Sting
Sting hatte gerade mit Roxanne angefangen, als auf dem Bildschirm meines Telefons ein Anruf meiner Mutter erschien. Ich hatte die Setlist nachgeschlagen. Roxanne war die erste Zugabe, danach würde noch Fragile kommen und danach würden wir eine gute halbe Stunde vom Platz bis zum Auto brauchen. Es war jetzt 21.38 Uhr. Von Rostock nach Greifswald schafft A. es unter einer Stunde, ich würde also noch vor Mitternacht zu Hause sein, sehr schön.
Um 21.38 Uhr möchte ich eigentlich nicht von meiner Mutter angerufen werden. Es ist selten ein gutes Zeichen, wenn um diese Uhrzeit das Telefon klingelt. Die Band spielte gerade einen druckvollen Mittelteil, den es auf dem Album nicht gibt, und erhöhte das Tempo. Es klang ein bisschen routiniert, vielleicht hatten sie keine Lust mehr auf die Nummer, die alle jedes Mal hören wollten. Es war viel zu laut, um ans Telefon zu gehen. Nach einiger Zeit bekam ich eine SMS, meine Mutter hatte auf die Mailbox gesprochen, aber solange Roxanne lief, würde es keine Chance geben, das abzuhören. Endlich war der Song vorbei. Sting setzte sich auf den Barhocker auf der Bühne und wie erwartet brachte ihm ein Roadie einen Akustikbass. Zu meiner Überraschung machte Sting eine Ansage. Heute sei Brian Wilson gestorben, einer seiner musikalischen Helden, und ihm zu Ehren wolle er das folgende Lied singen. Dann fing er mit God Only Knows an. Lieber Gott, dachte ich, Fragile ist doch schon schwer genug, jetzt bitte nicht noch mehr Bedeutung, wenn ich die Mailbox abhöre. Kein Song sollte so viel Bedeutung haben.
Und so kam ich es, dass ich einen Gruß meiner Eltern anhörte, voller Erleichterung, während Sting ein leises Tribute für Brian Wilson sang, der an diesem Tag gestorben war.