Die Freiheit des Gehen Könnens
„Und wer sind Sie eigentlich?!?“
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Anruf des Komparsenkoordinators: Um DAS Stück gehe es. Das, was da auch immer anderswo gespielt wird, in feiner Regelmäßigkeit, das man aber auch echt überall kenne, sogar im Ausland.
Lediglich der Regisseur sei speziell: „…aber sachma, wie groß warst Du nochmal? Zwozwo? Mann, das wäre klasse, nee: Das ist klasse! Also, hörmazu: Der Regisseur, weißt Du, also der ist… nicht ganz einfach.“
Aha. Was ist denn mit ihm?
„Er hat ein… sachenwirma: Alkoholproblem. Zwozwo. Mannmannmann. Besser gesagt: Ein Säufer. Aber von Format! Mann, du, das wär' echt klasse wenn das klappt.“
Okay. Und sonst so?
„Na ich denke, das klappt schon. Bringste halt noch ein bisschen Phantasie mit und dann gucken wir mal und dann klappt das schon. ZwoZWO. Toll.“
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„Ein Statist, wahrscheinlich, sofern sie mich hier gebrauchen können…“
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Die Regieassistenz hatte mir am Morgen eine Kurznachricht geschickt: Kennenlernprobe, heute, 19 Uhr. Wäre schön, wenn Du dabei bist. LG!
Nun warte ich bereits eine dreiviertel Stunde in einem muffigen Aufenthaltsraum. Auf dem Tisch stirbt das letzte Achtel einer Torte. Nebenan singen Menschen erst „Let it be“ und danach „Hey Jude“. Schließlich beides zusammen. Komparsen singen nicht, will die Gewerkschaft so. Gott sei Dank bleibt mir das also erspart.
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„Ein Statist?!?“
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Die Probenbühne versteckt sich am Rande der Stadt. Zum Abendessen hatte sie zehn Schauspieler, alle bis auf die Knochen demotiviert, gegrillt über dem Feuer ihres Spielleiters. Der Techniker versucht sich erfolglos an der Erfüllung entgegen geblaffter Lichtwünsche. Die Regieassistenz entschuldigt sich. Für ihn. „Wahrscheinlich hat er dich gesehen und trägt deshalb etwas dicker auf“, flüstert sie. Alles nur Verunsicherung. „Verstehst du doch, oder, nicht wahr, oder?“
Nein, verstehe ich nicht. Ich bin Lehrer. Wenn meine Fünftklässler in stressige Situationen kommen und daraufhin Unsinn erzählen. Wenn jemand unter sich macht, weil er sich erschreckt. Das verstehe ich. Das hier ist einfach nur Menschenhass, getarnt als Coolness.
„Ach Lehrer? Voll! Kennste das Stück mit der Schulklasse, das eine, das man auch im Ausland kennt? Hat er übersetzt! War seine erste Arbeit. Hat er dann auch mit dem anderen inszeniert, hier, mit dem anderen, dem einen. Kennste den?“
Nö.
„Naja. Wollt ich dir nur sagen, weil ich dich dann als den Teacher vorstelle.“
Aha. Ich bin ein generalstabmäßig anberaumter Wortwitz, dessen letztes Bataillon entscheidend in die Schlacht um das Arbeitsklima geführt werden soll. Von einem Groupie. Für einen Schlucki. Hatte schon schlechtere Einstände. Aber nicht viele.
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„Und was heißt hier wahrscheinlich? Nur ma kiecken oder wat? Fuck!!! Wie wahrscheinlich?!?! Mach dich raus, und warte im Aufenthaltsraum… wahrscheinlich… ist mir ja noch nie untergekommen…“
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Gott soll auf der Bühne den Deckel einer Truhe anheben, aus der er dann heilig angestrahlt werden soll. Das Problem: Sie besteht nur aus einem umgedrehten Tisch, über dessen nach oben ragende Beine notdürftig ein Tuch gelegt wurde. Der Regisseur ist außer sich, den ganzen Abend schon. Als wäre die Truhe der Hauptdarsteller, an dem alles hängt. Verwünschungen in Richtung Requisite. Die antwortet mit einem unsichtbaren Mittelfinger.
Plötzlicher Einfall: Da könnten noch zwei weitere Truhen auf der Bühne stehen. Der Darsteller, dem seit Beginn der Probe die besondere Aufmerksamkeit seines Spielleiters gilt, hetzt ratlos aber beflissen hinter die Bühne – Hauptsache raus aus dem Schussfeld. Der Regisseur droht damit, die ganze Fucking Bühne mit lauter Fucking Truhen! zustellen zu lassen, sollten die Schauspieler auch weiterhin so schlaff rummachen. Habe Mitleid. Frage mich, wie Gott und ich es wie einen Unfall aussehen lassen könnten. Denke an die Torte im Aufenthaltsraum. Zweck. Mittel. Heilig.
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„Ich bin jetzt fuffzich! Sowas ist mir ja noch nie untergekommen! Wahrscheinlich! Wissen sie was: Du kannst abpfeifen, los, Fuck, raus! Wahrscheinlich…Verpiss dich!“
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Pause. Lord Stöpsel von der Schluckerweide gesteht den Schauspielern gnädige fünf Minuten Frischluft zu. Ich bestaune das Treiben nun seit achtzig Minuten und weiß nicht, ob mir hier eine exklusive Vorstellung gegeben wird oder das Los des Theaterschauspieler tatsächlich darin bestehen soll, sich von dramaturgisch brillanten, menschlich aber vollkommen dysfunktionalen Hochgeschwindigkeitsäthanologen im Rahmen kommunal subventionierter Menschenverachtung herum kommandieren zu lassen.
Sturzbetrunken, nein, hackedicht, nein, verheiratet mit der Mutter aller Vollräusche, nein, wie ein Alkoholkranker im bedauernswerten Endstadium seiner Sucht torkelt er derweil durch die Kulissen. Es bewahrheitet sich: Kinder, Betrunkene, Schutzengel. Die Regieassistenz will die Zeit nutzen, mir meinen Vertrag holen. Für den Fall, dass ich es mir überlege und tatsächlich mitmachen möchte. Ihre Verzweiflung steht meinem Maß an Entschlossenheit gegenüber, den ganzen Haufen hier anzünden zu wollen.
Keiner weiß wie, aber der Regisseur hat seinen Platz wiedergefunden. Sogar im Sitzen wankend glotzt er mich durch die Dunkelheit an. Die Assistenz kehrt mit einem Zettel zurück, gerade noch rechtzeitig, um sich ihren nächsten Anpfiff abzuholen. Er schlägt sich auf die Außenseite seines Oberschenkels. Hier, genau hier, habe sie sich aufzuhalten.
„Immer! Jetzt raus: Hol diese, diese … Schauspieler rein! Wer ist das denn da eigentlich, da, neben dir?!“
Sein schmieriges Stieren schimmert wie ein Ölfilm auf der Füllung seines weinschwangeren Schädels in unsere Richtung. Als sie zu antworten versucht, schlägt er mit der flachen Hand auf den Tisch. Eine Bierflasche kippt um, ergießt sich über die Platte und knallt dumpf auf den Boden. Keine Scherben. Kein Glück. Beim Ausweichen stößt er die Weinflasche neben seinem Stuhl um. Ich versuche meine Blicke nicht diesem Hohepriester der Verfalls zu opfern. Scheitere.
„Hol die jetzt rein! Verflucht nochmal“ – Schenkelschlagen – „Hier musst Du kleben, metaphorisch, verstehst Du? Sechs Wochen musst Du hier“ – Schenkel – „kleben, ist das denn zu viel verlangt?! Wer ist das denn da eigentlich, da, neben dir?!“
„Das wollte ich dir gerade sagen, da hast du auf den Tisch gehauen und mich die Schauspieler schicken geholt!“, bäumt sich die Assistenz ein letztes, resigniertes Mal auf.
„Ja, komm, geh die jetzt holen!!!“
Wir sind allein.
Das Stieren und ich.
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„Und wer sind Sie eigentlich?!?“