Wahltag 2025
Der Wahltag war sehr gut besucht. Nette Leute. Klassische Verteilung: Erst die Schichtarbeiter, die schnell auf dem Weg zur Arbeit ihre Stimme loswerden wollen. Dann die Funktionsjackenträger der Hunderunde, gefolgt von den Brötchenholern. Kurz verschnaufen. Die ersten Sonderlinge, die keine Kreuze machen, sondern lachende Sonnen malen. Uralte Menschen im Doppelpack ("Das ist meine letzte Wahl!") und einzeln ("Wollt nur Bescheid sagen: Meine Frau kann heute nicht. Die hat es mit der Luft!"). Der ältere Herr, der heute zum ersten Mal allein wählen kommt. Die ältere Dame, die beim Verlassen der Kabine bereits vergessen hat, wen sie gewählt hat und wie sie eigentlich hierher gekommen ist.
Lederjackenschwitzende Motorradfahrer. Tourenvorfreudige E-Biker. Band-Shirts. Trainingsanzüge. Lackierte und verdreckte Fingernägel. Zu wenig Schlaf, zu viele Sorgen. Zu viel Schlaf und Leute, die sich um anderer Leute Sorgen kümmern. Kinder, die mit "Stein, Schere, Papier" auslosen, wer den Zettel in den Schlitz stecken darf. Die Frau, die gestern Abend im Fernsehen gesehen haben will, dass Kinder das eigentlich nicht dürfen. Ihr Mann, der ob ihrer Pedanterie die Augen verdreht. Guten Tag. Entschuldigung. Auf Wiedersehen. Bitte und Danke und gern geschehen.
Der Mann, der alles ganz genau weiß und herausgefunden hat, wie man das System manipulieren kann, weil wir seinen Ausweis nicht sehen wollten. Die Frau, die beinahe ihren Ausweis mit einwirft, es jedoch gar nicht reizvoll fände, nach 18 Uhr noch einmal wiederzukommen, weil wir vorher die Kiste nicht öffnen werden. Der Mann, der vor uns seinen Wahlzettel entfalten will, um von uns das O. K. für seine gesetzten Kreuze zu erhalten. Die Frau, die ihre Erststimme nur an den aussichtsreichsten Kandidaten vergeben will, jedoch nicht weiß, wer das letztlich ist, und von uns eine "Top 3" erbittet. Ein Kind mit Laufrad. Zwei mit Ball. Die Schreienden. Die Misstrauischen. Rolf. Margit. Chantal. Alex. Der Doktor. Die Blumenfrau. Der Arbeitslose. Die Nachbarn.
Am Ende fehlt eine Stimme. Alle wollen nach Hause, aber ich lasse sie nicht. Grüble mit dem Schriftführer über alle Möglichkeiten, die uns eine komplette Neuauszählung ersparen. Finden die größte Fehlerwahrscheinlichkeit. Müssen nur einen geschickt separierten Teil prüfen. Werden fündig. Nun stimmt alles. Nicht, dass es eine messbare Auswirkung gehabt hätte. Doch es spielt eine Rolle.
Tags darauf sprechen alle von möglichen Unmöglichkeiten, Optionen, echten und falschen Alternativen, Koalitionen, Flaggenfarben, Brandmauern, der gespaltenen Gesellschaft, der gesellschaftlichen Spaltung, als lägen wir vor Verdun im Graben, jederzeit bereit aufzuspringen, loszulaufen, denen im anderen Graben, genannt: der Feind, kalten Stahl in den Leib rammen wollend. Wollüstig raunen Zeitungen ein neues "Weimar" herbei. Die Uhren der Podcasts stehen auf eine Minute vor Untergang. Alle Talkshows wissen es bereits: "The end is near". Social Media beschließt den Konsens: Ab morgen ist Anarchie, ist Apokalypse, ist "The Purge". Aber vorher geben wir noch schnell ab zur Werbung.
Habt Selbstvertrauen.
Wir sind uns näher, als wir glauben.
Lassen wir uns nicht verrückt machen.
Das ist meine "Top 3".