Mikrobi

Klagefall & Texas-Jim & Hulot

Liste der Blogbeiträge

Winsen an der Luhe (Deutschland), 22:32 Uhr

"Ich hasse deutsche Fernsehredakteure! Diese Missgeburten! Solche Pisser! Talentlose Weichtiere! Amateure! Verwaltungsbeamte des schlechten Geschmacks!"

Die Katzen waren bereits panisch aus der Küche geflohen. Frau Rübenbart kam erschrocken über den Flur geschlappt. Sie trug nur ein Badetuch und die ehrliche Sorge im Herzen, dass ihr Mann gleich einen Schlaganfall bekäme.

"Schau dir das doch an!", brüllte Herr Rübenbart seiner Frau als Antwort entgegen und wies zum Fernseher. "Die zeigen zwei Sekunden den Künstler und zehn Sekunden das Publikum, wie es kichert, sich die Hände vors Gesicht hält und sich fast in die Hosen pinkelt. Wen bitte interessiert dieses Unvolk?"

Frau Rübenbart verstand nicht ganz: "Und das Problem ist jetzt genau was?"

"Die halten uns für dämlich! Die denken, dass wir nicht wüssten, wann die Pointe stattfindet. Die senden uns Signale, wann wir zu lachen haben! Als ob wir nicht wüssten, wann es soweit sei! Ich sehe sowas! Jahaha! Ich sehe sowas."

Langsam wagten sich die Katzen zurück in die Küche. Frau Rübenbart strich ihrem erregten Mann über den Kopf. "Beruhige dich. Am besten gehst du jetzt ins Bett und schläfst du den Ärger aus. Morgen Nachmittag ist die Hauptversammlung deines Clownsvereins. Und am Abend eine schöne Hinrichtung. Da musst du konzentriert bleiben. Die machen das ja nicht zum Spaß."

Herr Rübenbart nahm den letzten Schluck schalen Biers und beschloss, seiner Frau ein folgsamer Gatte zu sein. Sie hatte Recht. Es gab nichts Ernsteres als Humor. Und irgendwann würden sie das auch im Fernsehen verstehen. Ansonsten sähen sie sich auf Arbeit. Seiner. Zum letzten Mal. Jahaha!

Comanca (Rumänien), 22:31 Uhr

Im großen Wald Immerzuspät lebte einst der Zaubervogel Waswärewenn. Dieser hatte eine Frau namens Helga und viele Kinder. Es gab von ihnen wohl mehr als Bäume im Wald und jedes von ihnen trug einen Namen wie Manmüsstemal, Achkönntichdoch oder Wärenichtschlechtwenn.

Die Tiere des Waldes (und, man munkelt, auch die Bäume) hatten lange schon die Nase voll von dieser Sippe. Ständig krakeelten sie herum, gingen jedem mit unerwünschtem Ratschlag auf die Nerven. Zudem wussten grundsätzlich alles besser, immer, bei allem. Nur wenn Esterházy sprach, gaben sie für eine Minute Ruhe. Sie wussten, was sich gehörte, vergaßen das aber immer wieder viel zu schnell.

Eines Tages schlich der Fuchs Soissesnunmal durch den Wald. Sein Hunger war größer als Vaterlandsliebe. Es dauerte nicht lange, da hatte er das Nest von Waswärewenn entdeckt. Er hatte leichtes Spiel, die ganze Brut aufzufressen, denn über all das Palaver und Klugtun hatten sie vergessen, das Fliegen zu erlernen.

Fetten Bauches schlief er unter dem Baum ein und verstarb standesgemäß an einem Herzinfarkt wegen Überfressens. Waswärewenn hingegen konnte fliehen und landete versehentlich in mein Zimmer. Seitdem halte ich ihn hier in meinem Nachttisch. Und wäre der Hamster Hätteichdochnur über den letzten Winter gekommen, besäße ich ein Backup dieses Märchens, das ich heute morgen so wundervoll zu Ende geschrieben habe.

Aber man kann niemandem trauen. Schon gar nicht Lebensformen, die Strom benötigen. Nun gut.

Santa Fe (USA), 22:30 Uhr

Das kleine rote Radio auf meinem Schreibtisch fischt mir normalerweise Sender aus dem Netz, die Blues spielen. Nicht diesen Elektrokrempel aus Chicago, sondern das gute Zeug aus dem Delta. Einfach nur ein Typ, der auf der Veranda über seine Gitarre schuppert. Der Schaukelstuhl massiert die krummen Dielen, deren Knarren schabt den Takt, selig wie das Klatschen des Chores im Sonntagsgottesdienst. Vielleicht stößt ein Alligator hinterm Haus ein paar leere Flaschen um. Der Hund leckt seine Eier. Weil er es kann. Jeder macht seinen Kram.

Doch statt Blind Blake machen sich heute die üblichen Quatschtüten wichtig. Die Fragestellerin ist wohl etwas aufgeregt, denke ich. Vielleicht ja ein Fan des Starkochs, den sie interviewt:

– In unserer Gesellschaft wird das Negative immer sehr betont. Denken Sie, dass wir besser miteinander umgehen sollten?

– Ja, unbedingt, denn es wird alles schlimmer.

Egal.

Wer weiß, was unser Gequatsche wert ist. Einfach weitermachen, kleiner roter Komplize. Das bleibt unser Kram.

Hotel Umbra, 22:29 Uhr

„Hörst du das auch?“

Paulis Augen leuchteten in der Dämmerung der nummernlosen Suite wie zwei Pulsare, in denen Schwarze Löcher auf Beute lauerten. Ich hatte längst vergessen, weshalb wir hier waren. Für eine Nase des leerstehenden Hotelzimmer waren wir bestimmt nicht da.

Der Wasserfall auf der anderen Seite der Schlucht rumorte wütend wie immer – mehr war nicht zu hören. Pauli verdrehte die Augen, als ich ihm das sagte.

„Augen zu. Das Schaben und Keuchen?“, flüsterte er.

Langsam verstummte sogar der Wasserdonner. Jemand rief nach mir. Um Hilfe?

Am Regal wurde das Klagegeschrei lauter. Ein Buch fiel heraus. In ihm kämpften die Wörter darum, welches das beste sei. Wenn ich nur eines erwählte, riefen sie im Chor, könnte alles wieder von vorn beginnen, nur besser.

Als ich meine Augen ganz öffnete, wurde der Wasserfall wieder lauter. Begann beinahe zu drohen. Da wurde mir klar, was er zu verbergen versuchte.