Mikrobi

Klagefall & Texas-Jim & Hulot

Der Mondkater

Eines Nachts dachte sich der Mond, es sieht niemand zu und sprang in den großen See. Das hatte er sich zuvor noch nie getraut, denn er nahm an, es sei seine wichtigste Aufgabe, immer am Himmel zu stehen und vor sich hin zu leuchten.

Doch heute fasste er sich ein Herz. Mit einem ganz leisen Platsch landete er im Wasser. Die Wellen umspielten ihn und wuschen den ganzen Mondstaub ab. Als er ein paar Schwimmzüge wagte, bemerkte er, dass er ganz gut darin war. Und viel wichtiger: dass es ihm Spaß machte. So zog er eine ganz lange Bahn von einem Ufer zum anderen. Er machte mondengelbe Blubberblasen, einfach so, ohne bestimmten Grund. Hinter ihm leuchtete ein warmer Streifen Licht im Wasser. Nur ein paar Fische und Enten wunderten sich über den ungewohnten Badegast. Aber sie hatten schon wildere Dinge erlebt.

Auf einem Fischersteg beschloss er zu rasten. Seine Beine baumelten im Wasser und strudelten kleine Lichter zum Grund des Sees. Da kam ein weißer Kater anspaziert. Der Mond erschrak, denn damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Doch der Kater beruhigte ihn, schnüffelte etwas am Mond herum, setzte sich neben ihn und schaute mit ihm über die kleinen Wellen der Nacht.

Da nahm der Mond zum zweiten Mal am Abend seinen ganzen Mut zusammen.

„Weißt du, warum die Menschen so seltsam sind?“, fragte der Mond. „Ich schaue ihnen die ganze Zeit zu, auch wenn man mich nicht sieht. Ich erlebe dann immer, wie sie sich voreinander verstecken, belügen, weglaufen. Wie sie bedauern, was sie getan haben, nur um es dann wieder zu tun.“

„Auf der Erde gibt es ein seltsames Tier, das Angst genannt wird. Eigentlich haben das die Menschen im Griff“, antwortete der Kater. „Aber wenn du bei einem Menschen eigentlich sagen musst, weißt du, das etwas faul ist.“

„Etwas faul? Wie meinst du das?“

„Du kennst die Menschen. Sie haben dich bereits besucht. War ein ganz schöner Trip, nicht billig, gefährlich wie eine getigerte Mieze im April. Haben das gemacht, weil sie es konnten. Sowas machen die andauernd, im Großen wie im Kleinen.“

„Klingt doch gar nicht so übel.“

„Abwarten. Danach fangen sie immer an, darüber nachzudenken, was alles hätte passieren können. Ab da schleicht sich die Angst ein und dann geht gar nichts mehr. Sie verstecken sich, weil sie befürchten, es nochmal tun zu müssen.“

„Könnt ihr ihnen nicht helfen?“

„Wir? Wo kommen wir denn da hin. Dafür gibt es Hunde. Sehe ich aus wie ein Hund?“

„Nein.“

„Also.“

„Kann man da gar nichts machen? Ihnen etwas an die Seite stellen, das die Angst verscheucht? Denn wenn ich das so recht betrachte, dauert es nicht mehr lange und der Ofen ist hier unten aus.“

„Das gibt es ja schon. Die Menschen müssten sich nur hinstellen und sagen: Ich habe Angst. Ich brauche Hilfe. Am besten zu einem anderen Menschen. Stattdessen bepflaumen sie sich im Internet. Gut, sie machen auch jede Menge Fotos von uns und verteilen die dort, als könnte man daraus Mittagessen kochen. Aber im Grunde beißt sie jedes Mal die Angst in den Nacken, wenn sie über sie sprechen wollen.“

„So sind sie also, die Menschen, hm?“

„So und nicht anders.“

Der Mond schaute in den Himmel. Es fiel ihm selbst auf, dass er nun ganz leer wirkte. „Woran denkst du jetzt, Kumpel?“, fragte der Kater.

„Vielleicht ist es gar nicht meine Aufgabe, zu leuchten. Vielleicht muss ich einfach nur da sein. Damit man zu mir aufschaut. Vielleicht bin ich der, dem man von seiner Angst erzählt. Manchmal einfach nur mit einem Blick.“

„Vielleicht hattest du aber auch zu lange die Füße im Wasser und weichst langsam auf. Sowas habe ich ja noch nie gehört. Aber meinetwegen. Bist neu hier. Geht in Ordnung, denke ich.“

Da gab der Mond dem Kater einen Schubs und zwei Platscher später schwammen beide zusammen durch den See. Der Kater fluchte wie ein Schwarm Enten, wenn der Fuchs kommt – vertrau mir, da ist was los, das kannst Du Dir gar nicht vorstellen – und sprang zeternd auf den Mond.

„Was ist los, Fusselnase? Hast du etwa Angst?“

Da lächelte der Kater sein katerigstes Lächeln. Am anderen Ufer angekommen sprang er an Land, schüttelte sich und putzte sich wieder trocken. Danach verabschiedeten sich die beiden und versprachen sich, das zu wiederholen. Als der Mond wieder zum Himmel aufstieg, glaubte der Kater von da oben ein Kichern zu hören. Aber wahrscheinlich war das nur Wasser im Ohr.

Und deshalb, lieber Henry, laufen die Katzen nachts durch die Straßen. Und unter dem Mond schimmert ein heller Streifen im See. Nun schlaf gut. Und hab keine Angst.