Pechpilz
Ein wahrer Pechvogel sorgt sich nicht um sein Leben. So lange der Krieg tobt, ist er sicher.
Ihm wird nichts passieren.
Er stolpert über die Leichen seiner Feinde und Kameraden. Manchmal fällt er hin. Woanders schachern sie über Fortgang oder Ende. Deshalb steht er immer wieder auf. Nicht weil er will.
Eine »Seite« ist immer frei.
»Ich habe Angst davor, dass ich keine Angst zu haben brauche«, denkt er manchmal.
Bis es weh tut.
So marschiert er weiter. Manche nennen es tapfer. Bewundern ihn für seinen Willen. Wollen darin wahnsinnige Klarsicht erkennen. Um jeden Preis.
»Einer wie er, nein, der gibt nicht auf, niemals!«
Wie man ihn sehen soll: Frei. Standhaft. Vorbild. Dahinter: Widerwillen. Ein Toter, kämpfend. Eine verlorene Sache. Unsichtbar gemachter Zweifel. Nicht von ihm.
»Einer muss ja.«
Aber Pechvögel sind schlau. Wissen, dass ihre Zeit kommen wird.
»Nur nicht heute.«
Irgendwann stehen sie vom Tisch auf. Woanders. Versichern sich Frieden. Ab morgen. Für immer. »Diesmal wirklich!«. Reichen sich die Hände.
…und keine der Hände wusste, wie alles begann. Alle unschuldig. Voller Reue. Sprach die versteckte Faust in der Tasche. Alles Lüge. Wusste die Tasche.
Am letzten Tag ist es dann so weit: Der Pechvogel stirbt. Die letzte Kugel, wie immer. Es gab so viele letzte wie es Kriege gab. Alle trafen.
Unbemerkt.
In der Heimat klagen sie.
»Welch Unrecht, Schicksal, elendes!«
Ein Kamerad fragte ihn, ob sich der Pechvogel selbst als glücklichen Menschen denkt. Dann erwischte ihn ein Schrapnell. Der Pechvogel sagte »Hm«. Ungehört.
»Tod dem Helden! Sieg dem Verräter!«
Er hatte ja alles, was man sich wünscht. Begriff er aber erst, als man ihm das wegnahm. Er bekam dafür eine Uniform, nur wenig getragen. Einer wie der Pechvogel kennt das Leben und den Verlust.
Trug die Fron der Pflicht. Genoss ihre Früchte. Schuldete allen etwas. Sich selbst.
Einer ist immer der Erste und der Letzte.