Mikrobi

Klagefall & Texas-Jim & Hulot

Regen in der Heimat

Niemand lügt den Postboten an. Schon gar nicht hier. Ein Teil des Dorfes hasst den anderen von ganzem Herzen, der andere steigt miteinander in die Kiste und ein paar machen beides je nach Stimmung. Doch mir berichten sie alles. Ich bringe ihnen Post, sie geben mir ihren Kummer. Habe nicht darum gebeten. Mache es einfach. Und doch ist heute etwas anders. Es scheint ihnen das Wichtigste zu sein. Aber es klingt nicht so.

Zum Beispiel Kaschubke: Choleriker und Besitzer von mehr Kühen, als man essen kann. Einmal Postwurf, einmal Einschreiben, entgegengenommen von einer Wolke aus Schweiß, Korn und Hamsterrad. Bescheißt die Steuer – ist bekannt. Hintergeht seine Frau – sie macht dasselbe mit ihm. Hat seinen Vater mit einem Hammer erledigt und es einem Ochsen untergeschoben. Das ist die Neuigkeit des Tages, ein kurzer Blitz zwischen „Wird Zeit, dass es regnet.“ und „Was hältst du davon, was die gestern wieder für einen Mist zusammengespielt haben?“. Ich antworte, dass sie im Heimspiel wenigstens ein Tor hätten machen müssen und ignoriere den Rest.

Gleich nebenan erzählt mir Haldermanns Frau, wie sie jahrelang das Geld ihrer tatterigen Schwiegermutter abzweigte, bis sie so pleite war, dass sie sich ihre Wohnung nicht mehr leisten konnte. Sie wurde in eines dieser Altenheime verfrachtet, die zu einer Kette gehören, ihre Bewohner bis auf den Geisteszustand einer Bockwurst sedieren und dafür von den Versicherungen kassieren. Als die nicht mehr zahlen wollten, sorgte die Haldermann dafür, dass sich etwas Rohreiniger in die Infusionen verirrte. Beerdigung zum Discountpreis, namenlos auf der „Wiese“. Ich brachte ihr einen Katalog und zwei Urlaubskarten.

Der Regen haut heute runter, als nähme er den Leuten etwas persönlich. Vielleicht will er auch nur die Gesprächsfreude der Leute etwas bremsen. Habe das Gefühl, er erreicht damit das Gegenteil. Jeder lässt etwas raus und keiner weiß warum. Die Paulitz überfuhr ein Kind, haute ab und ließ es im Straßengraben verbluten. Der alte Schmidt vergewaltigte im Knast Gefangene bis sie nicht mehr zuckten. Hafermatz zündete eine Synagoge, eine Moschee und eine Kirche an. Die Lehrerin Schraubner hielt sich in jeder ihrer Abschlussklassen den Dümmsten als Spielzeug und half ihm durchs Abitur, wenn er ihr es mindestens zwei Mal pro Woche besorgte. Braunsberger vergeht sich seit drei Jahren an seinen Töchtern und denkt nicht daran, damit aufzuhören, nur weil sie bald in die Schule kommen werden. Wasenmann Junior mobbte übers Internet einen Trottel aus Niederbayern in den Selbstmord.

Alle packten sie es zwischen „Wie soll bei diesem Scheißwetter ein guter Tag werden?“ und „Mach’s gut“. Ich nahm es mit. Meine Tasche war leer, die Runde geschafft.

Feierabend. Ich fuhr heim, packte etwas aus dem Werkzeugkoffer ein und drehte dieselbe Tour nochmal. Alle waren sie daheim. Kaschubke sah fast dankbar aus, als mein Hammer sein Nasenbein Richtung Gehirn trieb. Gerda Haldermann zierte sich erst ein wenig, kotzte zuerst galliges Grün auf die beiden Postkarten vom Vormittag, trank dann aber bereitwillig ihren Cocktail aus Bleiche, Benzin und einer aufgelösten Chlortablette für Planschbecken. Das Knacken des Schädels der Paulitz war im Geprassel der Tropfen fast nicht zu hören, als ich mit ihrem Auto darüber fuhr. Schmidts Hüfte zerbröselte wie Zwieback unter meiner Akku-Flex und seine Wildschweinrotte begrüßte ihn freudig grunzend als willkommenen Snack. Hafermatz flog mit den Schwalben eine Runde ums Kirchturmdach und klatschte auf die Eingangsstufen. Die Schraubner hatte sich selbst schon ein Seil zurechtgelegt und wartete nur noch darauf, dass ich ihr auf den Schemel half. Wasenmann Junior schickte ich mit seinem Laptop in die Wanne und ließ das Netzteil daran. Braunsberger schluckte die Anhängerkupplung seines 5er BMW und jede Menge Isolierband um den Kopf sorgte dafür, dass er in Gänze hängen blieb, wenn ich schneller als sechzig fuhr und er breite rote Striche auf den Asphalt malte.

Als alles geregelt war, ging ich wieder heim und schrieb alles auf, ohne Grund, einfach so. Der Regen und ich wurden fast gleichzeitig fertig. Wir haben alles weggespült.