Gute Reise, Bohnenkaffee.
Auch in dieser Woche wurde es Sonntag und wie jeden Sonntag rumpeln wir rüber zu Oma in die Vorstadtsiedlung. Schlünz und Latte werden sich morgen in der Schule bestimmt wieder einen ablachen, weil sie im Wald an unserer Bude weiterbauen, während ich hier mit Vater und Vivi in der Bimmel sitze und der ultimativen Langeweile entgegen zuckele.
Ganz nebenbei: Wer kleine Schwestern erfunden hat, dem gehört mit Anlauf in den Arsch getreten. Wie man so verpeilt sein kann, geht mir nicht in den Kopp. Andauernd sind wir zu spät und Oma bekommt regelmäßig ‘nen Koller. Wenn die Glocke zu Mittag schlägt, haben wir an der Tür zu klopfen – So will es ihr Gesetz. Und wehe, er vergisst das Päckchen Bohnenkaffee als Geschenk. Dann ist Party bei Großmutter Eisfee. Ohne Schlitten und Schnee.
„Meusdorf“ – Wie das schon klingt. Ist so gesehen nur ein anderes Wort für „Arsch der Welt“. Alle verrückt hier. Jedesmal wenn wir hier aussteigen, kommt ein alter Mann und setzt sich an die Haltestelle auf der anderen Straßenseite – obwohl hier seit Jahren kein Bus mehr hält. Der hockt dann da wie ein Uhu und glotzt den Leuten nach. Schlünz meinte, dass das bestimmt ein Präverser ist. Keine Ahnung, was er damit meint. Aber man muss bei ihm nicht alles ernst nehmen. Seit drei Jahren im Boxverein. Hat wahrscheinlich zu oft gescheppert da oben.
„Vivi!“
Mein Alter wird laut – das ist neu. Die Bahn startet und meine kleine Krötenschwester winkt. Uns. Aus der Bahn. Es ist ein paar Minuten vor Mittag und für einen Moment überlegt er, was schwerer wiegt: Pünktlichkeit oder Vollzähligkeit. Mit einem kurzen „Warte da drüben!“ schickt er mich in die Bushaltestelle und sprintet der Bahn hinterher.
Ich setze mich an den äußersten Rand der Bank. Ob man sich bei einem Präversen mit irgendwas anstecken kann, weiß ich nicht, aber ich bleibe auf Abstand. Sicher ist sicher. „Tach“, sage ich. Der alte Mann schaut rüber und auch irgendwie nicht. Aber er nickt. Es ist so still wie im Musikunterricht, wenn gefragt wird, wer heute vorne beim Lehrer ein Lied singen will. Echt eklig.
„Mein Vater kommt gleich wieder.“
Der Alte nickt wieder, dreht sich diesmal aber zu mir um.
„Ich sehe sie immer hier, wenn wir Oma besuchen. Aber sie warten doch nicht auf den Bus?“
Kopfschütteln. Wenigstens etwas.
„Ich bin Alex.“
In der Schule sagen sie ständig, dass wir uns nicht von Fremden ansprechen lassen sollen. Von andersrum haben sie nix gesagt.
„König…“
„Ok, Herr König. Und was machen sie hier?“
„Nicht Herr König. König… Namenlos.“
Wir hatten mal eine Lehrerin namens Unbekannt. Wahrscheinlich hatte sie nur geheiratet, weil ihr unsere Witze nicht geschmeckt haben. Für „Auf ihrer Geburtstagstorte stand: ‚Alles Gute, Keine Ahnung wie sie heißt!‘“ habe ich einmal einen Schriftlichen kassiert. Aber der war’s wert. Namenlos. Ist die selbe Liga.
„Wie wird man das eigentlich, eine Majestät?“
„Mit ganz viel Pech“, antwortete er. Latte hat mal die Freundin seines großen Bruders im Bad überrascht. Nackich! Er musste ihm bei Todesstrafe und Puddingbuße schwören, dass er darüber die Klappe hält. Konnte er natürlich nicht. Kurz bevor es aus ihm herausplatzte, was das für ein Brett war, hat er genauso ein Gesicht gemacht.
„Klingt doch erstmal gar nicht so übel, oder? King Alex der Erste? Alles klar, let’s go! Als erstes würde ich die Schule abschaffen. Danach kleine Schwestern. Und…“
„Sei still. Mit diesem Amt, dieser Bürde, bist du der größte Verlierer von allen. Erstens machst du alles falsch. Zweitens: Wenn du etwas falsch machst, sind die Fehler stets riesig und bitter. Du kannst dir nicht vorstellen, was das manchmal für Folgen hat. Sei froh, dass du noch ein Kind bist.“
Ich musste an jemanden denken, der gerade der Linie 15 hinterher hechelt. Klarer Fall: Auf diesem Level reinscheißen ist besonders fett.
„Was ist denn da schief gegangen? Namenlos – Normalerweise heißt ihr doch Friedrich, Wilhelm, Olaf oder so.“
„Eines Tages“, begann er zu märchenonkeln, „ergab sich mir die Gelegenheit, einen beträchtlichen Schatz zu erringen. Ich musste nur einen befreundeten Grafen in dem Glauben lassen, dass seine Generale mit Freude ihre Leben für seine Pläne geben wollten. Das waren sie aber nicht, denn sie dienten schon seit einiger Zeit in meiner Armee. Ohne dass er davon wusste.“
„Mieses Ding, echt mal.“
„Dummerweise hatte mich der Zauberer des Grafen durchschaut und bestraft. Er stahl mir meine Kinder.“
„Was hat er mit ihnen gemacht? Eingesperrt oder in Tiere verwandelt?“
„Schlimmer. Er vergiftete ihren Blick, dass sie mich nicht mehr erkannten und mich am liebsten wie eine Pestratte ersäuft hätten.“
Ich musterte den Alten genauer. Das Haar kämpfte wie wild mit einem speckigen Opa-Hut um Sonnenlicht. Seine Hosenbeine waren voller Staub und die Schuhe voller Löcher. Vom Geruch ganz zu schweigen. Da hatte der Zauberer nicht allzu viel zu tun gehabt.
„Und er verfluchte mich. Ich durfte ihnen von da an nur mehr aus der Ferne zusehen. Hätte ich mich ihnen offenbart, wären sie vor meinen Augen gestorben. Und wenn sie mich je angesprochen oder berührt hätten, wäre ich zum nächsten Vollmond ein Stein geworden.“
„Ich denke, das ist noch mieser. Dann sind ihre Kinder ohne Eltern groß geworden?“
„Sie sind ohne mich groß geworden. Bei dem Grafen, den ich zu betrügen gedacht hatte.“
„Was? Das wird ja immer ätzender! Und wie lange geht das noch so weiter?“
„Ewig. So sehr ich mich bemühe und mich vor ihm in den Schmutz werfe, der Zauberer lässt nicht mit sich reden. So bleibt mir nur ein Blick aus der Ferne und das Wissen, dass es sie gibt.“
„Klar, das kann ihnen der Zauberer nicht nehmen. Will er vielleicht auch nicht. Macht ja die Strafe nur noch fieser.“
Während die Glocken läuten, kommen Vater und Vivi zurück. Er sieht aus, als hätten ihn die Komantschen in die Finger gekriegt und zwei Wochen am Pfahl stehen lassen. Sie ist wie immer damit beschäftigt, eine kleine Schwester zu sein und spielt mit einer Pusteblume als ob sie das alles nichts angeht. Naja. Muss es nicht unbedingt. Trotzdem: Arschtritt. Kann nicht schaden.
„Danke, dass sie ein Auge auf den Jungen geworfen haben, Herr…“
„König“, antworte ich. Der alte Mann nickt, lächelt und wischt sich schniefend mit der Hand im Gesicht herum. Ich will ihm ein Taschentuch geben, aber darin hat sich seit vorgestern ein Bonbon aufgelöst. Das kann man höchstens noch als Aufkleber benutzen, wenn man seine Popel auf der Rückseite für etwas besonders tolles hält. Wäre sicher ein Mordsspaß. Aber nicht hier. Seine Hoheit hat keine Lacher mehr in der stinkenden Jacke. Lohnt nicht. Schmeiß’ ich morgen Latte in den Ranzen. Haben wir alle was davon.
„Nett, der Typ“, meint Vater, als wir uns auf den Weg machen. „Ganz in Ordnung“, murmle ich. Die Glocke war für heute fertig. Überall riecht es nach Mittagessen. Mich überkommt ein seltsames Würgen. Als ich mich umdrehe, ist die Bank leer. Und blieb es. „Moment: Wo ist der Kaffee?!“. Zweimal laut geworden und der Tag ist noch nicht vorbei. Neuer Rekord. Vivi kichert. Wir wünschen dem Päckchen eine gute Reise durch die Stadt und richten uns auf ein Mittagessen in der Hölle ein.