Mikrobi

Klagefall & Texas-Jim & Hulot

Seoul (Südkorea), 22:13 Uhr

Ping!

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Eine neue mal nur eine kleine Bitte zu viel. Das elektronische Belästigungsfach säuselt, aber es scheppert in meinem Kopf vorschlaghammerlaut. Klicke. Lese. Antworte automatenhaft. Wippe beim Schreiben mit dem Oberkörper. Augen geschlossen, wie einer dieser verrückten Verbrecher, links, rechts, links, rechts, Orgel spielend, Welt verfluchend, beim Bedienen der Register leise mitsummend.

Es ist die Vorgesetzte aus der anderen Abteilung: Verdorrte Reize welken Fleisches, aufgestapelt zu libidinösem Reisig. Immer auf der Suche nach dem einen Funken. Sie berührt ihren kinoleinwandgroßen Bildschirm mit der Nase, weil sie nicht mit Brille gesehen werden will. Ihren Dienstausweis ziert ein Foto aus den Achtzigern, deutlich faltenfreier, dafür mit einer Frisur wie ein aufgeplatzter Polsterstuhl. Verzweifelt denkt sie sich immer neue Dinge aus, damit ich in ihr Büro komme.

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Versuch einer lockeren Plauderei bei einer dünnen Tasse Filterkaffee. Ranziges Steingut. Wie ein Hundebesitzer wurde sie mit der Zeit ihrem Geschirr immer ähnlicher. Mag ich eigentlich. Kann es nur nicht leiden, wenn man sich trotzdem wie Porzellan aufführt.

Ob ich ihr das „mal“ mit den E-Mails einrichten könne, das wäre wichtig. Auch daheim. „Nein, welches Programm, nein, das kann ich Ihnen jetzt gar nicht sagen. Wie wär's denn – wenn ich mal so frech fragen darf – wenn sie bei mir zu Hause vorbei kommen könnten, um sich mal der Sache anzunehmen? Ich würde das als großen Gefallen ansehen. Und wenn es nicht klappt, wäre es auch nicht schlimm, aber wenn Sie schon mal hier sind, dann könnte ich sie ja mal fragen, nicht wahr?“

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Eine Studentin steckt den Kopf zur Tür rein. Ob ich wüsste, wie sie Herrn oder Frau N.N. erreichen könne, der oder die steht im Vorlesungsverzeichnis. Freundliches Zähnezeigen. Sie versteht. Verschwindet. Verschwinden ist gut.

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Die Vorgesetzte aus der anderen Abteilung: Schon lange hat sie keiner mehr gesehen. Als der Ermittlungsbeamte in mein Büro tritt, eingehüllt in eine Wolke aus dienstlich induzierter Anmaßung und kalten Zigarettenqualms, weiß ich: Es interessiert niemanden. So wenig es mich berührt hat, so sehr reizt es ihn. Vier Fragen werden abgespult, drei Antworten gegeben. Der Bulle merkt nichts. Will einfach nur raus.

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„Natürlich. Ich werde mich melden, sobald mir noch etwas einfällt. Ich schreibe Ihnen mal eine Mail, in Ordnung?“

Text der Serie "Nur ein einziger Tag".

Auf dieser Seite beginnt die Reise.