Sinn
...und dann fahre ich durch den Klinkkomplex. Am Straßenrand missmutig Dreinschauende, wer ist schon gerne hier, mitten im verregneten Herbst. Schnell Ticket ziehen, die Politessen gieren nach Frischfleisch. Betäubender Baulärm neben dem Bettenhaus. Weißer Kleinbus. Davor ein Rollstuhl. Er.
Er sieht aus, als schliefe er die Anstrengungen eines Lebens einfach fort. Die graue Sportjacke lässt ihn nicht frieren, während er da so steht, auf die Fahrerin wartend, die den Kleinbus öffnet und seine Planke ausfährt. Sein Kopf ist zur Seite gefallen. Das Gesicht, nein: der ganze Kopf ist verzogen. Wie bei einer Wachsfigur, die zu lange der Hitze ausgesetzt war.
Lächelt er?
Und wie ich dort vorbei radle, hin zum Staub des Denkens, aufgestapelt in der Universitätsbibliothek, greift mir der Anblick dieses Jungen, jene deformiert scheinende Existenz, seine in die warme Jacke gehüllte Hilflosigkeit mitten ins Herz. Tränen? Freude? Worüber?
Dass er ist.
Dass er auf jeden Fall gekommen wäre, schon allein als Trotzreaktion auf das verängstigende Resultat der Feindiagnostik. Dass auch jene Kinder ihre Eltern bedingungslos lieben werden. Oder würden. Gegen jede Statistik. Gegen jeden Zynismus. Immer.
Ein Verbrecher ist, wer das verletzt.