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„…nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit, nein: wir dürfen auch nicht jene vergessen, denen die Pflege des Rechts anvertraut wird.“
Einatmen. Pelletiers Berufsehre blitzte zeusgleich durch die unbewegte Luft im kleinsten Kabuff des Justizpalastes. Den beiden Zuhörern entwichen Wolken blauen Zigarrenqualms, der wie Honig zu Boden tropfte. Sanson nickte. Berger schaute ratlos. Pelletier las den Raum: Diesen einen muss er noch einfangen. Ausatmen.
„Denn auch wenn am Anfang das Wort war, so ist es damit allein nicht erledigt. Es braucht die klug geführte Hand und das furchtlose Herz, das niemals grausam sein darf. Erst dann ist Gerechtigkeit getan.“
Jetzt nickten beide. Berger stand auf. Schüttelte Pelletiers Hand. Sanson kamen die Tränen. Niemals zuvor hatte jemand ihr hartes Los erkannt und mit so viel Güte besprochen.
Dankbar legten sie ihn dafür auf das Schafott mit der scharfen Klinge.
„Ach Bronislaw“, stöhnte Kischka, „was soll ich nur machen. Ständig das Grübeln nach dem Warum. Was die anderen wohl denken. Ob ich im Recht bin. Wie ich mich verhalten soll.“
Elizabetha schleppte ein Dutzend Humpen durch die Wirtschaft und ließ zwei auf ihrem Tisch stehen, bevor sie wie ein Heilsversprechen für die anderen Tische wieder verschwand. Bronislaw sog die Schaumkrone ab. Als sie miteinander anstießen, schwappte etwas Bier aus ihren Gläsern und bildete einen kleinen See auf der Tischplatte. Kischka nippte, während Bronislaw das ganze Glas kippte.
„Wissen’s, des mit die Fragen ist so eine Sache. Manche denken, dass sie werden klüger damit. Andere würden sich freuen, wenn sie ohne zu suchen die Antwort hätten gefunden.“
Wo er sich einordnen würde, wusste Kischka sofort: „Es geht ja auch um Gerechtigkeit. Die Menschen, auch die schlimmsten, haben ihre Gründe. Die einen will man verstehen können, vor den anderen muss man sich hüten. Doch wer meint es wie mit einem?“
„Es gibt Leute, die sind dämlich, auch wenn man es ihnen dreimal erklärt. Dann sind da die Ignoranten, die wo sowieso nich tun zuhörn. Und dann die, wo wirklich böswillig sind. Fragens nich danach, warum sie jemand ärgert. Eins von derer Gründe wirds sein.“
„Aber wie kann es eine Antwort ohne Fragen geben? Gewissheit ohne Klärung?“
Bronislaw lehnte sich zurück. „Nuja. Alle drei sinds welche, mit denen man nix zu tun haben will. Bei den einen ist alles umsonst, die nächsten bekommens niemals nich mit und die dritten sind gefährlich. Halten sie sich alle vom Hals. Machens Distangs. Des is die Antwort. Noch vor alle Fragen die wo gibt.“
„Noch ein Bier?“
Waschbären. Man konnte sie von unserer Veranda aus nur hören: Ein Wüten aus Fell zwischen Kluskeys Mülltonnen. Der Alte fuchtelte mit seinem abgebrochenen Baseballschläger wie ein betrunkener Hexer herum. Mit Zauberworten, bei denen mir Grandma normalerweise die Ohren zuhält.
Großvater rotzte dem Theater seinen Kautabaksaft hinterher. Er besaß bloß noch einen Schneidezahn und nuckelte sparsam an den braunglänzenden Batzen. Eine Portion reichte für die ganze Woche. Außer sonntags, da war Kirche. Er ging nicht hin, kaute aber auch nichts. Einmal hatte ich ihn gefragt, wo die anderen abgeblieben sind.
„Hergegeben.“
„Hergegeben? Wofür?“
„Um schlechte Erinnerungen loszuwerden. Gottes Strafe für das, was er verkackt hat.“
„Hattest du so viele? Ich meine: schlechte Erinnerungen?“
„Mehr als Zähne, Bucky, wie jeder Mann. Man muss klug sein. Genau auswählen.“
„Und wofür ist der letzte?“
Grandma kam auf die Veranda. Strich über unsere Köpfe.
Kluger Mann.
Zwei leuchtende Finger tasteten über Wände und Regale. Als sie das Papier streiften, verwandelten sich die fremden Kringel in Buchstaben, die Michal lesen konnte. Die Sprache der anderen Stadt, das verborgene Murmeln hinter den Regalen, in den Zwischenwänden, jenseits der Türen, die man schon längst nicht mehr sieht, geschweige denn öffnet, erklang in seinem Kopf:
„…und so bekenne ich mich hiermit zum letzten Mal: Fortan soll es von mir keine Bekenntnisse mehr geben. Eure Kämpfe gehen mich nichts mehr an, vergeblich soll euer Werben um meinen Beistand sein. Ich fliehe vor euch in den Dschungel, aus dem mich die göttliche Fledermaus zu sich rief, um fortan als Schachfigur in ihrem innersten Heiligtum zu leben…“
Als die grüne Straßenbahn abermals vorüberfuhr und ihr Scheinwerferlicht den Zettel bestrich, fielen die Wörter zurück in die unhörbare Fremde, aus der sie gekommen waren.