Mikrobi

Klagefall & Texas-Jim & Hulot

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Meißen (Deutschland), 21:55 Uhr

Sitze am Fluss. Es regnet. Enten verstecken sich im Schilf, damit sie nicht nass werden. Dämliche Viecher.

Am anderen Ufer rotzt ein Silvesterfeuerwerk laute Farben in die Nacht. Die Wellen schaffen es nicht, das Funkeln stromabwärts zu schwemmen.

Nur einmal war ich im Fluss. Ferienlager, damals. Lydia: Schwarze Haare, dunkle Haut, wie ein Popstar. Ich hatte Orang-Utan-Arme und Humor. Sie redete unaufhörlich. Ich war ein Schweiger. Sie begriff alles, bevor ich es dachte. Das perfekte Paar. Sahen uns nie wieder.

Gemeinsam sprangen wir immer von der Uferböschung in den Sommer. Sekundenfreiheit. Keiner schaffte es bis ins Wasser, immer schlugen wir kurz vorher im Ufersand auf. Manchmal verrutschte ihr Bikini. Es schien sie nicht zu stören.

Damals hat uns niemand gesehen. Heute sie keiner gehört. Zum Glück. Es dauert nicht lang und ihre blonden Haare versinken ins Allefarbendunkel des letzten Tages. Werfe ihre Tasche hinterher. Und einen Schuh. Keine Ahnung, ob das ihrer ist. Kenne ja noch nicht einmal ihren Namen. Sicher ist sicher.

Verstecken die sich im Schilf.

Idioten.

Daheim (Hier), 21:54 Uhr

…und so saßen die Frösche am Teich: Thomas, der sich darum kümmert, dass der Tümpel nicht austrocknet. Jan, der zwischen Untergang und Liebe für die Welt hin und her pendelt, um beides zu retten. Ben, der immer Kind bleiben wird, bis ins hohe Alter, weise, verletzlich, gebildet, wie es Kinder nun einmal so sind. Daniel, der häufig zornig ist, aber ehrlich bleibt. Peter, der für alles ein Formular besitzt, denn die wahre Macht dedeiht in den Bureaus dieser Welt. Alex, mit seinem 5 – 7 – 5 Quaken, der umso mehr sagt, desto weniger er silbt. Der gerechte Herr Klagefall und der wilde Texas-Jim, die, wenn sie einst erfahren sollten, wie gut sie sind und wie geliebt, ewiglich verfluchen werden, dass sie etwas anderes gemacht haben als zu quaken. Vic, der jeden Tag dem Tod in die Eier tritt, um sich eine neue Chance zu erkämpfen. Und Konstantin, die Güte in Froschgestalt, zu keinem Zorn fähig. Hat alles schon gesehen und ist zu bescheiden, damit anzugeben. Und Kay.

Hulot hatte schon zu viel im Turm für einen einzelnen Frosch. Aber er sah, das es gut war und machte sich bereit, das kommende Jahr zum besten 2026 aller Zeiten zu machen.

Nichts weniger. Da war noch viel Platz am Ufer.

St. Veit im Pongau (Österreich), 21:53 Uhr

Der Alte neben mir
hustet sich die Lunge
raus und nach jeder
Kombination stöhnt er
sich zurück
ins Leben
in die Nacht
in die Zukunft
mit der dicken Frau
die ihn jeden Tag
besucht.

Zwei müde Planeten im All
ziehen ihre Massen
an und es wird immer
viel geweint
ums Leben
um die Tage
um die Vergangenheit
mit der dicken Frau
die ihn jeden Tag
besucht.

Ich drehe mich
um, habe mein
eigenes Röcheln
Schicksalsmelodie aus
Blut Schleim Tränen
Ich kämpfe an
gegen mich selbst als
weißer Zwerg an den Stränden
Landungsplätzen Feldern Straßen ohne
dicke Frau als
Gleichgewicht.

Die Schwestern im Haus
sehen lang schon
weg und wir warten
viel zu lang
aufs Leben
in dunkler Vergangenheit
damit die dicke
Frau beginnen kann
seine Wärme
zu vergessen.

Aberdeen (Schottland), 21:52 Uhr

Pfleger im Krankenhaus – Jackpot für einen disziplinierten Junkie. Es gab keine Pille, die Ephraim noch nicht eingeworfen hatte. Doch die hier war anders: Nicht nur das Versprechen eines Abflugs, sondern ein Faberge-Ei für seine Rezeptoren.

Als er sie drin hatte, war er sofort fertig. Plötzlich begriff er: Alles. Anfänge. Ergebnisse. Unmögliches verband sich zu neuen Realitäten. Gott ließ die Hosen runter. Ein grausamer Witz, alles, immer. Und die Menschen würden nicht jene sein, die zuletzt lachten.

Verstört torkelte er ins Krankenhaus. Putzmeister Kelly fing ihn ab und schleifte ihn in den Keller. Dort saßen ein Dutzend alter grauer Pfleger, wissend miteinander tuschelnd. Einer hielt Ephraim fest, während Kelly eine Spritze aufzog: „Ja, wir sind nur Gottes scheiß Schülerexperiment. Soll es Wahrheit bleiben? Oder nur ein schlechter Trip werden? Deine Wahl.“ – Jemand nickte.

Morgen war Ephraim glücklich. Putzen, jeden Tag. Gutes Gefühl.