Namenlos (DDR), 21:26 Uhr
Schlüsseldrehung. Der überhitzte Moskwitsch verstummte. Hier, an der Abbruchkante des Tagebaus, wo nichts mehr war, keine Namen mehr galten, ein stählernes Ungetüm unaussprechliche Erdgeschichte aus dem Dreck jagte, saß eine Familie. Zigarettenqualm. Tickende Kühlrippen. Grausames Schweigen.
Vater stieg aus, ein kleiner Junge folgte ihm. Stumm schauten sie in den wuchernden Krater. Ein Dorf schlief einst dort. Nun, für immer fremd, fraßen es nimmersatte Schaufelradbagger auf. Schwarzbraune Brocken, weggebracht, ins Feuer geworfen, um Licht und Wärme zu werden, Schulen, Kasernen und Kombinate zu beleuchten, Gänse zu braten. Ein gegenwartsloses Land, ungeliebt zerrieben, im Akkord zerhackt. Gemütlicher Bestandteil aller namenlosen Existenzen fern der Kante.
Mutter brüllte Vater aus dem Auto an, gab ihm Namen, die heute nichts mehr gelten, aber noch brennen. Einstieg. Der fiebrige Moskwitsch sprang keuchend an. Kurzes Zögern. Doch den Rückwärtsgang. Vielleicht eine Träne über die verpasste Chance.