Paulis Augen leuchteten in der Dämmerung der nummernlosen Suite wie zwei Pulsare, in denen Schwarze Löcher auf Beute lauerten. Ich hatte längst vergessen, weshalb wir hier waren. Für eine Nase des leerstehenden Hotelzimmer waren wir bestimmt nicht da.
Der Wasserfall auf der anderen Seite der Schlucht rumorte wütend wie immer – mehr war nicht zu hören. Pauli verdrehte die Augen, als ich ihm das sagte.
„Augen zu. Das Schaben und Keuchen?“, flüsterte er.
Langsam verstummte sogar der Wasserdonner. Jemand rief nach mir. Um Hilfe?
Am Regal wurde das Klagegeschrei lauter. Ein Buch fiel heraus. In ihm kämpften die Wörter darum, welches das beste sei. Wenn ich nur eines erwählte, riefen sie im Chor, könnte alles wieder von vorn beginnen, nur besser.
Als ich meine Augen ganz öffnete, wurde der Wasserfall wieder lauter. Begann beinahe zu drohen. Da wurde mir klar, was er zu verbergen versuchte.
... doch als ich diese Schönheit sah, begann ich zu weinen und den Tod zu fürchten. Da war also doch etwas, das mich zu halten vermag. Grausame Fessel. Dankbar gebunden.
– …daher schalten wir jetzt zu unserem Außenreporter. Paul Klapper, wie ist die Lage vor Ort?
– Danke, Gundeley. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes die Hölle los. Wir blicken hier exklusiv aus der zweiten Etage des Dürer-Hauses auf einen großen Platz, der von Touristen und Einheimischen als sogenannter Hotspot aufgesucht wird – nur dass heute ein dramatischer Anstieg an Besuchern zu verzeichnen ist. Es gibt noch keine bestätigte Sichtung, aber die Gerüchteküche brodelt, die Anwesenden suchen fieberhaft nach Bestätigung.
– Ist also heute endlich der Tag gekommen, den sich viele Menschen nicht entgehen lassen wollen? Die Gemüter scheinen schon den ganzen Tag erhitzt.
– So ist es, Gundeley. Die Spannung befindet sich am Rande des Erträglichen, die Ereignisse überschlagen sich minütlich. Niemand lässt auch nur den Hauch eines Zweifels aufkommen, dass sich hier und heute Großes ereignen wird. Etwas, das alles andere in den Schatten stellen wird. Moment… Tut sich da was? Ich glaube… Ronny, kannst du etwas sehen? Halt drauf!
(In der Dunkelheit ist – erst schemenhaft, dann immer deutlicher – zu erkennen, wie der für seine Aktionskunst berühmte Dichter Grausobald Schlackenfurche die Statue des Dürerschen Hasen besteigt und seine Hosen herab lässt.
Stille.
Schlackenfurche deklamiert aus dem mongolischen Teil der Bedienungsanleitung des Handmixers „Komet RG 5“ des VEB Elektrogerätewerk Suhl. Als er endet, bricht die Menge in Geheul aus und bewirft sich mit eigens dafür mitgebrachten Croissants.
Der Reporter kämpft sich mittlerweile durch die Menschenmenge und versucht, ein Stimmungsbild einzuholen, muss aber immer wieder unterbrechen, weil ihn die Rührung über das soeben Erlebte überkommt. Letztlich bricht er zusammen und liegt vollkommen aufgelöst in fötaler Stellung auf dem Straßenpflaster.
Im Studio Mainz übernimmt Gundeley von Propolsko das Wort.)
– Vielen Dank nach Nürnberg, lieber Paul. Meine Damen und Herren, ich denke, ich wage nicht zu viel, wenn ich sage: In 30 Jahren wird jeder von uns noch erzählen können, wo er war, als dieses Ereignis stattfand. Damit zum Sport…
– Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass man sich nicht dort, an der Warteschlange, vordrängeln sollte.
– Was sind das für Typen?
– Ostdeutsche. Bemerkenswerte Kondition beim Anstehen. Aber auch furchtbar humorlos. Einmal musste der Vorletzte kurz weg. Als er wiederkam und auf seine Position wollte, brach die Hölle aus. Verstehste? Hölle. Im Jenseits.
– Brüller. Wie bist du hierher gekommen?
– Wenn ich das wüsste. Das weiß hier übrigens niemand. Was war, ist vorbei. Was kommt, noch nicht da.
– Nur die Ossis stehen an, ohne zu wissen, warum?
– Die Wege eines Herrn, von dem ich vergessen habe, wie er hieß, seien unergründlich. Hat letztens einer erzählt. Keine Ahnung, was das bedeutet.
– Dass wir in einem endlos beschissenen Jetzt gefangen sind. Und nur die Ossis was zu tun haben.
– Wir müssen sie uns also als glückliche Menschen vorstellen?