ist unser Glück.
Das ist Besser als nichts.

Das kommt früh
Genug.