Eine Nacht von vielen
Ein Blaulicht kündet dem Rest unserer Sackgasse unermüdlich vom Höhepunkt des Abends. In der Stadt ist der Teufel los. Wie jeden Abend. Ein Funkgerät petzt blechern Übeltaten in die Nacht. Menschen an den Fenstern. Genießen die Show. Streamen wildeste Mutmaßungen. Glücklich, dass es sie nicht getroffen hat.
In den Nächten, in denen das warme Wetter langsam aufgibt, fühlt es sich besonders kalt an, wenn der eigene Kopf von einem Knie auf das Straßenpflaster gedrückt wird. Ein metallisches „Schnipp Schnapp“ an meinen Handgelenken weckt mich. Jemand schiebt seine Hände durch meine Achseln. Schmerzen gewittern durch meine Schultern. Hebelgesetz. Pech gehabt.
Die Pranke eines Polizisten haut mir auf den Hinterkopf und tut so, als läge ihr etwas daran, dass ich mich nicht am Türrahmen stoße. Im Auto ist es mehr als nur warm. Die Beamten haben den Sommer wohl gleich mitverhaftet. Eine Wolke aus Kaffee, Leder und Kotze verstopft die vergitterte Rückbank. Für mich ist wohl noch Platz genug. Also schieben sie auch noch rein. Wie ein Brot in den Ofen, das im Dunst einer klammen Mittwochnacht schön knusprig werden soll.
Als der andere Polizist losfahren will, bemerkt er den Rettungswagen vor seinem Auto. Unsere Straße ist ein viel zu dünner Schlitz zwischen Häusern voller Sozialwohnungen. Nur ein Ausgang. Wir müssen warten. Auf der Bühne des menschlichen Kasperle-Theater sitzen jetzt auch die Wachtmeister fest. „Mann, muss ich mal schiffen!“. Die volle Blase des Einen und der nahe Feierabend des Anderen heizen den Mief mit zusätzlicher Ungeduld auf.
Eine alte Frau jammert in der Haustür. Sie sieht den Sanitätern hinterher, die vorsichtig einen Mann in den Rettungswagen schieben. Ihren Mann. Sie trägt keine Schuhe, dafür einen Bademantel voller Blutflecken. Die roten Kleckse auf ihrem Bauch bilden einen wackelnden Globus. Nordamerika geht quer über ihren Hintern. Australien liegt neben Afrika in der Nähe des Kragens. Zitternd hält sie sich ihre Hand vor den Mund, als wolle sie sich die Finger bei der nächsten Gelegenheit abbeißen. Mit dem neuen Blut könnte sie ja noch Italien hinzufügen. Eine dauergewellte Mutter Erde in rosa Frottee, dank der Nachbarn nun live im Internet.
Wir warten immer noch. „Hey Männers, wie schaut’s mit etwas Frischluft aus?“, versuche ich den Drang meines Magens zu verhindern, das Abendessen gleich hier hinten wieder zu entlassen. Für die Polizisten bin ich anscheinend gar nicht da. Als ich mich wiederhole, dreht sich der eine um und lässt mich seine Faust kosten. Jetzt ist auch Blut auf meinem Hemd. Alles klar: Fresse halten heißt gesund bleiben.
Die Sanitäter lassen sich Zeit. „Was haben sie sich bei der Aktion eigentlich gedacht?“, will der Fahrer wissen. Ich antworte ihm, dass ich gar nicht gedacht habe. Manche Sachen passieren eben. Manchmal nicht die schlechtesten. Hakuna matata. Beide schauen sich an und beginnen zu lachen. Lieber so eine Reaktion als noch eine aufs Maul zu bekommen.
„Der Alte ist schon ziemlich hinüber. Wer weiß, ob er die Nacht noch übersteht? Schämen sie sich denn nicht, einen so alten Mann zu verprügeln?“
Ob ich mit einer Verwarnung davon gekommen wäre, wäre das Opfer jünger gewesen? Ich schlucke die Frage runter. Die beiden Uniformen haben schon auf die Frage nach Frischluft allergisch reagiert. Bleibe lieber bei der Wahrheit.
„Nein. Das alte Dreckschwein hat meiner Familie lang genug zugesetzt. Dieser feige alte Pisser lauerte meiner Frau auf, weil er sich mit seinem kleinlichen Gemecker nicht an mich ran traut. Außerdem versucht er uns schon eine Weile mit seiner Stasi-Scheiße zu vergraulen. Heute schmierte er mit Kugelschreiber an den Briefkasten: Räumt die kleinen Stöcke weg, die euer Sohn immer vors Haus legt. Kein Fußball auf dem Wäscheplatz mehr. Große Hausordnung machen. Aber gründlich! Sonst meldet er es.“
„So 'nen Roman? Auf einer einzigen Briefkastenklappe? Deshalb hast du den Opa zerlegt und die Treppe runter geschmissen?“
„Geschmissen habe ich ihn ja überhaupt nicht. Er ist… gefallen. Als er sich verpissen wollte. Manchmal erwischt es halt einen.“ Ich verkneife mir den Hinweis auf das Darwin-Jahr. Dünner Geduldsfaden und Handschellen. Für einen weiteren Oberlehrer-Spruch von Rücksitzbank hat hier niemand etwas übrig.
Der Rettungswagen zieht langsam ab. Der Polizist tritt aufs Gas und der Streifenwagen ist fort. Ohne mich. Ich sehe ihnen noch eine Weile nach. Dann treibt mich die Kälte zurück ins Haus. Die Nachbarin versteht gar nichts und glotzt mich fassungslos an. Ginge es nach ihr, hätten mich die Polizisten gleich hier erschießen müssen. „Klarer Fall von Notwehr“, sage ich zu ihr im Vorbeigehen. „Wird keine Ermittlungen geben.“ Sie zetert etwas von „Unverschämtheit“ und „Ungerecht!“. Ich gebe ihr einen neuen Kuli, der ihres Mannes steckt noch in seinem rechten Auge. Soll es aufschreiben.
Hilft mir auch immer.