Mikrobi

Klagefall & Texas-Jim & Hulot

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Nürnberg (Deutschland), 22:27 Uhr

– …daher schalten wir jetzt zu unserem Außenreporter. Paul Klapper, wie ist die Lage vor Ort?

– Danke, Gundeley. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes die Hölle los. Wir blicken hier exklusiv aus der zweiten Etage des Dürer-Hauses auf einen großen Platz, der von Touristen und Einheimischen als sogenannter Hotspot aufgesucht wird – nur dass heute ein dramatischer Anstieg an Besuchern zu verzeichnen ist. Es gibt noch keine bestätigte Sichtung, aber die Gerüchteküche brodelt, die Anwesenden suchen fieberhaft nach Bestätigung.

– Ist also heute endlich der Tag gekommen, den sich viele Menschen nicht entgehen lassen wollen? Die Gemüter scheinen schon den ganzen Tag erhitzt.

– So ist es, Gundeley. Die Spannung befindet sich am Rande des Erträglichen, die Ereignisse überschlagen sich minütlich. Niemand lässt auch nur den Hauch eines Zweifels aufkommen, dass sich hier und heute Großes ereignen wird. Etwas, das alles andere in den Schatten stellen wird. Moment… Tut sich da was? Ich glaube… Ronny, kannst du etwas sehen? Halt drauf!

(In der Dunkelheit ist – erst schemenhaft, dann immer deutlicher – zu erkennen, wie der für seine Aktionskunst berühmte Dichter Grausobald Schlackenfurche die Statue des Dürerschen Hasen besteigt und seine Hosen herab lässt.

Stille.

Schlackenfurche deklamiert aus dem mongolischen Teil der Bedienungsanleitung des Handmixers „Komet RG 5“ des VEB Elektrogerätewerk Suhl. Als er endet, bricht die Menge in Geheul aus und bewirft sich mit eigens dafür mitgebrachten Croissants.

Der Reporter kämpft sich mittlerweile durch die Menschenmenge und versucht, ein Stimmungsbild einzuholen, muss aber immer wieder unterbrechen, weil ihn die Rührung über das soeben Erlebte überkommt. Letztlich bricht er zusammen und liegt vollkommen aufgelöst in fötaler Stellung auf dem Straßenpflaster.

Im Studio Mainz übernimmt Gundeley von Propolsko das Wort.)

– Vielen Dank nach Nürnberg, lieber Paul. Meine Damen und Herren, ich denke, ich wage nicht zu viel, wenn ich sage: In 30 Jahren wird jeder von uns noch erzählen können, wo er war, als dieses Ereignis stattfand. Damit zum Sport…

Nirvana (Keine Ahnung), 22:26 Uhr

– Im Jenseits? Jenseits wie Himmel?

– Tja. Ja. Nenn es wie du willst.

– Und nun?

– Warten wir.

– Auf was? Wie lange?

– Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass man sich nicht dort, an der Warteschlange, vordrängeln sollte.

– Was sind das für Typen?

– Ostdeutsche. Bemerkenswerte Kondition beim Anstehen. Aber auch furchtbar humorlos. Einmal musste der Vorletzte kurz weg. Als er wiederkam und auf seine Position wollte, brach die Hölle aus. Verstehste? Hölle. Im Jenseits.

– Brüller. Wie bist du hierher gekommen?

– Wenn ich das wüsste. Das weiß hier übrigens niemand. Was war, ist vorbei. Was kommt, noch nicht da.

– Nur die Ossis stehen an, ohne zu wissen, warum?

– Die Wege eines Herrn, von dem ich vergessen habe, wie er hieß, seien unergründlich. Hat letztens einer erzählt. Keine Ahnung, was das bedeutet.

– Dass wir in einem endlos beschissenen Jetzt gefangen sind. Und nur die Ossis was zu tun haben.

– Wir müssen sie uns also als glückliche Menschen vorstellen?

– Die einzigen.

Meiringen (Schweiz), 22:25 Uhr

– Sie wurden verschoben? Auf heute? Wie ist das zu verstehen?

– So wie ich es sagte, Doktor.

– Aber wie genau? Wer hat diese Anweisung gegeben? Ich finde keinen Aktenvermerk, kein Rezept!

– Der gestrige Tag. Er hat beschlossen, dass alles keinen Zweck hat und er mit uns heute weitermacht. Vielleicht.

– Uns allen? Also auch mit mir?

– Genau das, genau so.

– Und wann geht es los? Oder läuft es schon?

– Wer kann schon sagen, dass er den gestrigen Tag richtig kennt. Ging ja so schnell! Kaum hatte er angefangen, schon schmiss er hin. Alles.

– Richtig die Schnauze voll?

– Aber hallo. Ist danach auf den Rummel gegangen. Dampfkarussell mit Orgelspiel. Mag er am liebsten. Als das Gewitter kam, ging er in den Wald.

– Also warten wir?

– Meinetwegen. Sie sind der Doc.

Karlovy Vary (Tschechien), 22:24 Uhr

Smaragdgrüne Schnecken paradieren meine Teetasse von der hinteren Zimmerecke in die gegenüberliegende. Dort sitzt der Hase, den sie als König verehren. Er besitzt keine Daumen, um einen Teelöffel halten und damit umrühren zu können, was das Geschenk für ihn nutzlos macht. Nickend wertschätzt er aber ihre Geste. Wie die der Silberfische, die gestern für ihn ein Ballett aufgeführt haben. Hinter der Tapete.

Alle lieben ihn. Er wohnte schon vor mir hier. Ich weiß nichts über ihn, aber wir arrangieren uns. Vielleicht erzählt er mir eines Tages auch davon, wenn wir auf seinem Motorrad zum Cricket fahren.

Der Umzug stoppt neben meinem Fuß. Ein hektisch herbeigeeilter Schneckenbeamter befiehlt, beiseite zu gehen. Als er mein Zögern bemerkt, bittet er leise: In zwei Stunden seien sie vorübergezogen, ganz bestimmt. Für die Unannehmlichkeit entschuldige er sich, gäbe es doch Dinge im Leben einer Schnecke, die getan werden müssten und diese Prozession gehöre dazu. Das verstünde ich doch? Ob man im Falle eines Umwegs um mich herum die anberaumte Verehrungsfrist halten könne, sei fraglich, das widerstrebe ihm zutiefst. Staubtrockenes Dielenknarren, als ich einen Schritt nach hinten mache. Die Schnecke entspannt sich, senkt kurz den Kopf und gibt das Signal zum Abmarsch. Meine Teetasse wandert auf vierzig kleinen Rücken wie unter Edelsteinen weiter. Mission ist Mission.