Mikrobi

Klagefall & Texas-Jim & Hulot

Der Tag an dem ich beschloss, mich über nichts mehr zu ärgern

Heute war der Tag, an dem ich beschloss, mich über nichts mehr zu ärgern.

Es war kein besonderer Morgen, der diesem Entschluss vorausging. Ich erwachte, ohne den Grund dafür zu kennen, ging ins Bad und spülte mir die Nacht aus dem Mund. Plötzlich stürmte meine Tochter herein. 120 cm Chaos, die keine Gefangenen machen. Ihre kleinen Füße trommelten über die grauen Fliesen. Winzige Ärmchen schepperten den Zahnputzbecher hinter die Waschmaschine. Ab hier wusste die Menschheit: Keine Chance – Es gibt sie noch.

Meine Schultern zuckten. Soll sie doch wie eine Elefantenherde stampfen – sie ist ein Kind. Keine Minute später klingelte es an der Wohnungstür. Eine Wolke aus Rasierschaumduft und Altherrendeo zerquetschte unseren Klingelknopf. Der Untermieter war 80 Jahre alt, ein ganz kleines Karo und verdammt stolz drauf. Es war nicht seine erste Ansprache in „dieser Sache“. Aber im Unterschied zu seinem sonstigen Gezeter ärgerte ich mich heute nicht darüber. Ist doch auch nur ein alter Mann, dachte ich. Wahrscheinlich kneift ihm die Prostata wieder einmal den Hahn ab, während in seinem Kleingarten die Wasserrohre platzen. Ich schmiss ihm die Tür ins Wort und ließ ihn unbeachtet im Treppenhaus abkühlen.

Auf dem Weg zur Arbeit wirkte das Wörtchen „egal“ wie Rückenwind auf einer Bergabfahrt. Vor mir radelten Studentinnen durch den Berufsverkehr, als ob er ihnen allein gehörte. Nebeneinander, plappernd, ihre Widerstandskraft gegen Omnibusse gnadenlos überschätzend – sollen sie doch! Darwin verkündet: Frische Organe für alle!

Hinter mir droschen Autofahrer ihren morgendlichen Stress an die Orte ihrer fatalen Lebensentscheidung. Kann ich es ihnen verübeln, dass sie im Straßenverkehr nach dem Adrenalin suchen, den ihnen ihr Büro vorenthält? Nein! Hätten sie wirklich Jobs, die sie von der Dachkante fernhielten, wäre ich ihr Kollege, denn nichts anderes war heute Morgen und alle Zeit mein Ziel. Zugegeben: unrealistisch.

Nichts davon ging mich etwas an. Weder das typische Geschrei im Büro, noch die himmelschreiende Inkompetenz meiner Kollegen. Selbst die Niedertracht der Kantinenköche ließ mich so kalt wie ihr ausgekotztes Veganerbeige. Meine Umwelt entsagte kollektiv aller Vernunft, sodass man es fast schon riechen konnte. Brachte mich nicht aus der Mitte. Ihre Gründe. Nicht meine. Was ging es mich an?

Auf dem Nachhauseweg wurde ich von einem Lastkraftwagen überfahren. Tonnenschwere Achsen überrollten meinen Körper, zermalmten alles innerhalb einer Sekunde und verteilten mich geradlinig über dreißig Meter Asphalt. Farblich passte der Anblick meines Blutes zum eintönigen Grau der Straßen, ohne sich allzu sehr aufzudrängen. Ich war auf der Stelle tot. Andererseits hätte mich ein langes, qualvolles Sterben unter den Augen herbei geeilter Gaffer auch nicht sonderlich erregt. Nicht heute.

Mit den letzten Millivolt meiner Synapsen lief mein irdisches Leben wie ein Film vor mir ab. Ich sah zu, wie viele geschenkte Tage achtlos in den Schredder der Zeit gesteckt wurden, als hätte ich unendlich viele davon. Der Abgang war immerhin ein Schlussakkord. Er hinterließ Spuren. Wenigstens bis zum nächsten Einsatz der Stadtreinigung.

Einzig der Protagonist war ein Narr. Hatte sich dauernd über Nichtiges empört. Mangels eigenen Lebens jede noch so globale Schein-Verantwortlichkeit (Klimawandel, Atomkraft, Terrorismus, Kulturkämpfe) angenommen. Sie zur Richtschnur seines Handelns gemacht. Jedoch drehte sich der Plot zum Ende hin noch etwas. Aus dem ahnungslosen Dussel wurde ein Trottel, der wusste, dass er gegen sich selbst machtlos war.

Zu viel von ihrem Guten gewollt. Zu wenig das Echte erlebt. Sich darüber ärgern? Nicht heute.