Mikrobi

Klagefall & Texas-Jim & Hulot

Frau Möbius will auf die andere Seite

Als Ottla Möbius eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, hatte sie die Schnauze voll.

Welchen Sinn hat ein Leben, wenn sich alles immer wie Montagmorgen anfühlt? Ein Job, dessen Staub sie ersticken ließ. Eine Familie, deren Gier sie auffressen würde. Schlaf, aber keine Ruhe, mit Träumen aus dem Abgrund. Da musste doch noch mehr sein als diese schmierige Endlosschleife! Sinnlose Fragen an die Decke über ihr. Die schwieg zurück.

Was hatte sie nicht alles versprochen bekommen, damals, als sie noch nicht täglich bedauert hatte, wieder aufgewacht zu sein. Freiheit! Möglichkeiten! Ein bisschen Luxus, wenigstens ab und zu ein neues Kleid oder ein Leben mit jemandem, der wusste, wie man sie zum Klingen bringt und nicht hinter Pflicht und Riegel sperrte. Stattdessen vergammelte sie in dieser schäbigen Ecke, wo es statt Candlelight nur Müll gab.

Ende. Der Frust ließ sich nicht mehr weglächeln. Entschlossener als sonst stand sie auf. Kein Kaffee. Einfach nur raus. In ihrer Firma schmiss sie das Erste, was ihr in den Blick kam, scheppernd auf den Boden. Verwirrte Blicke der Schreibgehilfen. Aufmerksamkeit kann ich noch. Alle schauten erschrocken zu ihr auf.

„Ich kündige! Fristlos und furchtlos! Nimmst du meine Kündigung an?“, fragte sie sich lautstark selbst. „Aber Ottla, du bist doch erst 58? Was willst du tun?“, antwortete sie mit falsch-fürsorglich verstellter Stimme und regungslosem Blick auf ihr Publikum.

„Ich habe keine Ahnung. Und genau das genieße ich jetzt. Mein halbes Leben habe ich in dieses Loch gestopft und es ist immer noch leer. Vergiss es. Den Rest will ich für mich haben. Keine Kämpfe mehr. Keine blöden Witze über meinen Namen. Nur zwei Möglichkeiten: Entweder brenne ich hier alles nieder oder ich gehe.“

Man konnte das entfernte Klappern aus der Küche hören, so still war es im Foyer. Ottla hatte ihnen alle ein Fragezeichen ins Gesicht gewischt. Gut so. Abgang.

Alles war nun möglich. Dieser Schritt über die Schwelle, ohne Termine, ohne Panzer. Der erste Tag ihres versprochenen Lebens. Der Fight gegen den Stumpfsinn war dreckig, aber Ottla hatte ihn auf die Bretter geschickt. Kein Jubel. Aber endlich Luft in den Lungen.

Die Wucht hat sie nicht kommen sehen, aber sie war schwer genug, um ihren Körper mit einem lächerlich leisen Knirschen zu zerquetschen. „Endlich“, freute sich der Hausmeister und wischte sich den Rest der Kakerlake vom Absatz.