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Zwei leuchtende Finger tasteten über Wände und Regale. Als sie das Papier streiften, verwandelten sich die fremden Kringel in Buchstaben, die Michal lesen konnte. Die Sprache der anderen Stadt, das verborgene Murmeln hinter den Regalen, in den Zwischenwänden, jenseits der Türen, die man schon längst nicht mehr sieht, geschweige denn öffnet, erklang in seinem Kopf:
„…und so bekenne ich mich hiermit zum letzten Mal: Fortan soll es von mir keine Bekenntnisse mehr geben. Eure Kämpfe gehen mich nichts mehr an, vergeblich soll euer Werben um meinen Beistand sein. Ich fliehe vor euch in den Dschungel, aus dem mich die göttliche Fledermaus zu sich rief, um fortan als Schachfigur in ihrem innersten Heiligtum zu leben…“
Als die grüne Straßenbahn abermals vorüberfuhr und ihr Scheinwerferlicht den Zettel bestrich, fielen die Wörter zurück in die unhörbare Fremde, aus der sie gekommen waren.
Ging nicht anders, musste sein. So war es lang schon Brauch. Aus Weichheit Härte schmieden. Den Gehorsam aus der Träumerei quetschen. Die richtigen Wege weisen, Stellungen festigen, Widerstände brechen. Das hatte sie selbst beigebracht bekommen. Alle mussten durch diese Schule, aus allen ist etwas geworden, glaube mir, es tut mir mehr weh als dir, aber du zwingst mich dazu, natürlich habe ich das alles nicht gewollt, bedanke dich bei jenen, die dir diesen Floh ins Ohr gesetzt haben, soll dir eine Lehre sein.
Das Klatschen der Schläge peitschte in die Nacht des besten Sozialismus aller Zeiten, der auf deutschem Boden je gedieh, wurzelnd in gottverlassener Erde voll Braunkohle, Blut, Niedertracht und vergessenen Leichen. Wer hören konnte, sah besser weg.
Die Mutter bat ihn um Vergebung, zwei Tage vor ihrem Tod. Und das Kind nahm dem Kind die Last. In Ewigkeit. Scheiße.
Blau leuchtende Kanten, leises Zittern, Geruch von Elektrizität: Der Würfel in seiner Hand begann zu arbeiten.
Francesco untersuchte seine Experimentieranordnung. Die Fliegen unter der Glasglocke erstarrten in der Luft. Wie eine gläserne Säule stand der Wasserstrahl über dem Ausguss. Qualmwolken und Feuerzungen schichteten sich bewegungslos übereinander.
Kein Zweifel: Die Zeit stand still und mit ihr alles um ihn herum. Der Durchbruch.
Er schaltete das Gerät ab. Sofort begann es wieder überall zu summen, plätschern und knistern. Lächelnd spannte er den Würfel in einen Schraubstock. Es brauchte nur zwei Schläge des Hammers, bis er hinüber war.
Beim Abendessen fragte ihn seine Frau, ob er mit ihr in die Oper wolle. Zwischen den Luftangriffen spielen sie in den Eisenbahntunneln Auszüge aus "Neutronennacht". Es täte ihm gut, meinte sie, wenn er endlich einmal wieder raus käme. Unter Menschen, etwas Zeit totschlagen. Seine Antwort ging im Sirenengeheul unter.
Ping!
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Eine neue mal nur eine kleine Bitte zu viel. Das elektronische Belästigungsfach säuselt, aber es scheppert in meinem Kopf vorschlaghammerlaut. Klicke. Lese. Antworte automatenhaft. Wippe beim Schreiben mit dem Oberkörper. Augen geschlossen, wie einer dieser verrückten Verbrecher, links, rechts, links, rechts, Orgel spielend, Welt verfluchend, beim Bedienen der Register leise mitsummend.
Es ist die Vorgesetzte aus der anderen Abteilung: Verdorrte Reize welken Fleisches, aufgestapelt zu libidinösem Reisig. Immer auf der Suche nach dem einen Funken. Sie berührt ihren kinoleinwandgroßen Bildschirm mit der Nase, weil sie nicht mit Brille gesehen werden will. Ihren Dienstausweis ziert ein Foto aus den Achtzigern, deutlich faltenfreier, dafür mit einer Frisur wie ein aufgeplatzter Polsterstuhl. Verzweifelt denkt sie sich immer neue Dinge aus, damit ich in ihr Büro komme.
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Versuch einer lockeren Plauderei bei einer dünnen Tasse Filterkaffee. Ranziges Steingut. Wie ein Hundebesitzer wurde sie mit der Zeit ihrem Geschirr immer ähnlicher. Mag ich eigentlich. Kann es nur nicht leiden, wenn man sich trotzdem wie Porzellan aufführt.
Ob ich ihr das „mal“ mit den E-Mails einrichten könne, das wäre wichtig. Auch daheim. „Nein, welches Programm, nein, das kann ich Ihnen jetzt gar nicht sagen. Wie wär's denn – wenn ich mal so frech fragen darf – wenn sie bei mir zu Hause vorbei kommen könnten, um sich mal der Sache anzunehmen? Ich würde das als großen Gefallen ansehen. Und wenn es nicht klappt, wäre es auch nicht schlimm, aber wenn Sie schon mal hier sind, dann könnte ich sie ja mal fragen, nicht wahr?“
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Eine Studentin steckt den Kopf zur Tür rein. Ob ich wüsste, wie sie Herrn oder Frau N.N. erreichen könne, der oder die steht im Vorlesungsverzeichnis. Freundliches Zähnezeigen. Sie versteht. Verschwindet. Verschwinden ist gut.
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Die Vorgesetzte aus der anderen Abteilung: Schon lange hat sie keiner mehr gesehen. Als der Ermittlungsbeamte in mein Büro tritt, eingehüllt in eine Wolke aus dienstlich induzierter Anmaßung und kalten Zigarettenqualms, weiß ich: Es interessiert niemanden. So wenig es mich berührt hat, so sehr reizt es ihn. Vier Fragen werden abgespult, drei Antworten gegeben. Der Bulle merkt nichts. Will einfach nur raus.
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„Natürlich. Ich werde mich melden, sobald mir noch etwas einfällt. Ich schreibe Ihnen mal eine Mail, in Ordnung?“