Mikrobi

Klagefall & Texas-Jim & Hulot

Der alte Mann und der Zoo

Er hatte seit dem Aufstehen mindestens zweimal geblinzelt. Dem alten Mann war dieser Grund so gut wie jeder andere, um an diesem Morgen in den Zoo zu fahren. Auf dem Weg dorthin traf er einen Bettler. Er gab ihm: Nichts. Man hat nie genug, dachte er angestrengt wegsehend. Warum die Unzufriedenheit steigern? Dass sein Verstand nur noch Zynismus hervorzubringen schien, beschämte ihn für einen Moment. Dann überfuhr ihn beinahe eine Straßenbahn. Hab eigene Sorgen, rettete er sich in den Rest des Tages.

Vorm Zoo sah er einen ramponierten Mann. Die Welt hatte ihm die vollen zwölf Runden abverlangt. Was noch übrig war, führte die junge Hand seiner lächelnden Tochter über den Parkplatz. Auf einer gigantischen Werbetafel schnappte ein Dinosaurier scheinbar nach dem Mond. Jemand hatte "Die Natur findet immer einen Weg" darunter getextet. Ein kleiner Junge hielt sich mutig daran fest und pinkelte ins Gebüsch.

Die Sonne schien. Irgendwer reparierte das Pflaster am Eingang. Eine Schülergruppe mit Klemmbrettern. Lehrer, die zu Ruhe und Ordnung mahnen. Erinnerungen an trübe, aber seltsam nachleuchtende Tage. Verdammt nahe Gefühle.

Im Zoo: Früher, als er noch mit seinen Kindern dort war, gab es nur zwei Arten von Fischen: Die einen aus »Findet Nemo« und die anderen. Draußen versteckten sich Tiere im Gebüsch und Menschen hinter Objektiven. Eigentlich eine gute Arbeitsteilung, wie er fand.

Auf der Hängebrücke über dem Affengehege lachte er über sein jüngeres Ich. Es hatte sich damals vor King Kongs Augen gefürchtet. Nicht vor der riesigen Zerstörung, dem Gebrüll oder den schwarzen Fellpranken. Sondern seinem Blick. Sogar im Traum war ihm der Riesenaffe erschienen. Ihn suchend, jagend, fast menschlich klug. Einzig der Sprung aus dem Fenster seines Klassenzimmers und beherztes Davonfliegen half da noch. Zwei Kopfschüttler, ein Schmunzeln. Dann erschrak er vor einem Vogel, der neben ihm auf dem Handlauf landete.

Im alten Vogelhaus, dem letzten Ort im Zoo, der noch wie damals war, saß er still auf einer Bank. Kaum dass alle anderen Besucher weg waren, wagten sich die Tiere hervor und betrachteten ihn. Ist nur fair, dachte der alte Mann. So saß er eine Weile regungslos da, mit einem Eisbecher in der linken Hand, einen krümeligen Klumpen Erinnerungen im Herzen und viel zu viel feuchter Luft in seinen Lungen.

Spätmittags traf er sich mit ihr. Sie küssten sich, als läge der Morgen Jahrhunderte zurück. Gemeinsam bedauerten sie, dass es keine Flamingos mehr am Eingang gab. Die waren in ein besseres Gehege umgezogen. Dafür war der Streichelzoo nun einer großen Forscherstation gewichen, voller Pädagogik und Langeweile. Klinisch sauber, mit abgerundeten Kanten, ohne den stechenden Gestank von Raubkatzen in viel zu kleinen Verschlägen. So riecht die Welt, dachten sie damals alle. Aber was wussten sie schon davon, hinter den tausend Stäben und Mauermetern. Es war immer nur eine Mutprobe in Kacke, Ammoniak und Quälerei. Und blieb es. Aber man gewöhnt sich an jeden Duft. Als kleiner Junge kehrte er heim. Es fühlte sich alles sehr richtig an.

Zwei Tage später brachen die Löwen aus. Der alte Mann war bereit, dafür die Verantwortung zu übernehmen.

Schließlich waren es seine Erinnerungen