Mikrobi

Klagefall & Texas-Jim & Hulot

Zweite Klasse

Seit in der ZEITUNG dauernd von Überfällen die Rede ist, verriegeln die Schaffner unsere Tür und bleiben davor stehen. Sicher ist sicher. Manchmal sitze ich in der Zweiten Klasse direkt an der Scheibe. Dahinter die Waggons zur Holzklasse. Klinke bei uns, Knauf bei denen. Dünne Reste von Menschen.

In letzter Zeit mischt sich martialischer Military-Look unter die knallbunten Polyester-Klamotten. Piercings und Tattoos. Trübes Neonflackern. Alle Passagiere schaukeln in derselben Körperhaltung hin und her. Als wären sie in der Kirche: Männer falten die Hände. Frauen legen das Kinn in die angewinkelten Handflächen. Hagere Gesichter, versteckt hinter verblassenden Kapuzen aus dürrem Haar. Jeder hat seine Farbe, von der er sich das meiste verspricht. Gebet und Warten. Leere Blicke. Abgewetzter Boden.

Unser Waggon: Gut beleuchtet, Polstersitze. Trotzdem warm und viel zu voll. Keine Klimaanlage, hin und wieder ein entriegeltes Fenster. Wenn der Zug schneller fährt, flattern die Morgenzeitungen. Jeden Tag dasselbe Brüllen nach unserer Aufmerksamkeit.

– Schon wieder ein Kind in der Holzklasse draufgegangen. Ich frage mich, warum die Assis nicht auf ihre Blagen aufpassen.

Mein Sitznachbar stößt mich an. Hält mir aufgeregt seine Ausgabe der ZEITUNG vor die Nase. Muss das nicht lesen. Weiß, was drin steht. Schreibe es mit. Erzähle es weiter.

– Wahrscheinlich wegen der Hitze.

– Hitze? So ein Unsinn. So warm ist es doch nun wirklich nicht. Fällt denn bei uns jemand um?

– Nein. Sind ja auch nur erwachsene Männer hier. Keine Kinder. Oder Frauen. Oder Alte.

– Und warum? Ich sage es ihnen: Weil die Leute hier in der zweiten Klasse ver-ant-wortungs-voll handeln. Verstehen sie? Die lassen sich nicht einfach so gehen! Wir achten auf uns, das sehe ich ihnen an!

Suche Gründe, nichts mit ihm gemeinsam zu haben. Finde keine. Versuch einer Erklärung:

– Wir können ja wenigstens frische Luft reinlassen. Die nicht. Bei denen ist es immer warm. Zu warm um…

– Ach was! Wer Luft will, findet auch welche! Eigeninitiative heißt das Zauberwort! Sehen Sie: Ich fahre schon seit vierzig Jahren mit diesem Zug. Vier-zig! Früher mussten wir immer mit denen…

Er zeigt mit dem Kopf Richtung Holzklasse. Ich sehe nicht hin. Weiß, was er meint. Lebe schließlich davon.

– …in einem Abteil sitzen. Klassenlose Gesellschaft, verstehen sie? Dann kam die Wende. Jeder kaufte sich ein Auto, und die Züge wurden leerer. Dann die Wirtschaftskrise. Viele ließen ihr Auto stehen. Hatten ja keine andere Wahl. Ein richtiger Jammer, das Ganze.

Als er das sagt, schaut er grimmig hinüber zur Ersten Klasse und murmelt etwas von Drecksäcke und Krisenullneun. Hab da auch schon auf der Schwelle gestanden. Kurz. Ist ein ganz anderes Spiel dort. Hab die Regeln nie verstanden. Wahrscheinlich gibt’s bei denen gar keine.

– Konnte sich ja keiner mehr leisten. Und dann die Überfälle. Furchtbar, verstehen sie?

Habe hier noch nie einen miterlebt. Aber die ZEITUNG berichtet seit einer Weile kaum mehr über etwas anderes.

– Am Anfang waren es ja nur kleine Taschendiebstähle. Aber dann wurde es immer brutaler. Damals, vor der Holzklassen-Trennung, hat mich mal einer von denen beim Telefonieren beobachtet. Während des ganzen Gesprächs! War doch klar, was der vorhatte. Als ich wissen wollte, was das denn solle, ist der Kerl auch noch weggerannt!

Sein Gesicht wird rot, er öffnet den obersten Hemdknopf. Einige sehen zu uns rüber. Mir müsste die Situation peinlich sein. Mein Schweigen. Mein nichts-entgegnen-können. Er verschnauft kurz, ist aber noch nicht fertig. Noch lange nicht.

– Neinneinnein, es ist schon besser so, verstehen sie? Wir hier. Die dort. Haben wir alle was davon. Es ist ja nicht nur bei uns so. Machen die doch jetzt schon überall. Was ich sagen will ist folgendes: Selbst ist der Mann! Krise als Chance! Stecken sie den Schaffnern hin und wieder etwas zu, und schon stehen ihnen alle Fenster offen! Alle Fenster offen, der war gut…“

Er kichert zufrieden und versteckt sich wieder hinter seinem Blatt. Hat gesagt, was ihm wichtig war. Der Wagen schweigt. Ich auch. Im Stillen kämpfe ich gegen den Impuls, ihm Recht zu geben. Scheiß Gutmensch, der ich gern wäre.

In der Holzklasse trommelt ein Bärtiger gegen die Scheibe. Ich blicke versehentlich rüber. Ein Kind, reglos auf dem Boden. Eine Frau kniet davor. Schüttelt, schreit. Der Schaffner schiebt sich ins Bild und kontrolliert das Türschloss. Dreht den Schlägen den Rücken zu. Profi. Das Glas hält. Er hat seine Anweisungen. Hält er sich nicht daran, sitzt er bald selbst drüben. Das Trommeln wird langsamer und verstummt.

Wir halten. Ich will aussteigen, doch der Gang ist dicht. Zu viele im Waggon. Komme nicht bis zur Tür. Umweg über die Klinke? Aber ich war schon einmal in der Holzklasse. Sogar als Schwarzfahrer. Ich bleibe sitzen. Sicher ist sicher.