Mikrobi

Klagefall & Texas-Jim & Hulot

Lindenfels (Doppelmonarchie Lindenfels-Schreiburg), 21:39 Uhr

(Hier geht es zu Teil 1.)

Kischka hörte gar nicht, dass er auf dem Weg ins Bureau von einer fahrenden Wahrsagerin mit einer furchtbaren Krankheit verflucht wurde, weil er sie fast umgerannt hatte. Fünf Minuten zuvor hatte ihn ein verängstigter Bronibert aus der Behörde angerufen und etwas von „Zwischenabteilungsvorsteher“ und „Katastrophe“ gefaselt. Der Rest war im Herumgetölpel über Swetislaw, Pferderennen und eine Sitzbank untergegangen. Alles Rätsel, die Kischka nicht begriff und auf später verschob.

Als er in die Eingangshalle stürzte, wartete Siebenschleich bereits auf ihn. Er grinste, als wäre er Kischkas Bräutigam.

„Herr Kollege, auf ein Wort!“, näselte er mit hyänenhafter Aufrichtigkeit. „Sie erinnern sich daran, wie ich von Beginn an die Eignung ihrer Mitarbeiter eingeschätzt habe? Und dass sie eine Bedrohung für unsere Verwaltung darstellen, wie sie die feindlichen Agenten nicht besser ausüben könnten?“

Kischka nutzte Siebenschleichs siegessichere Aufplusterung, um wieder zu Atem zu kommen. Er mochte seine Gehilfen für ihre ab und an aufblitzende Lebensschläue. Beide waren seltene Pflanzen in einer immer weiter vertrocknenden Behörde, in der Titel mehr zählten als ihre Träger.

„Wenn ich mich recht erinnere, nannten sie die beiden Vollkommene Idioten, die zu dumm seien, einen Eimer Wasser umzuschütten, weswegen sie ihn austränken.“

„Nun, mein Lieber, das war gestern. Heute haben beide das von mir konstatierte Niveau noch unterschritten.“ Er hielt Kischka das Formular vor die Nase. „Sehen Sie das hier? Ein königliches Formular, beschmutzt mit nichtamtlichen Aussagen! Das ist nichts weniger als Insubordination! Im Kriege!“

Kischka versuchte den Zettel zu lesen, doch Siebenschleich fuchtelte immer wilder damit herum, als versuche er zwei Bienenschwärme gleichzeitig zu verjagen. „Und nun, werter Kollege, übergeben wir das dem Abteilungsvorsteher. Gemeinsam. Genießen Sie ihre letzten Momente im Bureau!“

Pünktlich auf die Minute öffneten sich wie von Geisterhand die Türen des Ost- und Westflügels. Die Karawane des schillernden Abteilungsvorstehers Glanzmann zog von links nach rechts durch das Foyer. Glanzmann wollte beides sein: Beamter und Legende. Daher zog er es vor, von niemandem angetroffen zu werden. Das brachte aber die Arbeit seiner gesamten Abteilung zum Erliegen, weshalb er sich einmal täglich sehen lassen musste. Dies war der einzige Moment, in dem man ihn außerhalb seines Bureaus antreffen konnte, entsprechend riesig war die Menge an Bittstellern, Untergebenen, Sekretärinnen, Boten, die er wie eine Staubwolke hinter sich her zog. Er hasste diese Pflicht so sehr, wie er das dienerhafte Buhlen um seine Unterschrift genoss.

„Gewiss, gewiss“, dozierte er, „sind die Anforderungen an unsere Behörde vor allem in Zeiten des Krieges die allerhöchsten! Daher müssen wir, zur Sicherstellung der Funktion des Hauses, genau auswählen, welches Anliegen wann, von wem, in welcher Verantwortung bearbeitet wird. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Anliegen gleich wenig wert sind! Und auch nicht, dass sie gleich viel wert sind! Vielmehr sind sie gar nichts wert und gleichsam das Wertvollste, verstehen Sie?“

Siebenschleich sah seinen lange ersehnten Moment der Rache gekommen und warf sich mutig vor die Kolonne, das corpus delicti in der Hand und den Blick des Sieges im Gesicht. Der Troß stoppte und die hochhackigen Sekretärinnen bekamen die Chance, wieder aufzuschließen, während die vorderen Reihen gnadenlos ineinander rasselten.

Glanzmann war empört. Sein Gang wurde gestört, was bedeutete: Der natürliche Ablauf der Dinge wurde unterbrochen. Kischka schob sich hinter eine Marmorsäule und überließ den noch immer selig lächelnden Siebenschleich seinem Schicksal.

„Was will er?!“ fauchte Glanzmann. Es war die Lautstärke, die ihn an die Stelle im Apparat gehievt hatte, auf der er nun als Behördenleiter stetig versagte. Siebenschleich begriff, dass es für ihn Fünf nach Zwölf war. Er hätte gerne über alles berichtet: Wie Kischkas Gehilfen amtliche Formulare als Wettzettel missbrauchten, dass das alles Kischkas Schuld sei, und er, Kischka, dafür in die Strafkolonie gehöre, besser gestern als heute, und er, Siebenschleich, es schon immer gewusst habe, und er, seine Majestät, hochleben solle, und er, Glanzmann, ebenso.

Heraus kam stattdessen ein klägliches Schlucken, das durch das ganze Foyer schallte.

Der Abteilungsvorsteher las den Moment am besten. Noch bevor Siebenschleich den Eindruck entkräften konnte, ein vollkommener Trottel zu sein, wurde er von seinem Chef beiseite gestoßen. Das war wieder einer jener Momente, an die man sich zukünftig erinnern solle. Die schreibbereite Entourage wartete auf die neueste Weisheit ihres Anführers. Das Scheppern eines herabstürzenden Blatt Papiers zerriss wie ein Startschuss die Stille des Raumes.

„Reiße er sich zusammen! Wir sind im Kriege! Der moderne höhere Offizier leitet vom Bureau aus die Schlachten! Ich erwarte Disziplin! Gehe er auf seinen Platz, wo Schicksal und Vorhersehung ihn erwarten!“

Siebenschleich zitterte mehr als er nickte. Aber da war der Zug der Verachtung schon an ihm vorüber geeilt.

Text der Serie "Nur ein einziger Tag".

Auf dieser Seite beginnt die Reise.