Tod im Strafraum
Faszinierend, wie sie immer schreien. Der hier war wohl ein Fußballfan. Wie ein Irrer brüllt er und feuert den Sanitäter an. Das veranstalten sie ja immer, dieses Gezeter, vor allem die Männer. Kein Vorwurf. Fällt mir eben nur auf. Klänge der Hoffnung. 120 Dezibel. Wie bei einem Pokalfinale, Typ „Letzte Minute gegen diese eine, besonders herzlich verhasste Mannschaft und eine Bude hinten.
Der Dürre, der die ganze Saison noch nichts gerissen hat, und nur eingewechselt wurde, weil sie den einzigen guten Stürmer, die Hoffnung ihrer Spielzeit, zehn Minuten zuvor kaputt getreten haben, bricht über Rechts durch. Springt über die Grätsche des tätowierten Abwehrschlächters, der in diesem Jahr schon zwei Patellasehnenabrisse und einen Knöchelbruch besorgt hat, landet, ohne Geschwindigkeit zu verlieren, neben dieser einen, fast unsichtbaren Kuhle im Rasen, in die der andere Gegenspieler nun rein stolpert, ohne zu wissen, wie ihm geschieht, zu Fall kommt, und somit aus der Gruppe der Jäger ausscheidet.
25 Meter noch bis zum Strafraum, zwanzig, der Dammsitz eskaliert, fünfzehn, das Geschrei geht bis in die Herbstwolken hinauf, die daraufhin den Regen vergessen, zehn Meter, der Torwart kommt raus, macht sich breit und breiter, fuchtelt mit den Armen, als müsse er drei Bienenschwärme vertreiben, verkürzt den Winkel, das einst riesige Tor wird für den Dürren zu einer kleinen Schuhschachtel, wie breit und riesig will der denn noch werden, sag mal, zu viele Möglichkeiten, zu wenig Platz, zu viele Gedanken in seinem Kopf, das war schon immer sein Problem, deshalb wechseln sie ihn immer als Letzten ein.
Der Torwart zuckt nach links, um ihn zu täuschen, aber das sieht der Dürre nicht, weil ihn der Lärm der Tribüne fast blind und blöde macht. Er steigt auf den Bluff nicht ein, völlig überfordert, völlig automatisch, zieht nach innen und als der Hüter nach rechts abtaucht, holt der Dürre, in der Explosion der Fans, aus und rammelt die Murmel mit der Fußspitze unten links über die Linie, ins Netz, in die Ewigkeit, Amen. Alles fühlt sich so an wie vor dieser Sekunde, aber das war ein anders Universum, dunkler, stiller, toter, kälter. Gerettet, in die Verlängerung.“
Ja, so ein Gebrüll ist das und heute wirkt es. Langsam lösen er und sein Schreien sich in ein nebliges Etwas auf, verstummend, seine Form verflüssigt, während der Sanitäter wieder einen Puls fühlt und erschöpft aufs Pflaster sinkt. Hm. Habe ich auch noch nicht so oft gesehen. Aber gut.
Als ich später im Krankenhaus vorbei schaue, um nach einem anderen Auftrag zu sehen, erklären die Ärzte seiner Frau, dass er zwar noch Vitalfunktionen hat, aber der LKW ihn zu garstig am Kopf erwischt hat. Keiner kann sagen, ob auf seinem Leuchtturm noch jemand nach der Glühbirne sieht oder das bloß ein Stapel Steine am Meer ist. Sie schluckt und schluchzt leise. Das tun sie immer. Er hingegen tobt in seinem Sarkophag aus Fleisch und Schläuchen, bettelt darum, wieder raus zu dürfen, sieht mich, fleht mich an, ihn mitzunehmen, rüber, auf die andere Seite. Aber das sehe nur ich. Ist mein Job.
Tut mir leid, Kumpel. Das hättest du alles vor der Verlängerung regeln sollen. Ich komm dann nochmal später wieder. Besser gesagt: In ein paar Jahren. Ist viel zu tun gerade. Ukraine-Krieg. Super-El-Niño. Verkehrswende. Die Auftragsbücher sind voll.
Ich nehme den kleinen Jungen, wegen dem ich hier bin, an die Hand. Wir gehen langsam, ihm fehlt ein Bein, hat sich der Krebs geholt. Leise nicken mir die Schwestern zu. Sie sehen mich, wissend, dass ich irgendwann auch wegen ihnen hier sein werde. Aber ihre Namen stehen auf den hinteren Seiten. Schönen Feierabend Mädels, wenn es dann soweit ist.
Eine Maschine piept für einen Augenblick lauter, als ich den Behandlungsraum verlasse. Klingt fast wie ein Torschrei.
Ich glaube, ich brauche Urlaub.