Und wie ich gestern nacht dann doch den Weg ins Bett fand, nachdem ich mich mit kaskadierten Reglern bis zur wirklichen Müdigkeit hin beschäftigt hatte, las ich noch einige Seiten in Hararis "Geschichte der Menschheit". In einem Kapitel dieses grandiosen Buches beschreibt er den Beginn der Landwirtschaft und der Seßhaftigkeit des Menschen.
Und was mir dabei auffiel, ist der Aspekt der Verfügbarkeit. Lebensmittel waren und sind natürlich nicht kostenlos, aber wir sind an ihre Verfügbarkeit gewöhnt. Erst die Lagerung von Lebensmitteln enthob den Menschen der Aufgabe, sich täglich um die Verfügbarkeit zu sorgen. Und erst Anbau und Transport von Lebensmitteln, die sogenannte Produktion also, ermöglichten eine Planbarkeit, die wir heute als völlige Sorglosigkeit des Einkaufs kennen - es ist ja alles da, es gibt keinerlei saisonale oder regionale Einschränkung mehr. Dabei bleibt durchaus fraglich, wo Notwendigkeiten und Luxus sich begegnen. Zumindest Harari beschreibt die ersten Bauern als durchaus sehr zahlreich, weil Nahrungsmittel verfügbar waren, aber auch als erste Menschen völlig abgearbeitet, durch fehlende Vielfalt mangelernährt und durch die Seßhaftigkeit zu Gewalt gezwungen, der sie ansonsten durch Weiterziehen hätten ausweichen können.
Erst in der Folge dieser Entwicklung wurde das Leben im modernen Sinne sozial. Alte konnten von der Gesellschaft versorgt werden, was zuvor nicht die Regel war. Die Nahrungsmittelbeschaffung mußte nicht mehr jeden Tag zwangsweise erfolgreich durchgeführt werden, und vor allem nicht mehr von jedem. Die moderne Arbeitsteilung brach an. Und mit ihr die Möglichkeit des Lernens und Lehrens, von Wissenschaft und Forschung und Fortschritt über die Erfindung einfacher Werkzeuge hinaus. Es gibt zu Lernendes, und da sind wir wieder ganz am Beginn meines kleinen Textes, für dessen Beherrschung man sehr lange lernen muß. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie viele Menschen zur Erfindung der elektrischen Maschine beigetragen haben, die keinen Tag ihres Lebens mit der Suche nach Nahrung verbracht haben. Die eine warme Stube und ein helles Licht als selbstverständliche Voraussetzung für ihre Arbeiten brauchten, und deren Erarbeitetes für uns heute wiederum eine Selbstverständlichkeit ist.
Es ist für mich ohne Zweifel, daß Selbstverständlichkeiten im Angesicht einer übernutzten Welt überdacht werden müssen. Zwischen Notwendigkeiten und Luxus muß ein Wandel eintreten, und dieser Wandel wird nicht nur in die eine Richtung weisen können, daß alles jetzt Luxuriöse morgen schon selbstverständlich und übermorgen notwendig werden wird. Vermutlich wird die Weltraumreise nicht in unserer Lebenszeit zur Selbstverständlichkeit werden, und vielleicht wird schon die Weltreise diesen Status wieder verlieren müssen. Und es ist die Führung dieses Wandels, die zu erkennen gibt, wie unsere Gesellschaft sich entwickeln soll. So wird die korrekt Durchführung einer demokratischen Wahl zum Luxusgut, bei dem man Abstriche hinnehmen und Verzicht üben soll, ebenso wie die Versorgung mit elektrischer Energie, wenn stundenweise Stromausfälle ohne jede Regung als hinnehmbar beschrieben werden. Es müsse nicht immer alles zu kaufen und zu konsumieren geben, erklären sie und wenden sich wieder dem Blick ins Kriegsgebiet zu, vom Palastbalkon aus, die Champagnerflöte lässig in der Hand. Und natürlich sind ihre weiten Reisen nötig, um Kontakte zu knüpfen, voneinander zu lernen und miteinander arbeiten zu können, während meine Fahrt zur Arbeit schon eine Sünde ist, zu deren Abwehr man sich auf den Asphalt kleben muß. So ist Grundlast ein Begriff von gestern und bedeutet doch, daß ich am Morgen ein Licht einschalten und einen Kaffee trinken kann, bevor ich zur Arbeit gehe. Doch jenseits davon ist mein Befürchten, daß sie die Versorgungssicherheit in ihrer Bedeutung unterschätzen: Wer nicht weiß, wann er wieder Strom hat, um seine Wäsche zu waschen, wird sehr viel mehr Zeit damit verbringen. Wer nicht weiß, wann es wieder Lebensmittel zu kaufen gibt, wird sehr lang in Schlangen stehen oder seinen Garten bearbeiten und bewachen. Das Ende der Versorgungssicherheit ist das Ende der modernen, arbeitsteiligen und fortschrittlichen Gesellschaft. Insofern tatsächlich eine Zeitenwende, auch wenn das vielleicht sein einziges ehrliches Wort sein mag.