Mikrobi

Klagefall & Texas-Jim & Hulot

Spuren

Lehramtsseminar. Die Dozentin stellt uns eine Frage, zur Einstimmung: "Denken Sie an Ihren Lieblingslehrer. Was schätzten Sie an ihm besonders?"

Ich denke an Herrn S., den Mann mit dem schönsten traurigsten Gesicht der Welt.

(Kaum älter als mein Vater, aber in jeder Beziehung gelassener. Werken, Deutsch, Geschichte.)

Einmal trat ich im Treppenhaus nach einem Jungen, der hinter mir lief. Traf ihn im Bauch. Er klappte zusammen wie ein Buch und flennte sich sein großes Maul rotzig.

(Verdient hatte er es.)

Frau K. betrat den Raum. Wasserstoffblond auftoupiert, cholerisch. Fragte, ob es hier einen Schüler meines Namens gäbe. Befahl mich ins Schulhaus. Brüllte mich an.

(Noch nie hatte bis dahin jemand meinen Namen so offiziell ausgesprochen.)

"Methoden wie bei der SS! Vielleicht sogar innere Blutungen!"

(Sie war Klassenleiterin des Jungen. Mathe, Physik.)

Daraufhin musste Herr S. sich vor dem Kollegium verantworten.

(Vernachlässigung des sozialistischen Erziehungsauftrages.)

Hinterher hatte er mir auftragsgemäß eine Abreibung verpassen.

(Das konnte er nicht.)

Seine Enttäuschung über mich brach mir das Herz.

(Es kam zwischen uns nie wieder zur Sprache und blieb dort für immer.)

Ich denke an Herrn M., dessen Gesicht nur aus einem dichten Vollbart zu bestehen schien.

(Kaum älter als mein Vater, aber in jeder Beziehung stärker. Biologie, Chemie.)

Wenn er lachte, bildeten sich Millionen kleiner Fältchen um seine Augen.

(Zähne, die wie Diamanten durch kohlrabenschwarzes Gestrüpp funkeln.)

Ein Augenaufschlag genügte, wo andere langwierig nach Worten ringen mussten.

(Sei es Lob oder Tadel.)

Während der Klassenfahrt in die Gegend seiner Kindheit erzählte er von sich.

(Auf einem Rastplatz für Wanderer unweit der innerdeutschen Grenze, 28°C, klare Sicht.)

Jede Menge Geschichten. Viele ohne Edelsteinblitzen.

(Aber auch frei von der Verbitterung desjenigen, der sich seinem Schicksal ergeben würde.)

Seine Blicke galten einer unerreichbaren, unendlichen Ferne, einem unerreichbaren, anderen Leben.

(Jener Vision von Freiheit, nur ein paar Kilometer weiter, für alle gut sichtbar abgeriegelt.)

In diesem Moment erwachte in mir das Gefühl, ihm zur Seite stehen zu wollen, zu müssen, weil das eine Seite war, an der man ewig bleiben konnte.

(Wenigstens so lange, bis ich selbst ernsthaft eine Seite anzubieten hätte.)

Meine Unfähigkeit dazu zeigte mir meine Grenze auf.

(Die eines Kindes.)

Eines Tages kam Herr S. nicht mehr zur Schule.

(Sein Bruder war bei einem Eisenbahnunglück ums Leben gekommen, aber das erfuhren wir erst, als auch sein Herz so traurig wie sein Blick geworden war.)

Sein Name stand noch viele Jahre am Klingelschild einer verwaisten Wohnung in einem grauen Land.

(Tot, verstehst du? TOT! Er ist daran regelrecht eingegangen, gestorben, weil er danach nichts mehr hatte, außer uns, verstehst du, zerrissen vom Ungleichgewicht eines beschissenen Daseins, das ein Mensch sein soll, der ja auch wie ein Mensch fühlen möchte, der wie ein Mann führen soll, der wie ein Mitglied funktionieren muss, aber nicht sein einziges Leben genießen kann, weil ihm diese Freude keiner gönnen will, lässt sie sich ja nicht kontrollieren, überwachen, taxieren, verstehst du?!)

Eines Tages kam Herr M. nicht mehr zur Schule.

(Fragen über ihn wurden verboten.)

Da wussten wir, was los war.

(Er hatte es ihnen allen gezeigt, er hat sich nicht verbiegen lassen, ihre Spielchen nicht mitgespielt, ist seinen eigenen Weg gegangen, hat sein Glück durch seine Stärke gefunden, immer nur nach seinen Regeln gespielt, weil diese Regeln gut waren, gerecht, sinnvoll, nützlich, für alle und für immer! Ja. Das ist es. Das ist, was ich glaube, glauben will, glauben muss. Und was mir keiner nehmen darf. Auch du nicht, verstehst du?)

All die Jahre frage ich mich, ob sie auch an uns gedacht haben, später, als sie fort waren. Und wie sie sich in diesen Augenblicken fühlten.

(Und ob ich jemals so werde sein können.)

Vielleicht ist die Antwort darauf so einfach, dass ich sie nicht auszusprechen wage.