7. September 2022
Zum Zweifeln fehlt mir die Zeit.
Zum Zweifeln fehlt mir die Zeit.
Von hier nach dort gehen. Und schon wird das Dort ein neues Hier. Seltsam.

Wir sollten uns selbst nicht allzu ernst nehmen. Niemand hat die Weisheit für sich gepachtet.
(Queen Elizabeth II in ihrer Weihnachtsansprache 1991)
Faszinierend: Kaum mehr als 30 Minuten einen Podcast zum Thema »Laufen« gehört. Instant keine Lust mehr auf mein Training gehabt. Werde niemals mehr irgendwem irgendeinen Rat geben. Das klingt ja alles ganz furchtbar aufgeblasen.
(Eigentlich sollte doch gerade das Laufen eine wunderbar einfache Sache sein. Wenn es aber nur noch darum geht, was alles gekauft und konsumiert werden muss, bin ich raus.)
J. findet, dass ich, was das Schreiben betrifft, am ehesten hinter meinen Möglichkeiten zurückbleibe. Was das Laufen betrifft, würde ich stetig und systematisch an meiner Verbesserung arbeiten. In der Musik würde ich studieren, was andere Musiker machen und das in mein eigenes Spiel einzubauen versuchen. Aber sie sähe nicht, dass ich andere Autoren studiere und von ihnen zu lernen versuchte. Sie drängt mich seit längerem, Autorenkurse zu belegen, um meine Möglichkeiten zu erweitern, und findet es unverständlich, dass ich daran kein Interesse habe. Das müsse irgendetwas spezifisch Deutsches sein, dass man nicht glaube, systematisch an seinem Schreiben arbeiten zu können.
(via fortlaufend, einem ganz hervorragenden Blog, wenn nicht sogar dem besten deutschsprachigen im gesamten WWW.)
Frage mich seit dem Tod der Queen, welche Symbole mich eigentlich umgeben, mir also wichtig sind. Komme auf zwei: Meinen Ehering und ein Star-Trek-Tattoo. Beide stehen für Liebe, Schmerz, Freude, Enttäuschtheit, Versöhnung, Zuversicht, das Wissen darum, immer weiter wachsen zu können, die Vergänglichkeit zu ignorieren und den Willen, die guten Zeiten nie zu vergessen.
Down to earth: Unsere Gartenlaube wurde aufgebrochen. Geklaut hat man nichts, aber eine Kabeltrommel und der olle Schwingschleifer standen schon zum „Abtransport“ bereit. Wahrscheinlich wurden die Einbrecher gestört. Dafür haben sie den Zimmermannshammer liegen lassen, mit dem sie auch alle Lauben in der Nachbarschaft geknackt hatten. Nun gut. Weshalb über verschüttete Milch klagen.
Walter Jens im Interview mit Beate Pinkerneil:
Der gute Redner, der große Redner ist nie ein Agitator. Aber zum bedeutenden Redner gehört Moralität, gehört die Fähigkeit zu argumentieren. Der wirklich verlässliche Redner überredet nicht, sondern er überzeugt auch. Er lehrt, aber natürlich muss er auch die Herzen bewegen, sonst ist er verloren.
Ich finde den Gedanken schön, dass man das nicht nur über Redner, sondern alle Sprechende, Schreibende, Singende, Lehrende, Worte und Gedanken und Gefühle Schaffende sagen kann, also auch Journalisten, Twitterer, Fotografen, Präsentatoren, Dozierende und natürlich: Blogger. Das macht ihn zeitlos.
Auch Walter Jens: Einen Menschen kann man gut dadurch beschreiben, dass man sagt, was er alles nicht ist.
Befremdlich, wie sehr Kafkas Erzählungen von Antisemiten (Schakale und Araber) und Xenophoben (Ein altes Blatt) herangezogen werden. Einfach nur durch eine kleine Rechtsverschiebung der Realität und Weglassen minimaler, aber entscheidender Details.
Man muss immer wachsam sein.
Das war mein Plan für heute: 10 Uhr Schwiegermutter am Bahnhof in den Zug setzen, 10 bis 12 Uhr Muckibude, 12 bis 13 Uhr Kochen und Essen, 13 bis 15 Uhr Heimspiel in der Fußball-Regionalliga, anschließend Feierabend und Erholung.
Um 9.30 Uhr meldete das Internet: Zug fällt aus. Also Planänderung: Bei A. ein Auto ausborgen, damit nach Stralsund fahren und Schwiegermutter dort um 11 Uhr in den Zug setzen, wieder zurück und tanken, 12 bis 14 Uhr Muckibude, 14 bis 15 Uhr Kochen und Essen. Danach schaute ich nach, wie meine Mannschaft gespielt hatte: Sie haben gewonnen. Mit 5 zu 0. Ich habe einen Fünf-zu-null-Heimsieg verpasst.
Danke, Deutsche Bahn AG!
Wenn dir die Stücke in Lunds konsthall nicht zusagen, hast du vom Obergeschoss aus immerhin einen guten Ausblick auf den Mårtenstorget, selbst wenn das nicht gerade der schönste Platz der Stadt sein sollte. Das Konzept Parkende Autos auf dem Marktplatz kannte ich noch aus der Kleinstadt meiner Kindheit, es könnte langsam mal eingestellt werden. Die Ausstellung war dann aber ganz hervorragend.
Noch vier Wochen bis zum Halbmarathon. Schon wieder erkältet.
Bombenfund. Sperrkreis über das ganze Viertel ausgebreitet. Schicke alle Mitarbeiter nach Hause. Gebe auch dem Chef Bescheid. „Die lag doch dort schon siebzig Jahre. Und wir sind ja in der obersten Etage. Und wahrscheinlich steht das ganze Haus auf Fliegerbomben!“
Ich bin dann mal weg. Man muss nicht immer mit Wissenschaftlern diskutieren.
Nachtrag: Selbst jetzt, am späten Abend, sind die Straßen noch gesperrt. Wer weiß, ob wir morgen ins Bureau können. Oder ob es dann noch steht.
Einen Vortrag von Leif Erik Sander gehört und vielleicht zehn Prozent davon verstanden, da auf Englisch und über Immunologie. Sehr klug, respektvoll und witzig, so wie auch die Diskussion danach. Ich kenne keine Wissenschaft (Rechtswissenschaft zählt nicht), aber es scheint eine ganz andere und beeindruckende Welt zu sein. Eigentlich wollte ich fragen, ob ich noch eine Impfung brauche (wahrscheinlich nicht, soweit ich es mitbekommen habe), aber dann schien mir so eine banale Frage unpassend zu sein.
Die Menschen eignen sich dieses Jahrhundert mit derselben Rücksichtslosigkeit, Gier und Kurzsichtigkeit an, mit der ehedem Kontinente erobert wurden. Der Kolonialismus ist kein territoriales Unternehmen mehr, sondern ein zeitliches – das Schlimmste steht uns womöglich noch bevor. Wir verhalten uns wie Kolonisatoren kommender Generationen. Wir berauben sie ihrer Freiheit, ihrer Gesundheit, womöglich sogar ihres Lebens – genau wie die Kolonisatoren der Vergangenheit. Wir bürden künftigen Generationen uns selbst auf, und das mit erstaunlicher Brutalität und Gleichgültigkeit. Wir tun so, als gäbe es sie nicht, als gehörte ihr Land uns, als wäre ihre Welt unbewohnt, als stünde es uns frei, auf ihre Ressourcen zuzugreifen – Trinkwasser, fruchtbaren Boden, gesunde Luft –, und wir vergessen dabei, dass sie diese Ressourcen vielleicht selbst brauchen. Wir plündern unsere Enkelkinder aus, wir berauben unsere Kinder, wir vergiften unsere Nachkommen.
David Van Reybrouck: Die Kolonisierung der Zukunft. Rede zur Eröffnung des 22. Internationalen Literaturfestivals Berlin
(Abt.: Jucken im Gehirn wo man nicht hinkommt)
Am Abend kommt T. vorbei, mit dem ich mein Zeitungsabonnement teile, und bringt mir einen Stapel Leerkassetten mit, noch eingeschweißt, auf Polnisch und Tschechisch beschriftet. Der Nachbar stelle ja seit Tagen Sachen in die Einfahrt zur Tiefgarage, weil er Platz brauche, er habe so an die 500 Schallplatten aussortiert, inzwischen sei aber alles weg. Ich bekomme noch nicht einmal mehr mit, was in einem Radius von 100 Metern um mich herum passiert. Sehnsucht nach einem analogen Leben. Aber die Kassetten habe ich jetzt, das ist ein Anfang.
Die kalten Septembernächte dringen immer weiter in das Haus vor, aber noch schaffen es der Rechner, die Schreibtischlampe und mein Körper, das kleine Arbeitszimmer unter dem Dach bewohnbar zu halten.
(Binary Sunrise)
Nach dem Aufräumen einen Fahrradanhänger voller Sachen zum Umsonstladen gebracht. Vor dem Eingang eine lange Schlange, aber wer nur etwas abgeben will, muss nicht warten. Seit die Flüchtlinge gekommen seien, seien die Regale ständig leer, sie nähmen deshalb so gut wie alles an, alles außer Bücher aus der DDR, das sei die einzige Ausnahme.