Ein bisschen Milch für den Streuner
Aufblende: Nachmittag. Eine Bar. Der Besitzer hat den zwei letzten Stammgästen aufgeschlossen. Sonst schaut hier so gut wie niemand mehr rein. Beide sitzen am Tresen. Irgendwie ist wieder einmal die Kacke am dampfen.
– ...eigentlich wollte ich heute Home Office machen. Aber die Katze lag schon so gemütlich auf dem Schreibtisch. Habe es nicht über's Herz gebracht, sie zu vertreiben.
– Verstehe. Aber die ganze Sache ist hier ein bisschen aus dem Ruder gelaufen.
– Der Prophet Mohammed hat sich sogar den Ärmel von der Kutte geschnitten, weil da drin ein kleines Kätzchen seinen Mittagsschlaf gehalten hat. Er wollte es nicht wecken. So ein Ding ist das nämlich.
– Ist klar Jay. Wenn's um Katzen geht, rennst du bei mir offene Türen ein. Trotzdem: Wir müssen das irgendwie reparieren. So kann es nicht bleiben.
– Ich schwöre, als ich es durchgerechnet habe, sah das alles gut aus. Keine Ahnung, wie das so kippen konnte!
– Die Variablen waren am Anfang ja noch ganz anders belegt. Du hast mit zwei Einheiten begonnen. Jetzt sind wir bei acht Milliarden, Tendenz steigend. Ist ein ganz schönes Stück Strecke. Dumm nur, dass das nicht skaliert.
– Zu viele Herzen für zu wenig Liebe.
– Plus Katzen. Die musst du auch noch dazu zählen.
– Wie wäre es mit einem Reset? Alles nochmal neu machen? Bisschen mehr auf Balance achten?
– Ich dachte dieses Ding mit Regen für 40 Tage und Nächte willst du nicht mehr durchziehen? Außerdem würden dir die Katzen was husten.
Die Tür geht auf und herein kommt der Dichter von nebenan. Er setzt sich in die Ecke. Will seine Ruhe, am besten eine ganze Flasche davon.
– Manchmal muss man einfach handeln.
– Einfach ist keine Qualität an sich, Jay. Hey, Kischka! Du kennst dich doch damit aus: Wie bekommen wir die Liebe der Welt gleichmäßiger verteilt?
– Der Dichter lacht bitter. Da fragt ihr den Richtigen. Was weiß ich. Hab damit nix am Hut.
– Aber die Leute halten dich für 'nen prima Kerl. Einer, der immer ein offenes Ohr hat. Den man ansprechen kann. Der immer eine Lösung weiß.
– Die Leute haben keine Ahnung. Ich helfe denen nicht, schon gar nicht aus Liebe. Wüsste auch nicht, was das eigentlich ist. Gebe ihnen nur etwas, damit sie verschwinden. Wenn sie es dann nicht noch schlimmer machen, war's ein guter Tag. Liebe. Phh. Hab ja kaum für mich genug von dem Zeug.
– Aber ich habe es durchgerechnet! Es hätte passen müssen!
– Du warst das? Du hast das verbockt? Na vielen Dank auch.
Kischka steht auf, tritt Jay den Barhocker unterm Hintern weg, schleift ihn hinter die Bar und teilt ordentlich aus. Als er zurück kommt, schnauft er schwer und ordnet seine Klamotten. In der Zwischenzeit ist ein Streuner in die Bar gehuscht und stolziert über den Tresen.
– Hast du was von ihm übrig gelassen?
– Klaro. Bin ja kein Sadist. Musste aber Mal sein. Am Anfang war vielleicht das Wort. Aber jetzt hat er hoffentlich gut zugehört. Sonst müssen sich meine Fäuste nochmal wiederholen.
– Jay ist kein schlechter Kerl.
– Aber ein Trottel. Wer zum Henker baut eine Welt, in der es Krebsstationen für Kinder braucht.
– Das habe ich auch nie verstanden.
– Katzen und Liebe hin oder her – das ist keine Welt, sondern Sabotage. Ein schlechter Streich. Die Tüte voller Hundekacke brennt und wir Idioten trampeln drauf rum.
Der Barkeeper fragt, ob es noch was sein darf. Kischka bestellt drei Bier und ein Schälchen Milch für den Streuner. Jay kommt zurück mit einem Gesicht wie verwischte Kreide, setzt sich dazu. Kischka schiebt ihm eine Flasche rüber. Abblende.