Der Champion
I
– Wie spät ist es jetzt?
– Dreie.
– Das reicht. Stell die Stühle hoch.
– Und der Typ?
– Mal sehen.
II
– He! Aufwachen! Wir schließen jetzt!
– … (undeutlich)
– Hackedicht! Was nun? Krankenwagen?
– Eh‘ die hier sind…
– Wir müssen den doch aber wecken, irgendwie.
– Probier mal ein Glas Wasser!
III
– Soll ich dir ein Taxi rufen?
– Meh… s'iss allet so… S'iss… Ach…
– Kannst aber hier nicht hocken bleiben. Ist doch hundekalt.
– Lassmischdochinruh…
– Ne, komm. Das wird noch kälter, ist ja Herbst.
IV
– Wer ist das denn?
– Erklär ich dir später.
– Sag mal hast du eine Meise? Du kannst doch nicht… Wird das jetzt zur neuen Mode?
– Sei doch mal leise, Mensch!
– Wieso? Der wacht doch spätestens nächste Woche erst wieder auf!
– Aber die Kleine schläft doch…
– Ach Quatsch, die Kleine! Du schleppst hier einen Penner an! Stockbesoffen! Hast du da auch an die Kleine gedacht!
– Sei! Still!
V
– Und? Wie isses?
– Hast du wat jegen Koppschmerzen da? Mir haut'et gleich den Schädel kaputt.
– Hier. Wie lange hast du gestern schon in der Kneipe gesessen?
– Welche Kneipe? … Ach die! Keene Ahnung. Wann macht ihr denne zu?
– Eigentlich um zwei. Gestern um drei. Hab dich mitgenommen.
– Ach… Naja. Danke un' so.
– Hab dich erkannt.
– …
– Schon gut. Schlaf weiter.
VI
– …und dann war'et ooch mit die Fernsehjobs vorbei. Dit Jeld hat noch 'ne Weile jereicht. Aber nu: Ende.
– Wie kommst du über die Runden?
– Vom Amt jibt'et ja 'n bisschen wat. Und dann natürlich die Showkämpfe.
– Kommen die irgendwo im Fernsehen?
– Im Fernsehen? Nee. Dit sin' reene Privatverjnügen.
– Wer bucht denn so etwas?
– Leute, die sich wat Besonderes leisten wollen, verstehste? Und können.
VII
– Der ist doch immer noch hier!
– Nun lass mich doch mal erklären! Hast du ihn denn nicht erkannt?
– Muss ich das?! Weiß genau, was das für Typen sind. Abgefucktes Gesindel!
– Gesindel? Sag mal spinnst du jetzt? Das ist der Gentleman! Früher hat der mal Hallen gefüllt, da sind die Leute zu Zehntausenden hin!
– Früher, früher! Wenn ich das schon höre! Was hat er denn heute davon, he? Sitzt hier, in meiner Küche…
– …unserer Küche…
– …meiner Küche und frisst mir die Schränke leer! Und nur, weil er früher mal ein oioioi großer Boxer war!
– Ne, nicht deswegen. Sondern weil's ihm Scheiße geht.
VIII
– (Nebenan: Kannst mich mal am Arsch lecken!)
– Jib's Ärger? Ick verschwind sowieso gleich wieder.
– Ne, komm, lass mal. Türe zu – Geschrei draußen. Iss erstmal was. Können ja noch ein bisschen quatschen.
– Bin eijentlich nich so der Redner.
– Sah im Fernsehen aber anders aus.
– Gabs ooch Jeld für.
– Verstehe.
IX
– …und dann krieg ick die Nachricht, wann ick wo sein soll. Früher ham die mich noch abjeholt, aber dit is nu ooch vorbei, jetzte fahr ick da mit der Bahn hin.
– Und dann wird geboxt?
– Naja, eher jeprüglt. Mit Boxen hat dit nimmer viel zu tun. Muss ick ooch höllisch offpassen, sonst schlächt mich einer von denen tot.
– Aber die haust du doch alle um, oder?
– Theoretisch schon, ja. Aber dit ist schlecht fürs Jeschäft. Ab und zu muss man ooch ma selbst umfallen.
– Ab und zu?
– Jedes zweite oder dritte Mal.
– Also fast immer.
– Hm. Ja.
– Und der Andere kann sich dann damit brüsten, dass er den Gentleman auf die Bretter gelegt hat.
– So isset.
– Das ist Scheiße.
– Bringt aber Scheine.
X
– Und dein letzter Kampf?
– Welcher?
– Naja, der letzte große, Ende der Karriere und so?
– Dit lief irjendwie anders als jeplant, wat?
– Weiß nicht. Sag du es mir.
– Die janzen Typen am Ring wollten ja unbedingt 'n Sieg, weißt du, diese Schisser, die immer andere brauchen, für allet: Autofahr'n, Sex, aufs Maul bekomm', allet so. Ungeschlagener Champion – und dann alle mit mir 'n Foto machen. Und Werbung. Diese janze Legendenscheiße.
– Klingt doch gut: Weltmeister im Halbschwergewicht, 31 Kämpfe, 31 Siege.
– So jesehen? Ja. Aber weisste wat: Ick hatt' die Schnauze voll. Ick hab damals seit 25 Jahr'n jeboxt, hab mir vor keenem versteckt und zum Dank ham se mir allet umjehangen, wat sie so rumliegen hatten. Und als ick da so im Ring stand und mir »Mensch, dit isses nu« dachte, war mir klar, dit wat fehlte.
– Was denn? Hattest doch alles, auch früher schon.
– Mich. Mich hatt' ick nich. Wenn du mal da bist, wo ick dann war, haste für jeden Kram son Typen. Hat mich anjekotzt. Ständig kam wer und hat Entscheidungen jefällt. Für mich. Über mich hinweg.
– Nur diese nicht.
– Je-nau. Ick wollte mal sehen, wat passiert. Am besten vonne janz oben.
– Und du hast den Kampf verloren.
– …
– Absichtlich?
– Weeste, mit Freunden, ick mein: echten Freunden isset wie mit 'nem Strauß Blumen. Wenn de wissen willst, ob dit echte sind oder um rauszufinden, ob dit so viele sind, wie der Verkäufer jesacht hat, musste von unten gucken, von den Stielen her. Wenn de nur off de Blüten glotzt, wirste blöde. Dit sieht zwar chic aus, is aber verwirrend. Aber bei den Stängeln machste nix verkehrt.
XI
– Die Zehnte, definitiv. Dit is immer die schwerste Runde. Hat man immer dit Jefühl, dass die ewig dauert. Die elfte und zwölfte sind dann fix rum, muss man nur aufpassen, dass man keen Schwinger kassiert.
– Den Lucky Punch.
– Ja, so nennen die dit, im Fernsehen.
XII
– Kommste mal wieder vorbei?
– Keene Ahnung. Hab jetzt erstmal wat in Bayern unten, son Reicher-Sohn-Jeburtstag. Mal gucken wat da so jeboten wird.
– Pass mal auf dich auf. Es gibt wahrscheinlich immer einen, der eine Kelle mehr drauf hat, oder?
– Die Frage is ja nich ob, sondern wo. Und eens noch: Ick hab nie absichtlich verloren. Musste mir gloobn.
– Liegt dir was daran, dass ich dir glaube?
– Allet. Ick hab nachjesehen. Von janz unten.