Mikrobi

Klagefall & Texas-Jim & Hulot

Oh mein Gott, Ronny!

Strahlende Dunkelheit. Ich starre in die Mitternacht. Quer über den Hinterhof springen Schreie zu mir herüber und landen auf dem Balkon. Die letzte Krähe des Tages (oder war es ein Rabe?) landet auf dem Komposthaufen gegenüber, den ein Nachbar aus alten Latten selbst zusammengenagelt hat.

– Was wird morgen sein? fragt mich der Vogel.

Keine Ahnung, antworte ich ihm, schulterzuckendleise, denn die Nachbarn schlafen schon, woher sollte ich es auch wissen?

– Aber Du musst es wissen, alles musst Du wissen, es ist deine Aufgabe, alles zu wissen, zu kontrollieren, Herrscher der Welt, Richter aller Menschen, Retter unserer Zeit. Deine Hand greift und steuert, was dein Verstand ersinnt und schafft. Also wat is nu?

Der Komposthaufen ist, nebenbei bemerkt, als solches Schrott. Man kann Pflanzenreste nur von oben auflegen, aber keine Erde von unten herausnehmen. Die Katzen des Hinterhofs nutzen ihn dank- aber nur scheinbar als Lokus. Eigentlich ist es ihr social network. Das weiß der Nachbar aber nicht, weshalb er wichtige Informationen überschreibt, wenn er heimlich seinen Pisspott über dem Haufen ausgießt. Seine einfache Rechnung: Hobbykeller. Alkoholiker. Wohnung im Dachgeschoss. Der Rest ist die Physik der Bequemlichkeit. Und oben drauf thront feixend nun ein nachtschwarzer Vogel, der mich in ein Gespräch verwickeln will. So Tage halt.

Bevor ich der Krähe (oder dem Raben?) ein weiteres Mal versichern kann, dass ich nichts über nichts weiß, gesellt sich ein Fuchs zu uns. Er stellt sich als Reginald Plantachinett der Dritte vor, schwingt sein dreifaches Räuspern wie ein Dirigent einen Taktstock, blickt, die Spannung ins Unendliche steigernd, zu mir, grüßend nickend auf den Kompost, wieder zu mir und fragt:

– Gute Frage. Aber: Was war gestern? Was gab es da?

Das ist leicht! Keinen Grund, über heute nachzudenken und schon gar nicht über morgen! will ich auflösen, als die Schreie in gurrende Lust und dem Quietschen eines eskalierenden Bettgestells abschmelzen. Reginald wendet kurz seinen Blick ab. Fast sieht es so aus, als verdrehe er die Augen über das schlechte Timing, mit dem sich die Menschen aneinander vergehen, während er eine bereits zum Tode verurteilte philosophische Diskussion auf ein neues Niveau heben will.

– Nun?

Füchse können einem ziemlich garstig bis in die Seele schauen, stelle ich fest. Vielleicht ist es auch nur dieser eine, aber er hat es wirklich drauf. Blöderweise habe ich nun aber vergessen, was mir vor einem Augenblick brillant erschien. Aus meinem Mund klingt es wie „Örmmäh", also im Wesentlichen ganz genau so wie der Versuch, einen schweren Schrank über morsches Parkett zu schieben.

– Ich glaube, er ist ein bisschen dumm, flüstert die Krähe (lege mich fest!), was denken Sie, Reggie?

– Ich kann sie übrigens hören! rufe ich den beiden zu.

– Halt die Fresse, ich muss um Dreie auf Schicht! ermahnt es von einer Ecke des Hofes.

Der Fuchs zieht verächtlich eine Braue nach oben und empfiehlt sich. Der Vogel lacht mich mitleidig aus, hebt ab, und wird ebenfalls ganz und gar Finsternis.

– Vielleicht geht es darum, dankbar zu sein? brummt der Kühlschrank, als ich wieder reinkomme.

Der Hof ist nun still, nachdem eine Frau ihren Gott, oh mein Gott, oh mein Gott, Ronny!, dazu gebracht hat, nicht aufzuhören, bis sie soweit war, von selbst aufhören zu wollen.

– Dankbar? Wofür?

– Nicht wissen zu können, was kommt? Ich will mir gar nicht ausmalen, was das bedeutet. Man würde ja nie etwas beginnen. Denn wenn man weiß, dass etwas gelingt, könnte man sogleich damit aufhören, denn es steht schon als getan fest.

– Die Leute würden sowieso nur nach den Lottozahlen schauen. Oder Bundesliga.

– Oh ja. Bundesliga. Nach was würden Sie denn schauen?

– Danach, wie dieser Text ausgeht.

– Hm. Das wäre in der Tat spannend zu wissen. Aber was weiß ich schon?

Für einen Kühlschrank ist er manchmal schon recht clever. Aber das sage ich ihm lieber erst einmal noch nicht. Wer weiß, was morgen dann mit ihm wäre.