Mikrobi

Klagefall & Texas-Jim & Hulot

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Daheim (Hier), 22:15 Uhr

Ging nicht anders, musste sein. So war es lang schon Brauch. Aus Weichheit Härte schmieden. Den Gehorsam aus der Träumerei quetschen. Die richtigen Wege weisen, Stellungen festigen, Widerstände brechen. Das hatte sie selbst beigebracht bekommen. Alle mussten durch diese Schule, aus allen ist etwas geworden, glaube mir, es tut mir mehr weh als dir, aber du zwingst mich dazu, natürlich habe ich das alles nicht gewollt, bedanke dich bei jenen, die dir diesen Floh ins Ohr gesetzt haben, soll dir eine Lehre sein.

Das Klatschen der Schläge peitschte in die Nacht des besten Sozialismus aller Zeiten, der auf deutschem Boden je gedieh, wurzelnd in gottverlassener Erde voll Braunkohle, Blut, Niedertracht und vergessenen Leichen. Wer hören konnte, sah besser weg.

Die Mutter bat ihn um Vergebung, zwei Tage vor ihrem Tod. Und das Kind nahm dem Kind die Last. In Ewigkeit. Scheiße.

Florenz (Italien), 22:14 Uhr

Blau leuchtende Kanten, leises Zittern, Geruch von Elektrizität: Der Würfel in seiner Hand begann zu arbeiten.

Francesco untersuchte seine Experimentieranordnung. Die Fliegen unter der Glasglocke erstarrten in der Luft. Wie eine gläserne Säule stand der Wasserstrahl über dem Ausguss. Qualmwolken und Feuerzungen schichteten sich bewegungslos übereinander.

Kein Zweifel: Die Zeit stand still und mit ihr alles um ihn herum. Der Durchbruch.

Er schaltete das Gerät ab. Sofort begann es wieder überall zu summen, plätschern und knistern. Lächelnd spannte er den Würfel in einen Schraubstock. Es brauchte nur zwei Schläge des Hammers, bis er hinüber war.

Beim Abendessen fragte ihn seine Frau, ob er mit ihr in die Oper wolle. Zwischen den Luftangriffen spielen sie in den Eisenbahntunneln Auszüge aus "Neutronennacht". Es täte ihm gut, meinte sie, wenn er endlich einmal wieder raus käme. Unter Menschen, etwas Zeit totschlagen. Seine Antwort ging im Sirenengeheul unter.

Seoul (Südkorea), 22:13 Uhr

Ping!

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Eine neue mal nur eine kleine Bitte zu viel. Das elektronische Belästigungsfach säuselt, aber es scheppert in meinem Kopf vorschlaghammerlaut. Klicke. Lese. Antworte automatenhaft. Wippe beim Schreiben mit dem Oberkörper. Augen geschlossen, wie einer dieser verrückten Verbrecher, links, rechts, links, rechts, Orgel spielend, Welt verfluchend, beim Bedienen der Register leise mitsummend.

Es ist die Vorgesetzte aus der anderen Abteilung: Verdorrte Reize welken Fleisches, aufgestapelt zu libidinösem Reisig. Immer auf der Suche nach dem einen Funken. Sie berührt ihren kinoleinwandgroßen Bildschirm mit der Nase, weil sie nicht mit Brille gesehen werden will. Ihren Dienstausweis ziert ein Foto aus den Achtzigern, deutlich faltenfreier, dafür mit einer Frisur wie ein aufgeplatzter Polsterstuhl. Verzweifelt denkt sie sich immer neue Dinge aus, damit ich in ihr Büro komme.

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Versuch einer lockeren Plauderei bei einer dünnen Tasse Filterkaffee. Ranziges Steingut. Wie ein Hundebesitzer wurde sie mit der Zeit ihrem Geschirr immer ähnlicher. Mag ich eigentlich. Kann es nur nicht leiden, wenn man sich trotzdem wie Porzellan aufführt.

Ob ich ihr das „mal“ mit den E-Mails einrichten könne, das wäre wichtig. Auch daheim. „Nein, welches Programm, nein, das kann ich Ihnen jetzt gar nicht sagen. Wie wär's denn – wenn ich mal so frech fragen darf – wenn sie bei mir zu Hause vorbei kommen könnten, um sich mal der Sache anzunehmen? Ich würde das als großen Gefallen ansehen. Und wenn es nicht klappt, wäre es auch nicht schlimm, aber wenn Sie schon mal hier sind, dann könnte ich sie ja mal fragen, nicht wahr?“

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Eine Studentin steckt den Kopf zur Tür rein. Ob ich wüsste, wie sie Herrn oder Frau N.N. erreichen könne, der oder die steht im Vorlesungsverzeichnis. Freundliches Zähnezeigen. Sie versteht. Verschwindet. Verschwinden ist gut.

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Die Vorgesetzte aus der anderen Abteilung: Schon lange hat sie keiner mehr gesehen. Als der Ermittlungsbeamte in mein Büro tritt, eingehüllt in eine Wolke aus dienstlich induzierter Anmaßung und kalten Zigarettenqualms, weiß ich: Es interessiert niemanden. So wenig es mich berührt hat, so sehr reizt es ihn. Vier Fragen werden abgespult, drei Antworten gegeben. Der Bulle merkt nichts. Will einfach nur raus.

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„Natürlich. Ich werde mich melden, sobald mir noch etwas einfällt. Ich schreibe Ihnen mal eine Mail, in Ordnung?“

Lindenfels (Doppelmonarchie Lindenfels-Schreiburg), 22:12 Uhr

Kischka besah sich den Präsidenten. Ein Mann, der wirkte, als sei er schon immer alt gewesen und bereits mit Monokel auf die Welt gekommen. Er hatte drei Attentate und vier Ehefrauen überlebt. Einzig sein Gehstock verriet, dass auch er kein Mittel gegen das Beißen der Zeit besaß. Er thronte hinter seinem Schreibtisch wie auf einer Burg. Kischka hielt die Pistole genau auf sein Gesicht gerichtet.

"Und wie geht es nun weiter, junger Mann? Was soll besser werden, wenn Sie abdrücken?", versuchte der Alte Zeit zu schinden.

"Vielleicht nichts. Ich denke aber, wir sind nur noch einen Knall davon entfernt, dass es nicht noch schlimmer wird."

"Denken Sie, soso. Hassen Sie mich so sehr? Oder ist das Ihr letzter Versuch, doch noch ein Etwas zu werden? Eine Figur, an die man sich später noch erinnert? Dafür zittern Sie mir ein wenig zu stark."

Kischka lockerte den Arm. Jetzt nicht verkrampfen. So kurz vorm Ziel. "Ich bin mir ziemlich sicher, woran man sich erinnern wird, wenn man einst Ihren Namen sagt: Ein Monster, das keine Moral besaß. War das Ihr Plan? Oder haben Sie einfach nur den richtigen Moment zum Absprung verpasst?"

Leise lachend zündete sich der Präsident eine Zigarre an. Eine blaue Wolke Garstigkeit schob sich durch den Raum und zog in Kischkas Lunge. "Sie irren sich, mein Freund. Moral. Nichts weiter als die Angst der Leute vor den Ängsten der anderen. Ich habe Moral: Ihre. Und die des ganzen Landes. Wozu brauche ich da eine eigene?"

"Sie sind ein Räuber. Ein Parasit, niemals satt, zu nichts nutze. Ohne Ahnung, wie es ist, etwas zu schaffen, weil Sie es nicht können – weil Sie nichts können! Obwohl: Leute einwickeln. Versprechungen machen, für die andere die Knochen hinhalten müssen. Das beherrschen Sie wie kein Zweiter im Land."

Der Präsident stand auf, zog tief an seiner Zigarre und schickte eine Wolke aus dem Fenster. Kimme und Korn blieben entschlossen zwischen ihm und Kischkas wütendem Blick. Ohne ihn anzusehen, antwortete er, als läge ihm etwas daran, verstanden zu werden: "Ist es nicht das Talent jedes großen Räubers, zu wissen, wo die Leute ihre Schätze verstecken? Ist er nicht mutig, wenn er zugreift? Muss er nicht besondere Umsicht beim Teilen der Beute beweisen? Ihre Moral, mein Junge, schafft Gelegenheiten. Meine Tugenden sorgen für Bewegung. Ist das nicht ein wunderbarer Tanz? Glauben Sie nur nicht, dass die Musik endet, nur weil ich das Parkett verlasse. Um alle zu erledigen, die so sein wollen, wie ich es bin, fehlt es Ihnen an Kugeln. Und Mumm."

"Feilschen Sie gerade?" Kischka begann gleichzeitig zu husten und zu lachen. "Erstaunlich: Der alte Kettenhund bekommt es auf den letzten Metern mit der Angst!" Der Zigarrenqualm füllte den ganzen Raum und begann, durch die Vorhänge nach draußen zu quellen.

"Machen Sie sich nicht lächerlich. Das ist nicht mein erster Pistolenlauf vor der Nase. Wenn ich tot bin, ist das nicht mehr mein Problem. Sondern Ihres."

"Weshalb? Niemand hat mich kommen sehen. Und falls doch: Ich gehöre zum Haus. Das Alibi ist so wertvoll, dass selbst Sie kein Preisschild dranhängen könnten. Sie denken sicherlich, dass jeder seinen Preis hat. Verraten Sie mir: Wo steht mein Kurs gerade? Fünfstellig? Vielleicht sogar sechs?"

"Jetzt sprechen wir richtig miteinander." Seine Stirnfalten entspannten sich wie die eines Mannes, der wieder festen Boden unter den Füßen verspürte. Er nahm Platz und drehte Kischka den offenen Humidor zu. "Sie haben Ihren Trumpf. Zwar nur den einen, aber doch sehr überzeugend. Ich hingegen besitze den Tisch. Worauf wollen Sie setzen? Den Ruhm des Märtyrers? Oder die Chance sich doch noch absetzen zu können?"

Kischka beendete das Gespräch mit einer Handbewegung.

Die Stadt schlief noch den Schlaf des Komplizen. Als Kischka das Palais verließ, wusste er, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Aus dem Fenster über ihm zog stiller Zigarrenqualm. Die Pistole schenkte er dem Fluss, der sich mit einem verschwörerischen Platschen bedankte. Sein Rauschen würde ihn nicht ans Messer liefern.

Schweigen.
Davon gab es hier mehr als genug.