Mikrobi

Klagefall & Texas-Jim & Hulot

Katerfrühstück

– Wer saufen kann, kann auch arbeiten!

Sodbrennen bis zur Hirnschale. Bin diese Nacht um ein Haar wieder an meiner eigenen Kotze erstickt. Kaum zu fassen, wie sehr ein Mensch im Inneren stinkt und wie lange das vor sich hindampft, wenn es in die Lunge gerät. Der Tag ist jetzt schon im Arsch. Kaum geschlafen. Kopfschmerzen. Und natürlich: die Stimmen.

– Los, raus!

Normalerweise kreischt das schlechte Gewissen mit Lindas Stimme durch meinen Schädel. Ein sauber eingepflanztes Echo. Doch nun wechselt es auf Bariton. Aber wessen Gemaule ist das genau? Vater? Der Nachrichtensprecher? Und weshalb wird es leiser, wenn ich mir das Kissen auf den Kopf lege?

Augen auf: Statusbericht. Es ist hell draußen. Noch ‘ne Runde auf dem Planeten, Pech gehabt. Socken und Krawatte. Offene Tür. Kater mit Frühstücksblick.

– Auf geht’s. Hebe es seinen Kadaver aus der Koje.

– Max?

– Oh, es erkennt uns! Die Krone der Schöpfung erinnert sich! Natürlich Max, wen hat es denn erwartet?

– Du… sprichst?

– Die ganze Zeit schon. Hast nur niemals richtig hingehört. Wie sieht’s aus? Heute wieder sechs Stunden die Decke anstarren? Sich für immer das Saufen verbieten, mit Depression schmücken, Pillen einwerfen? Das leidende Genie sein und am Abend alles vergessen haben, um wieder von vorne zu beginnen? Oder ist es heute einmal, was es eigentlich sein will?

Genau aufs Glaskinn. Liege noch im Bett und hab schon verloren. Gegen eine Hauskatze.

– Ist gerade schwierig. Im Büro kann es jeden Tag knallen. Mit dem Schreiben geht’s nicht voran. Die ganze Menschheit plappert mich kaputt. Bin eigentlich zu müde für alles. Sogar zum Schlafen.

– Wann ist es das nicht gewesen? Anders gefragt: Wie lange soll das noch so weiter gehen?

– Sorry Max, du redest mit mir und hast zudem heute deinen philosophischen Tag. Mindestens eines davon muss ich erst einmal verdauen. Stell mir gerne noch ein paar Fragen, wenn ich wieder geradeaus atmen kann.

– Klar, es drehe sich einfach wieder um und liege noch eine Stunde im Bett. Sich überlegend, was es alles in der Zeit hätte erledigen können. Und dann hänge es noch eine Stunde dran: Für die Ausreden.

Austeilen. Übers Bett stolzieren. Mir auf den Bauch latschen und mich beinahe wieder zum Spucken bringen. Max hat’s echt drauf. Sein Miauen hatte mir aber besser gefallen. Nun sang er zusammen mit meinem schlechten Gewissen im Chor. Die alten Scheißlieder.

– Was soll ich dir denn darauf antworten? Dass ich nichts gebacken bekomme, einfach immer und überall? Wo soll ich unterschreiben, damit ich nochmal zurückgehen kann, um das alles gerade zu biegen? Ach, der Herr hat gerade keinen Stift dabei?

– Hoppla, schaut wie es Puls bekommt! Und vielleicht begreift, dass das alles vorbei ist. Schafft es vielleicht auch den nächsten Schritt? Denk, kleines Kischka, denk!

– Meinetwegen: Ich habe nur das eine Leben, nur die eine Vorstellung. Von Anfang an beschissen besucht. Bin gefangen in einer ewigen Matinee. Kein Publikum, kein Applaus. Trete nur auf, damit sich das Heizen der Bühne lohnt. Ab und zu schaut mal die Klofrau rein. Aus Mitleid, auch wenn sie es abstreitet. Könnte natürlich jederzeit meine Sicht der Dinge locker aus der Lippe fallen lassen, wenn ich sieben Leben hätte. Habe ich aber nicht. Und nun?

– Neun.

– Was?

– Neun. Katzen haben neun Leben. Sagt zumindest seine Spezies. Und wenn es nun glaubt, dass das eine tolle Sache wäre, muss ich es enttäuschen. Wir könnten hundert Leben haben. Aber was nützt es, wenn du nicht weißt, an welcher Stelle vom Lied du gerade bist.

– Eure Luxusprobleme möchte ich haben.

– Oh, es missversteht uns, das ist alles auch gar kein Problem! Wir machen uns deswegen keinen Kopf und genießen jeden einzelnen Tag. Weil es immer der letzte sein könnte, hauen wir von Anfang an volle Pulle rein. Es gibt eine Menge Verrückter da draußen und noch mehr Autoreifen. Die Gefahr ist echt. Aber uns egal.

– Du meinst, ich solle nach vorn schauen?

Eine süße Glasur legte sich nun über seinen Ton. Vielleicht hat er sogar gelächelt. Ich versuchte zu verdrängen, was er in dieser Wohnung schon alles gesehen hat.

– Unbedingt! Wie wäre es also mit einem gewagten Sprung von der Matratze? Einem Tänzeln in die Küche, hm? Der phänomenalen Anwendung des opponierenden Daumens, der seiner Gattung so viel Freude und Fortschritt bereitet?

– Und dann? Was bringt mir das? Die Welt ist ein Klo und das Schicksal steht an der Spülung um mich loszuwerden.

– Es könnte damit beginnen, eine Dose zu öffnen und mir die wichtigste Mahlzeit des Tages anzubieten. Ich glaube, heute ist ein Thunfisch-Tag. Oder gibt es noch etwas von der leckeren Paté?

Ich warf meine Decke beiseite, zog eine Hose an und schlurfte zur Tür. Max sprang vom Bett und schnurrte flink an mir vorbei. Das Beste an diesem seltsamen Morgen war sein Blick, als er merkte, dass ich die Tür zum Schlafzimmer wieder von innen schloss. Beinarbeit und Timing. So gewinnt man. Wahrscheinlich haben seine feinen Ohren auch registriert, wie ich mich wieder ins Bett gelegt und umgedreht habe.

Soll er sich sein Frühstück selbst machen, wenn er so schlau ist. Habe schließlich noch einen ganzen Tag zu verplempern.