Mikrobi

Klagefall & Texas-Jim & Hulot

Die wichtigste Mahlzeit des Tages

Ding Doooo…

Selbst wenn ein Elefant auf sie treten würde, bekäme er aus den Batterien keinen Saft mehr für den Türwächter rausgequetscht. So blieb es bei dem selben sterbenden Jammern, als ein paar Leute hinter mir den Spätverkauf betraten. Ich stand seit zehn Minuten im zappelnden Neonlicht vor drei Regalmetern, die mir schreiend ihr Müsli andrehen wollten. Was mit Früchten? Oder Nüssen? Was half nochmal am besten gegen den andauernden Dünnschiss, weil es hier nur noch Eisgekühltes zu trinken gibt? Es war erst seit zwei Tagen offiziell Sommer und es hing mir jetzt schon zum Hals raus.

Der kleine Monitor in der hinteren Ecke des Kühlregals flimmerte unbeteiligt vor sich hin. Wenn ich genau hinsah, erkannte ich, was lautstark an der Kasse abging. Rudi ging einmal mehr leer aus, denn Carl gab ihm schon lange nichts mehr aus seiner Bierkiste. Er würde sich selbst nicht als Gewohnheitstrinker bezeichnen. Er hätte es im Griff. Glaubte er wirklich. Als einziger. Wenn er überhaupt etwas im Griff hatte, waren es drei Flaschen auf einmal. Nummer Eins zischte er gleich im Laden, die zweite davor und mit der dritten in der Hand lief er laut Haldewitzka singend über den Parkplatz bis die Polizei kam. Ohne Hosen. Rudi, nicht die Bullen. Er war aber auch der ehrlichste Schlucker der Welt. Falls der erste Hieb schon im Laden saß, stellte er die leere Flasche auf den Tresen, damit Carl voll abkassierte.

Aber das bringt dir keine Bonuspunkte, wenn du dem einen Teil der Menschheit auf die Nerven fällst und dem uniformierten Teil nur Arbeit machst. Wenigstens hat er die beiden anderen gut unterhalten. Soll mir Recht sein. Haben sie was für ihre Blogs.

Das Flackern der Lampen und des Monitors hämmerten einen Überweisungsschein für die Klapse auf meine Netzhaut. Mein Magen geriet ins Stolpern. Brauchte aber noch Milch. Der Gedanke ließ mich beinahe spucken.

Weiter hinten, am allerletzten Kühlregal vor der Wüste, entschied sich immer, wer von hier stammte und wer beim Mieten seines Ferienappartements zu geizig für eine anständige Gegend gewesen war und nun die Arschkarte gezogen hatte. Die Eingeborenen wussten, dass man nur die zweite Tür von rechts benutzen sollte. Der Rest hingegen war sofort in eine Diskussion verwickelt, wer nun den Schaden der kaputten Kühlung bezahlen musste. Bin mir sicher, dass Carl, seit ihm die Idee mit der Kühlstrecke gekommen war, noch nie für eine Tankfüllung selbst gelöhnt hatte. Jeden Tag nahm er sich einen dieser tätowierten Trottel vor, die lieber blechten als sich mit einem zwei Meter großen Gorilla in den Infight zu begeben. Carl überzeugte. Er hatte Pranken so groß wie Gullydeckel, acht Sprachen drauf und konnte in allen so tun, als ob er nichts verstünde, aber dafür sorgen, dass in fünf Minuten dreißig Brüder und Cousins hier waren. »Mit Hund!« Das reichte normalerweise. Barzahlung, bitte, danke, beehren sie uns bald wieder. Danach wusste man Bescheid und gehörte irgendwie dazu.

So wie es aber heute aussah, war auch die letzte noch funktionierende Tür im Eimer. Wie der Flügel eines toten Vogels hatte sie einfach aufgegeben und hing knarzend in den Gang hinein. Das Aggregat rasselte im Wettlauf gegen die Juni-Temperaturen und war jetzt schon wärmer als die Heizung im Winter. Vor der Strecke breitete sich eine undefinierbare, aber tiefe Pfütze über dem zertretenen Linoleum aus. Verdammt. Ich hasste warme Milch. Schmeckt hoffnungslos gut gemeint wie ein Vesper im Kinderheim.

– Carl? Am Kühlregal hat wieder jemand die Tür offen gelassen. Der Kuhsaft ist schon wieder kurz vor Joghurt!

Ich rief durch den Wald aus Zeitschriften, Waschmittel und eingelegten Gurken, bekam aber keine Antwort und hakte nach.

– Carl?

– Geht gleich los! Hab hier noch was zu erledigen!

Ich nahm die letzte Flasche, die noch nicht aussah, als stamme sie direkt aus dem Ganges und schlurfte zur Kasse. Der Monitor zeigte, dass Carl gerade die beiden anderen Typen bediente. Rudi stolperte auf seinem Weg nach draußen frustriert an mir vorbei und rempelte mich an. Ohne Absicht, dafür mit Wirkung. 120 cm Fallhöhe. Klare Sache: Die Flasche verliert gegen den Fußboden durch technischen KO. Glasscherben. Pfütze. Abend hinüber. Schuhe auch. Rudi war weg. Aber das war gerade mein kleinstes Problem.

Einer der beiden Ehrengäste drehte sich und wünschte mir einen Guten Abend. Überzeugende neun Millimetern breit. Es war wieder einmal soweit. Bei den ersten beiden Malen hatte ich mir amtlich in die Hose gemacht. Aber das war schon zwei Dutzend Male her. Der Abend war warm und der Kopf sortierte kühl: Die Pistole ist die Waffe des Offiziers. Wenn Du nah genug an den Schützen kommt, hat er verloren. Zwei Zentimeter am Arm gerüttelt bedeutet, dass er das Ziel um mehrere Meter verfehlen wird. Man müsse nur entschlossen sein.

Das eine erzählte mir Leutnant Trapp, das andere mein Alter. Ihre Informationen waren jetzt so sinnvoll wie die Angabe »You are here« auf einem Foto der Galaxie, wenn dir irgendwo am Arsch der Welt der Sprit ausgeht und du eine Tankstelle suchst. Keiner von beiden war hier je einkaufen. Trapp stürzte im Dienst für Irgendwas mit einem LKW an einer kroatischen Brücke in den Abgrund. Vater war Rudi hinsichtlich der Karriere des ambitionierten Trinkers schon zwei Leitern voraus gewesen und fand seinen Abgrund auf der anderen Seite der Stadt auf dem Boden einer Flasche. Seitdem teilt er sich mit Mutter ein nettes Doppelurnengrab. Mutige Krieger. Die Friedhöfe der Welt waren voll davon. Mit den beiden wurden auch ihre Ratschläge zu Asche. Damit tröstete ich mich immer, bis es mir egal war, welche Verrückten hier mit einer Knarre ihre Kasse aufbessern wollten.

Spritzend rasselte mein Müsli in die Milchpfütze. Acht Stunden zu zeitig. Ein paar Straßen zu weit von meinem Frühstückstisch entfernt. Jetzt sah auch der andere Penner zu mir. Carl fingerte schwitzend ein paar kleinere Scheine und ganz viele Münzen aus seiner antiken Kasse. Die sollte dem Laden wohl etwas Kaufmännisches verleihen. Die Theke war auffallend leer. Die beiden Pistoleros standen also nicht zum Bezahlen an. Den einen würde selbst ein unausgeschlafener Cop mit Grauem Star sofort aufspüren, denn er trug einen viel zu großen, viel zu runden Kopf auf einem viel zu dünnen Hals. Der mit der Knarre hingegen schien mit einem Raumschiff hier gelandet zu sein, so ungeschickt fuhrwerkte er an der Kasse herum. Erfolglos. Wütend blitzte er Carl an.

– Du willst mich doch verarschen?

Beide hatten sich offenbar mehr von dieser Aktion versprochen. Selbst schuld: Späti im Studentenviertel. Da müsste seiner Meinung nach kurz vor Schluss die Kasse so voll sein wie ein Lokus an Karneval. Armer Idiot. Konnte sich nicht eine Sekunde lang vorstellen, dass die Wohnheim-Charlotten und WG-Benjamins hier nur herkamen, um Billo-Bier zu kaufen. Drei Tage vor Monatsende waren auch bei denen die Kleingeldbüchsen auf der Schlachtbank.

– Kasse… leer… nachsehen… selber!

Carl stammelte wie ein Tourist, dem man gerade Minibar und Sonnenliege geklaut hatte. Seine Brüder waren gerade sehr weit weg. Dafür wuchsen die Schweißränder auf seinem Hemd. Das Alien schaute in die Lade, Kugelkopf noch immer mich an. Beide sahen in ein tiefes Nichts. Der Lautsprecher des kleinen Radios an der Kasse leierte: „…und ich vergesse nie den Moment…«. Humor hat er ja.

Dann jaulte hinter uns der Türwächter zum letzten Mal auf. Er war nun in einer besseren Welt. Kleineres Problem. Rudi trottete rein, auf der Suche nach der letzten Chance des Abends. Größeres Problem.

– Komm schon Carl. Eine Pulle. Für 'nen alten Krieger und wegen der alten Zeiten!

Die Schleicher wurden munter. Den alten Krieger hatten sie nicht mehr auf der Rechnung, aber jetzt hatte er sie geweckt und nun begann der Tanz. Im Film würde ich mich jetzt beherzt auf einen der beiden stürzen und mehrere Hausratversicherungsfälle später wäre die Situation bereinigt. Ich tat – wieder mal – genau nichts. Alles andere als heroisch, aber bewährt. Carl ging neben der Kasse hinter einem Aufsteller mit Kartoffelchips in Deckung. Seinen Optimismus mochte ich schon immer. Die Ganoven schauten sich für eine ewige Sekunde lang an und beschlossen, dass andere Stadtteile auch noch schöne Läden hätten und der hier ein Reinfall war, wegen dem man nicht ins Camp Knacki einfährt. Die Gäste hatten es eilig und verließen unsere Neon-Disko so pleite, wie sie kamen. Rudi krachte nach einem Bodycheck in ein Regal mit Nudelsaucen und verwandelte den Boden in ein modernes Gemälde. Vielleicht sollte Carl die Bude morgen einfach an irgendeinen Idioten verkaufen, der glaubte, das Kunst von Kaufen kommt.

Rudi bot an, die Pfütze wegzuwischen, wenn ich ihm einen Gefallen tun könnte. Einfach nur drei Bier … ginge das? Carl kroch hinter den Chips vor und besah sich zuerst den Schlamassel, danach Rudi und mich. Stumm ging er nach hinten und kehrte mit neun Flaschen Bier in einer Hand wieder zurück. Für jeden drei. Zur Feier des Tages. Oder was auch immer uns besser schlucken lässt. Wir setzten uns vor den Laden und sagten nichts. Ich gab Rudi meine Flaschen. Eisgekühlt, schon wieder. Verdammt.