Die Wohnung ist nun so weit zerlegt, daß ich zwar noch am Schreibtisch arbeiten kann, hinter mir aber kein Bücherregal mehr steht. Und ich kann nicht mehr aufstehen und ein, zwei, drei, vier Klimmzüge an der Tür machen, denn auch das Fingerbord dafür ist schon abgebaut. Alles in Kisten, und vieles schon in einem Lagerraum. In eine Wohnung, in ein Haus zu ziehen, wo ich dann doch irgendwie nur zu Gast bin, wo alle Räume noch wirkliche Baustellen sind, ohne Böden, ohne Wände, und mit der Gewissheit, daß ich in diesem Jahr noch einen weiteren Wohnsitz aufbauen werde, all das fühlt sich an, als würde ich auf einem sehr weichen Boden laufen. Getragen, durchaus, und doch sehr unsicher. Dieses Laufen ist wie das Klettern, das mir mehr und mehr fehlt: Die Stärke und die Stabilität kommen nicht aus dem Untergrund, sondern aus der eigenen Kraft. Aus dem geschickten Einsatz dieser Kräfte, dem richtigen Tasten, Greifen und Treten, aus dem Verlagern des Körpers auf die selbst geschaffenen stabilen Punkte. Zu Beginn lernt man, stets drei Punkte stabil zu halten und mit einem voranzuschreiten. Später lernt man dynamische Züge, bei denen man für kurze Zeit die Stabilität eintauscht gegen den schnellen Fortschritt der Dynamik. If you're in trouble, dyno double, sagen die starken Boulderer gern. Ein starker Boulderer war ich nie. Und doch gilt es nun, den Blick auf den nächsten Griff zu richten, der mich vielleicht halten kann. An dem ich mich vielleicht halten kann. Durchatmen. Kraft und Schwung aus dem Innersten holen. Und dann abspringen, nach oben, nach vorn.