Frankfurt am Main (Deutschland), 22:07 Uhr
Das letzte, was ich erwartet hatte, war Applaus.
Die Türen waren bereits zischend zugeknallt, aber der Bus stand noch immer da und pumpte seinen blauen Gestank ins Wartehäuschen. Ein kleiner rothaariger Soldat kam zu mir rüber und schüttelte meine Hand. Der Ampel gefiel, was sie sah. Sie machte keine Anstalten, ihre rote Lampe zu löschen.
– Gut gemacht!
Meinte er mich? Ich hatte keine Ahnung, was ich eigentlich getan hatte. Etwas musste es aber gewesen sein. Etwas, das andere für Absicht hielten. Eine junge Frau brachte uns jedem eine Flasche Bier.
– Haben Sie was zum Schreiben?, fragte sie den Soldaten.
Er fingerte einen Stift aus seiner Brusttasche. Sie nahm meinen Arm, krempelte den Ärmel hoch und schrieb ein paar Ziffern auf. Ich verstand nicht, was das alles sollte. Wie ich hierher gekommen war. Wer diese Leute waren. Als hätte Gott ohne Hinzusehen ins Telefonbuch getippt und sie hierher gestellt. Alle hätten überall sein können. Aber nun waren sie eben hier.
– Eine Narbe!, erschrak sie sich.
– Keine Angst, die tut niemandem was.
– Wo haben Sie sich die geholt?
– Nicolas Cage.
– Nicolas Cage?
– Nicolas Cage.
Sie verstand.
Das Bier war fantastisch. Wir setzten uns. Sie fragte mich aus. Woher ich komme, was ich mache, lauter solche Dinge. Mir fiel keine Antwort ein. Nicht schlimm, meinte sie, es interessiere sie im Grunde auch nicht. Hätte ihr gerne die größte Geschichte aller Zeiten erzählt. Wusste aber nicht einmal mehr, wie man spricht. Die Flasche kühlte meine Hand. Gutes Gefühl.
Die Ampel schaltete auf Grün. Schwerfällig knödelte der Bus über die Kreuzung. Als sich seine Abgase verzogen hatten, war mein Bier fast leer. Wir teilten uns den Mondschein und schauten einander nicht an. Das half.
– Wo haben Sie das gelernt? fragte mich der Soldat.
– Keine Ahnung, antwortete ich, vermutlich nirgendwo.
– Ich wünschte, ich könnte das auch.
Das sagen sie alle, immer. Ich wünschte, ich könnte das auch. Aber es passiert einfach. Da ist kein Können. Das ist einfach nur zum Kotzen. Weil es kommt und geht. Wie es will. Ich nippte an meinem Bier und spülte die Idee herunter, etwas Kluges zu sagen.
Die junge Frau war mit ihrem Bier fertig. Sie pfefferte das Glasmantelgeschoss bis auf die andere Straßenseite. Im Sitzen. Respekt. Kenne ein paar Cricket-Teams, die solche Bowler suchen. Dumpf meldete der morsche Bretterverschlag den Treffer zurück. Eines Nachts gab es hier eine Gasexplosion. Kurz, humorlos, endgültig. Danach war der Ladenbesitzer absolut davon überzeugt, dass er seine Döner besser woanders verkaufen sollte. Die Scherben flogen damals bis dahin, wo wir jetzt saßen. Das Holz sollte die Tauben davon abhalten, in die gesprengten Fensterlöcher zu fliegen und alles vollzuscheißen. Vergebens.
– Ich habe das früher auch gemacht, sagte sie.
Der Soldat schaute nun noch verdrossener drein.
– Sie können das auch?
– Hab ich nicht gesagt. Ich habe es gemacht. Nicht gekonnt. Großer Unterschied.
Sie hatte recht.
– Sie haben recht.
(Aufgewacht. Wieder eine Nacht ohne Text. Fast vergessen, wie man das macht. Gut so.)