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Stories & Gedichte

Kleine Stories. Kurze Sätze. Maximale Wirkung. Darum geht es hier. Wir beginnen mit den alten Sachen.

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Der Champion

I

– Wie spät ist es jetzt?

– Dreie.

– Das reicht. Stell die Stühle hoch.

– Und der Typ?

– Mal sehen.

II

– He! Aufwachen! Wir schließen jetzt!

– … (undeutlich)

– Hackedicht! Was nun? Krankenwagen?

– Eh‘ die hier sind…

– Wir müssen den doch aber wecken, irgendwie.

– Probier mal ein Glas Wasser!

III

– Soll ich dir ein Taxi rufen?

– Meh… s'iss allet so… S'iss… Ach…

– Kannst aber hier nicht hocken bleiben. Ist doch hundekalt.

– Lassmischdochinruh…

– Ne, komm. Das wird noch kälter, ist ja Herbst.

IV

– Wer ist das denn?

– Erklär ich dir später.

– Sag mal hast du eine Meise? Du kannst doch nicht… Wird das jetzt zur neuen Mode?

– Sei doch mal leise, Mensch!

– Wieso? Der wacht doch spätestens nächste Woche erst wieder auf!

– Aber die Kleine schläft doch…

– Ach Quatsch, die Kleine! Du schleppst hier einen Penner an! Stockbesoffen! Hast du da auch an die Kleine gedacht!

– Sei! Still!

V

– Und? Wie isses?

– Hast du wat jegen Koppschmerzen da? Mir haut'et gleich den Schädel kaputt.

– Hier. Wie lange hast du gestern schon in der Kneipe gesessen?

– Welche Kneipe? … Ach die! Keene Ahnung. Wann macht ihr denne zu?

– Eigentlich um zwei. Gestern um drei. Hab dich mitgenommen.

– Ach… Naja. Danke un' so.

– Hab dich erkannt.

– …

– Schon gut. Schlaf weiter.

VI

– …und dann war'et ooch mit die Fernsehjobs vorbei. Dit Jeld hat noch 'ne Weile jereicht. Aber nu: Ende.

– Wie kommst du über die Runden?

– Vom Amt jibt'et ja 'n bisschen wat. Und dann natürlich die Showkämpfe.

– Kommen die irgendwo im Fernsehen?

– Im Fernsehen? Nee. Dit sin' reene Privatverjnügen.

– Wer bucht denn so etwas?

– Leute, die sich wat Besonderes leisten wollen, verstehste? Und können.

VII

– Der ist doch immer noch hier!

– Nun lass mich doch mal erklären! Hast du ihn denn nicht erkannt?

– Muss ich das?! Weiß genau, was das für Typen sind. Abgefucktes Gesindel!

– Gesindel? Sag mal spinnst du jetzt? Das ist der Gentleman! Früher hat der mal Hallen gefüllt, da sind die Leute zu Zehntausenden hin!

– Früher, früher! Wenn ich das schon höre! Was hat er denn heute davon, he? Sitzt hier, in meiner Küche…

– …unserer Küche…

– …meiner Küche und frisst mir die Schränke leer! Und nur, weil er früher mal ein oioioi großer Boxer war!

– Ne, nicht deswegen. Sondern weil's ihm Scheiße geht.

VIII

– (Nebenan: Kannst mich mal am Arsch lecken!)

– Jib's Ärger? Ick verschwind sowieso gleich wieder.

– Ne, komm, lass mal. Türe zu – Geschrei draußen. Iss erstmal was. Können ja noch ein bisschen quatschen.

– Bin eijentlich nich so der Redner.

– Sah im Fernsehen aber anders aus.

– Gabs ooch Jeld für.

– Verstehe.

IX

– …und dann krieg ick die Nachricht, wann ick wo sein soll. Früher ham die mich noch abjeholt, aber dit is nu ooch vorbei, jetzte fahr ick da mit der Bahn hin.

– Und dann wird geboxt?

– Naja, eher jeprüglt. Mit Boxen hat dit nimmer viel zu tun. Muss ick ooch höllisch offpassen, sonst schlächt mich einer von denen tot.

– Aber die haust du doch alle um, oder?

– Theoretisch schon, ja. Aber dit ist schlecht fürs Jeschäft. Ab und zu muss man ooch ma selbst umfallen.

– Ab und zu?

– Jedes zweite oder dritte Mal.

– Also fast immer.

– Hm. Ja.

– Und der Andere kann sich dann damit brüsten, dass er den Gentleman auf die Bretter gelegt hat.

– So isset.

– Das ist Scheiße.

– Bringt aber Scheine.

X

– Und dein letzter Kampf?

– Welcher?

– Naja, der letzte große, Ende der Karriere und so?

– Dit lief irjendwie anders als jeplant, wat?

– Weiß nicht. Sag du es mir.

– Die janzen Typen am Ring wollten ja unbedingt 'n Sieg, weißt du, diese Schisser, die immer andere brauchen, für allet: Autofahr'n, Sex, aufs Maul bekomm', allet so. Ungeschlagener Champion – und dann alle mit mir 'n Foto machen. Und Werbung. Diese janze Legendenscheiße.

– Klingt doch gut: Weltmeister im Halbschwergewicht, 31 Kämpfe, 31 Siege.

– So jesehen? Ja. Aber weisste wat: Ick hatt' die Schnauze voll. Ick hab damals seit 25 Jahr'n jeboxt, hab mir vor keenem versteckt und zum Dank ham se mir allet umjehangen, wat sie so rumliegen hatten. Und als ick da so im Ring stand und mir »Mensch, dit isses nu« dachte, war mir klar, dit wat fehlte.

– Was denn? Hattest doch alles, auch früher schon.

– Mich. Mich hatt' ick nich. Wenn du mal da bist, wo ick dann war, haste für jeden Kram son Typen. Hat mich anjekotzt. Ständig kam wer und hat Entscheidungen jefällt. Für mich. Über mich hinweg.

– Nur diese nicht.

– Je-nau. Ick wollte mal sehen, wat passiert. Am besten vonne janz oben.

– Und du hast den Kampf verloren.

– …

– Absichtlich?

– Weeste, mit Freunden, ick mein: echten Freunden isset wie mit 'nem Strauß Blumen. Wenn de wissen willst, ob dit echte sind oder um rauszufinden, ob dit so viele sind, wie der Verkäufer jesacht hat, musste von unten gucken, von den Stielen her. Wenn de nur off de Blüten glotzt, wirste blöde. Dit sieht zwar chic aus, is aber verwirrend. Aber bei den Stängeln machste nix verkehrt.

XI

– Die Zehnte, definitiv. Dit is immer die schwerste Runde. Hat man immer dit Jefühl, dass die ewig dauert. Die elfte und zwölfte sind dann fix rum, muss man nur aufpassen, dass man keen Schwinger kassiert.

– Den Lucky Punch.

– Ja, so nennen die dit, im Fernsehen.

XII

– Kommste mal wieder vorbei?

– Keene Ahnung. Hab jetzt erstmal wat in Bayern unten, son Reicher-Sohn-Jeburtstag. Mal gucken wat da so jeboten wird.

– Pass mal auf dich auf. Es gibt wahrscheinlich immer einen, der eine Kelle mehr drauf hat, oder?

– Die Frage is ja nich ob, sondern wo. Und eens noch: Ick hab nie absichtlich verloren. Musste mir gloobn.

– Liegt dir was daran, dass ich dir glaube?

– Allet. Ick hab nachjesehen. Von janz unten.

– Autor: Hulot ·

Ørland

FÄHRMANN So ein Wetter hatten wir lange nicht mehr. Das Schnellboot am Vormittag war fast leer. Insgesamt waren nur zehn Passagiere an Bord. Die anderen acht kannte ich, alles Stammgäste.

BIBLIOTHEKARIN Sie haben sich zwei Fahrräder ausgeliehen. Ich hatte ein bisschen Mitleid mit ihnen und habe nur eins berechnet.

VERKÄUFERIN BEI REMA 1000 Die beiden sind mir gleich aufgefallen. Sprachen kein richtiges Norwegisch und haben sich mit Essen eingedeckt, als ob sie eine Reise zum Nordkap machen wollten.

SPRECHER DES MILITÄRFLUGHAFENS Wenn Sie hier sagen, dass wir am Nachmittag vier Flugzeuge in der Luft hatten, kann ich das so nicht bestätigen.

FISCHER Die Hütte ist nie abgeschlossen. Es fehlte nichts, nur der Deckel der Truhe ist eingedrückt, als ob jemand darauf gesessen hätte.

METEOROLOGE An dem Tag herrschte eine seltene Inversionswetterlage mit heftigen Westwinden und Sprühregen. Sie müssen sich das so vorstellen, als wenn sie vollständig bekleidet durch eine Dusche laufen. In den unteren Luftschichten erkennen Sie da gar nichts mehr.

BIBLIOTHEKARIN Ich weiß nicht, ob sie überhaupt losgefahren sind. Die Fahrräder stehen noch hier. Die Reifen müssten mal aufgepumpt werden.

SPRECHER DES MILITÄRFLUGHAFENS Ich kann Ihnen nicht sagen, ob wir Bildaufzeichnungen gemacht haben.

FÄHRMANN Wir speichern grundsätzlich keine Passagierdaten.

– Autor: Klagefall ·

Die Geister der Kreuzung

Eines Tages gelangten Herr Lu Changtu (Langer Weg) und sein Sohn Lu Duanbu (Kurzer Schritt) an eine Kreuzung. An jedem der Pfade stand ein Geist. Der Windgeist tobte und brüllte, wirbelte eine Menge Staub auf und sprang von einer Seite seines Weges auf die andere. Niemand verstand, was ihn so empörte, aber er war so laut wie eine Herde wilder Eber und stand niemals still.

Hingegen schnurrte der Fuchsgeist lächelnd den Wanderern um die Beine. Mit einem Auge schaute er auf den Windgeist, damit er ihm nicht zu nahe käme. Das andere behielt die Wanderer im Blick. „Wohin des Wegs, edle Herren?“, schmeichelte er ihnen.

„Wir begeben uns zu Meister Cí Shī, um ihn als Lehrer für meinen Sohn zu gewinnen.“

„Soso, der weise Vater will zum gütigen Meister. Ich verstehe. Und verstehe nicht. Was will ein kluger Mann deiner Jahre bei einem dürren Bettler? Welche Klugheit soll er entbehren, die ihr nicht schon verschenktet?“

„Davon ist noch mehr in der Welt, als ein alter Mann wie ich graue Haare hat. Sie mehrt sich, wenn man sie teilt. Und nun lasst uns durch, werter Herr Fuchsgeist, euer Honig vermag uns nicht zu fangen.“ Lu Changtu stieß seinen Sohn an, dem das Gesäusel des Fuchses nicht schlecht gefiel und der sich bereits ein kleines Lager aufschlagen wollte, um nicht nur ihm, sondern auch dem Berggeist weiter zuhören zu können.

Dieser sprach ganz ruhig und ohne Urteil über die großen wie die kleinen Dinge der Welt und ließ alles um sich herum einfach geschehen. Der Regen rann an ihm bereits jahrtausendelang herunter und machte den Berggeist schwärzer glänzend als sternenlose Nächte, bis ihn der Staub des Windgeistes wieder grau kleidete. Der Fuchs wiederum versuchte ihn zu locken, überhaupt etwas zu wollen. Doch er widerstand allem, wie er es schon immer tat.

Als Lu Changtu den Weg des Berggeistes einschlagen wollte, weil er ihn für den besten erachtete, hielt sein Sohn ihn auf.

„Ehrenwerter Vater, weit sind wir gewandert, aber hier verlasse ich dich nun. Deine Schritte lenkten dich, bis hierher an diesen Punkt, bis hierher in diese Nacht, bis hierher in die größte meiner Dankbarkeit. Jedoch finden meine Blicke nun, was du nie suchtest. Siehst du das geknickte Gras hier, wie es auf die Kirschbäume da hinten strebt? Das wird ein Pfad ohne Geister. Mein Weg. Einer ist ihn schon gegangen. Ich will sehen, was er fand.“

Da weinte der Vater vor Freude, war sein Sohn doch nun selbst weit genug gekommen, um weiter zu gehen, als je einer seiner Familie zuvor. Er gab ihm seinen Stab und Segen und saß fortan als vierter Geist auf der neuen Kreuzung, um den kommenden Alten den Mut zu geben, dem Neuen zu vertrauen.

– Autor: Hulot ·

Der Heizer

Er denkt bereits beim Aufwachen an den Qualm. Seine Augen sind noch geschlossen, aber er kann sie sehen: Graue Wolken. Abgeregnetes Salz in den Augen jener, die noch Tränen besitzen. Das einzige, was er von seiner Arbeit vorweisen kann. Das und die Asche, in die er alles verwandeln muss. Sein ständiger Begleiter ist der Duft von Verkohlung. Das Feuer presste ihn in jede seiner Poren. Wie ein Kalb trägt er dieses Erkennungszeichen. Das Feuer prägte es ihm ein. Markierte ihn. Als seinen Diener.

Er sieht die Menschen um sich herum. Spürt ihre Angst in seinem Herzen, diese letzte, nicht brennbare Brücke, über die ihn niemand mehr an sich heran lässt. Furcht. Vor ihm. Falsch, naturgemäß. Je älter sie werden, desto giftiger sind die Blitze, die sie nach ihm schleudern. Blicke. Flüche. Doch nicht ihn fürchten die Menschen, sondern die Flammen, denen er dient. Deren Gesang sie nie hörten. Deren Umarmungen sie nie hielten. Sie wissen nicht, warum in ihnen Unbehagen züngelt. Sein Feuer ist nicht grausam. Nur gerecht. Sie sind nicht dumm. Sie werden es erkennen. Irgendwann. Hofft er. Wie alle Heizer.

Er zündet sich eine Zigarette an. Sie verschwindet beinahe zwischen seinen Pranken. Von außen betrachtet sieht es so aus, als stiege der Qualm direkt aus seiner Hand. Als brenne nicht der Tabak, sondern seine Haut. Überhaupt sieht der Heizer alles, worauf sein Blick fällt, zu Asche werden. In der kleinen, dunklen Kellerwohnung hat er alle Spiegel abgehängt, weil er den Anblick seiner schmelzenden Augen und blasenschlagenden Haut nicht mehr ertrug. Asche zu Asche. Qualm zu Qual.

Er geht zur Arbeit, jeden Tag, das Feuer kennt keine freie Zeit, duldet keine Nachlässigkeit, die zur Kälte wird. Am toten Arm des Kanals vorbei, über die heißen Asphaltwege, sieht er überall nur übereinander gestapelte, in Leben verkleidete Asche. Apfelbäume. Bauernhäuser. Rehe. Die Ernte. Spielende Kinder, die ihn mit Steinen bewerfen. Außer dieser eine Schmetterling, jene weiße Ziellosigkeit ohne Woher und Wohin und Warum.

Er öffnet den Ofen und legt ein neues Scheit nach. Sein Name war Jochen. Die Glut empfängt ihn wie einen alten Freund. Der Heizer hört dem Gesang der Flammen noch eine Weile zu. Sie rufen noch immer nicht seinen Namen, versprechen ihm aber, zu einem Nichts zu werden. Wie der verbrannte Schmetterling. Ihn würden sie nicht zu Asche machen. (Ganz bestimmt.) Nur zu einem Bild erlösen, das jeder mit Frieden betrachtet. (Weil er es ist.) Kein Heizer sein. Nur Trost. (Für seine Treue.) Wenigstens bis morgen.

Er weiß, dass sie lügen.

Er will nichts anderes.

– Autor: Hulot ·

Bobjack und Hammond

Irgendwann haben sie nicht mehr angerufen. Nichtmal Larry vom Mocambo .

Bobjack war draußen. Kaltgestellt. Einfach so. Die Varietétheater nannten sich nun Club und wollten bloß noch diese muffigen Gitarreros auftreten lassen. Alle sollten sie die nächsten Beatles oder Stones sein, ganz gleich was sie von sich gaben. Selbst zusammengestümperte Krawallakkorde. Lange Haare, Pose statt Haltung, laut, billig.

Bobjack hingegen hatte die Großen drauf, egal ob auf der Hammond-Orgel oder dem Theremin. Liberace, Elvis, Kaempfert, sogar ein selbst gestaltetes Bacharach-Beethoven-Medley. Wollte niemand mehr hören, angeblich. Stattdessen sollte nur noch das Universum transzendiert werden. Darunter lief nichts mehr. Dagegen kam einer wie Bobjack nicht an. Und transzendiert – ist das überhaupt ein richtiges Wort? Ruhig bleiben.

Als Bobjack seine Arme und Hände entspannte, seufzte die letzte Luft aus Rodneys Brustkorb. Ganz leise und mitten hinein in dieses seltsame Universum. Vorsichtig legte er den schlaffen Körper des Sängers zwischen die unzähligen Instrumentenkoffer, Flaschenkisten und Kulissenteile. Dann ging er nach Hause, machte sich einen Tee, bügelte seinen Auftrittsanzug und stellte das Telefon neben die Hammond. Er wollte unbedingt vermeiden, dass er den Anruf des Managers verpasst, während er Rodneys Haare und Schweiß vom Kabel seiner Orgel putzte. Man muss schließlich vorbereitet sein. Gerüchtehalber würde dem Mocambo bei der Hauptattraktion der Sänger ausfallen.

Wahrscheinlich Halsschmerzen. Wer weiß schon, was in so einem Universum alles passiert. Geht ja schnell bei den jungen Leuten von heute.

Schon eine komische Sache dieses Universum. Und nein, das kann unmöglich ein echtes Wort sein: Transzendiert.

„Klar Larry, für dich habe ich immer Zeit. Kein Problem. Auf mich kann man sich verlassen. Acht Uhr ist in Ordnung. Bis dann!“

– Autor: Hulot ·

Spuren

Lehramtsseminar. Die Dozentin stellt uns eine Frage, zur Einstimmung: „Denken Sie an Ihren Lieblingslehrer. Was schätzten Sie an ihm besonders?“

Ich denke an Herrn S., den Mann mit dem schönsten traurigsten Gesicht der Welt.

(Kaum älter als mein Vater, aber in jeder Beziehung gelassener. Werken, Deutsch, Geschichte.)

Einmal trat ich im Treppenhaus nach einem Jungen, der hinter mir lief. Traf ihn im Bauch. Er klappte zusammen wie ein Buch und flennte sich sein großes Maul rotzig.

(Verdient hatte er es.)

Frau K. betrat den Raum. Wasserstoffblond auftoupiert, cholerisch. Fragte, ob es hier einen Schüler meines Namens gäbe. Befahl mich ins Schulhaus. Brüllte mich an.

(Noch nie hatte bis dahin jemand meinen Namen so offiziell ausgesprochen.)

„Methoden wie bei der SS! Vielleicht sogar innere Blutungen!“

(Sie war Klassenleiterin des Jungen. Mathe, Physik.)

Daraufhin musste Herr S. sich vor dem Kollegium verantworten.

(Vernachlässigung des sozialistischen Erziehungsauftrages.)

Hinterher hatte er mir auftragsgemäß eine Abreibung verpassen.

(Das konnte er nicht.)

Seine Enttäuschung über mich brach mir das Herz.

(Es kam zwischen uns nie wieder zur Sprache und blieb dort für immer.)

Ich denke an Herrn M., dessen Gesicht nur aus einem dichten Vollbart zu bestehen schien.

(Kaum älter als mein Vater, aber in jeder Beziehung stärker. Biologie, Chemie.)

Wenn er lachte, bildeten sich Millionen kleiner Fältchen um seine Augen.

(Zähne, die wie Diamanten durch kohlrabenschwarzes Gestrüpp funkeln.)

Ein Augenaufschlag genügte, wo andere langwierig nach Worten ringen mussten.

(Sei es Lob oder Tadel.)

Während der Klassenfahrt in die Gegend seiner Kindheit erzählte er von sich.

(Auf einem Rastplatz für Wanderer unweit der innerdeutschen Grenze, 28°C, klare Sicht.)

Jede Menge Geschichten. Viele ohne Edelsteinblitzen.

(Aber auch frei von der Verbitterung desjenigen, der sich seinem Schicksal ergeben würde.)

Seine Blicke galten einer unerreichbaren, unendlichen Ferne, einem unerreichbaren, anderen Leben.

(Jener Vision von Freiheit, nur ein paar Kilometer weiter, für alle gut sichtbar abgeriegelt.)

In diesem Moment erwachte in mir das Gefühl, ihm zur Seite stehen zu wollen, zu müssen, weil das eine Seite war, an der man ewig bleiben konnte.

(Wenigstens so lange, bis ich selbst ernsthaft eine Seite anzubieten hätte.)

Meine Unfähigkeit dazu zeigte mir meine Grenze auf.

(Die eines Kindes.)

Eines Tages kam Herr S. nicht mehr zur Schule.

(Sein Bruder war bei einem Eisenbahnunglück ums Leben gekommen, aber das erfuhren wir erst, als auch sein Herz so traurig wie sein Blick geworden war.)

Sein Name stand noch viele Jahre am Klingelschild einer verwaisten Wohnung in einem grauen Land.

(Tot, verstehst du? TOT! Er ist daran regelrecht eingegangen, gestorben, weil er danach nichts mehr hatte, außer uns, verstehst du, zerrissen vom Ungleichgewicht eines beschissenen Daseins, das ein Mensch sein soll, der ja auch wie ein Mensch fühlen möchte, der wie ein Mann führen soll, der wie ein Mitglied funktionieren muss, aber nicht sein einziges Leben genießen kann, weil ihm diese Freude keiner gönnen will, lässt sie sich ja nicht kontrollieren, überwachen, taxieren, verstehst du?!)

Eines Tages kam Herr M. nicht mehr zur Schule.

(Fragen über ihn wurden verboten.)

Da wussten wir, was los war.

(Er hatte es ihnen allen gezeigt, er hat sich nicht verbiegen lassen, ihre Spielchen nicht mitgespielt, ist seinen eigenen Weg gegangen, hat sein Glück durch seine Stärke gefunden, immer nur nach seinen Regeln gespielt, weil diese Regeln gut waren, gerecht, sinnvoll, nützlich, für alle und für immer! Ja. Das ist es. Das ist, was ich glaube, glauben will, glauben muss. Und was mir keiner nehmen darf. Auch du nicht, verstehst du?)

All die Jahre frage ich mich, ob sie auch an uns gedacht haben, später, als sie fort waren. Und wie sie sich in diesen Augenblicken fühlten.

(Und ob ich jemals so werde sein können.)

Vielleicht ist die Antwort darauf so einfach, dass ich sie nicht auszusprechen wage.

– Autor: Hulot ·

Runde 51

Sein Name ist Karl.

Er trägt die stinkenden Kleider eines alten Schornsteinfegers. Sein Gesicht besteht aus Falten, die lustig grinsen können, um dich reinzulegen. In Wahrheit ist er furchtbar hässlich weil sein Geist verrottet ist. Aber das siehst du nicht. Nur ich. Weil ich starr bin. Kann nur noch glotzen. Kein Schrei. Kehle zu.

Als ich ein kleiner Junge war, kletterte Karl nachts über die Balkonbrüstung. Altes Holz, grün lackiert, splitterig, eine falsche Bewegung davon entfernt, sich mit dir in den Hinterhof zu stürzen. Aber Karl hat sie ausgehalten. Er war wegen mir hier. Um mich zu holen. In sein Grauen hinein, hinab in die Einsamkeit unter allen Kellern. Dann bin ich aufgewacht.

Bis heute habe ich nicht mehr an ihn gedacht. Dass man ihn vergisst, ist seine Superkraft. Umso gnadenloser kann er zuschlagen. Dieses Grinsen. Diese bösen Falten.

Und sein kicherndes Flüstern: „Du bist nicht gut genug. Kein Mensch interessiert sich für dich, warum auch? Du bist leer, ein Als-ob, unerwünscht, ein Missverständnis, ein Fehler. Alles machst du verkehrt. Alles, was gelingt, ist blöder Zufall. Du bist zu dumm.“

Meine größte Schwäche? Ich glaube ihm. Heute wieder. Er gab mir ein kleines Hoch, nur damit ich tiefer falle. Aber ich bin stehen geblieben. Wollte Doppelsalto in die Schnapsflasche machen.

Hab’s gelassen.
Mich umgedreht.
Ihn angesehen.
Faust geballt.
Beinarbeit.
Ihm die Dresche seines Lebens verpasst.

Der Kampf wird ewig dauern. Aber diese Runde ging an mich. Bastard. Du kontrollierst hier gar nichts. Hast ja keine Ahnung, wer alles in meiner Ecke steht.

– Autor: Hulot ·

Hart nachgedacht

Vielleicht schreibe ich am besten alle Titel des Albums hintereinander auf. Für die Zwischenräume findet sich was. Buchstabenstapelei, na klar, nichts anderes, wie immer.

Niemand würde es bemerken.

Der Mensch ist eine seltsame Maschine: Sucht Muster im Zufälligen, gibt eigenen Sinn ins Chaos wie Spucke in eine Suppe. Unausdenkbar. Unabzählbar. Viel zu groß. Wie alles, alles über mir, von mir, viel viel zu groß ist und ich viel zu klein bin, viel viel zu klein, zu schlecht, ein Auswurf, ein Missverständnis, ein Stein im Schuh der Menschheitsgeschichte. Ich halte nur auf, verursache Schmerzen. Dabei saß ich einst im Hinterhof, über mir der Sommer eines längst schon toten Jahrtausends.

Das Schreien der Mauersegler. Im Radio gewinnt eine Frau einen Wettlauf, das war bedeutend.

Dachte mit Grauen daran, wie sie einst kommen und mich holen werden, ins Heim, in die Schule, in die Armee, wo Vater ist. Seine braune Reisetasche im Flur, Stapel schmutziger Wäsche daneben, so hoch und stinkend wie ich. Das Loch im Fenster der Tür, jeder kann durchgreifen, die Klinke herunter drücken, auch der hässlich Mann aus meinen Träumen, der lachend über die grünsplitterige Balkonbrüstung klettert, um mich zu holen, nicht in die Schule, nicht zur Armee, sondern zu sich ins Grauen, wo ich hingehöre, Versehen, Räudigkeit, Lügenschwein, Fresswanst.

Abfall

Sind so klare Linien, wie Leitplanken an einer Autobahn, an deren Ende eine Mauer aus Glas steht, geduldig wartend. Wie sie alle dahinter stehen, mich zu sich winken, ganz Asche und verfluchte Erde, ihre Versprechen abgeben, so lange jemand Fremdes zuhört: Dass sie mich lieben

dabei gibt es das gar nicht!

ganz bestimmt, dass ich etwas gut mache

dabei kann ich das gar nicht!

überhaupt etwas kann, ich einen Wert habe, dass Schönes passieren wird

dabei gibt es auch das nicht!

und diesmal ich damit gemeint bin und nicht dieses knotige Gefühl im Bauch, dass sich gerade wieder nach oben beißt. Der hässliche Mann steigt herauf

aus mir, wo er lebt, wie eine Eule im Wald

und ich will nur noch weg. In eine Maschine, die das Nachdenken im Bruchteil einer Sekunde zu Brei zermantscht. Vielleicht auch gleich den ganzen Kopf.

Dieser Moment, als ich im Schwimmbad einen Köpper vom Dreier versucht habe, meine Beine mich in der Luft überholten, ich im perfekten Winkel mit Rücken, Nacken und Hinterkopf auf dem Wasser aufknallte und die Welt plötzlich dunkel wurde. Der Frieden, die Stille, das Sinken ins Nichts.

Schütte Alkohol in mich rein, bis der Magen brennt, vielleicht holt ihn die Säure. Alles dreht sich nun, nur die Gedanken, die stehen still, klar, hart: Die letzte Stunde meines Lebens dauert auch bloß 60 Minuten. Und der schwarze Hund, der lacht. Nur er weiß, wann die erste anbricht. Vernunftbegabtes Drecksvieh.

Everyone have a great day!

– Autor: Hulot ·

Never surrender

Wir sind mehr
Als unsere Narben
Aber auch das.

Wir sind mehr
Als unsere Ängste
Aber auch das.

Wir sind
So viel mehr
Und einsam zugleich.
Aber wir haben überlebt.

Woher wir immer auch
Stammen
Jetzt sind wir
Hier.

Das ist unser Fluch.
Das ist unser Glück.
Das ist Besser als nichts.

Das kommt früh
Genug.

– Autor: Hulot ·

Es müsste

...eine Welt geben, in der man den ganzen Tag sein Haustier streichelt. Aus einem gelben Hahn in der Wand Vanillepudding kommt. Statt deprimierender Nachrichten Gedichte im Fernsehen laufen. Pornos eine Minute lang sind, weil einer der beiden „Hab gerade keine Lust“ sagt, der andere „OK, dann kuscheln wir einfach“ antwortet und beide lächelnd einschlafen. Neben dem gelben Hahn ein grüner aus der Wand guckt, der Bier spendet. Missverständnisse passieren und alle lachen. Niemand friert, hungert, weint. Noch ein einziger guter Indiana-Jones-Film rauskommt. Sterben nicht traurig ist.

Gibt’s nicht, glaube ich. Dann mache ich Mal eine.

– Autor: Hulot ·

Kein Titel

„Sherlock, meine Güte! John, kommen Sie schnell, er ist hier!“

Irene Adlers Stimme hätte in diesem Moment die Abfahrt des 16:50er Zugs ab Paddington in Paddington verkünden können, ich hätte sie ebenso laut in meinem Ohr vernommen. Aus dem Grad der Hektik um mich herum schlussfolgerte ich, dass etwas mit mir geschehen sein musste, das für uns alle nicht alltäglich war. Gemessen an Uhrzeit, Tremolo und Lautstärke ihres Rufes müsste mir mindestens ein Bein fehlen. Sie klang ernsthaft besorgt, aber nicht kreischend, was in mir die Hoffnung keimen ließ, irgendwann wieder arbeiten zu können, obgleich nun die Spesen für Droschken steigen müssten.

(Ein Kichern wie eine knarrende Schlafzimmertür)

Sie war ausgebildete Sängerin und hatte mehr Stil, als ihr gesellschaftlicher Rang vermuten ließ, der für die meisten Londoner jetzt schon unerreichbar war. Lange schon galt für mich die Theorie als erwiesen, dass die fast schon mystisch überhöhte Gelassenheit englischer Gentleman nichts weiter war als fehlende Phantasie davon, was echte Gefahr wirklich bedeutet plus einer gehörigen Portion Kultiviertheit, die jede Form der Erregung jenseits eines Cricketfeldes als proletenhaft geringschätzte. Miss Adler war im wahrsten Sinne des Wortes eine Frau von Welt und besaß mehr Mut als die meisten meiner Zeitgenossen, was es ihr leicht machte, nach außen hin so verletzlich wie die Mona Lisa aufzutreten, dabei aber gleichsam so uneinnehmbar wie der Felsen von Gibraltar zu bleiben.

“Tick Tack Tick Tack Tick Tack Tick…“

Johns Stiefel und das nasse Pflaster kündigten von Weitem an, dass er mindestens genauso besorgt wie sie war. Kälte kroch von unten in mir hoch, während ich von oben dem Brennen einer unbarmherzigen Sonne aus reinem Laudanum ausgesetzt schien. Mein Blut kochte und seine Temperatur trieb mir das letzte Wasser durch alle Poren. Das letzte, woran ich mich erinnere, war Mycroft, der in seltsamer Erregung den Butler anwies, ein Telegram nach Whitehall zu schicken. Er musste an diesem Abend der einzige Mann im Diogenes-Club gewesen sein, der nicht …

Bumm! Bumm! Bumm!

Wer auch immer den Beton angerührt hatte, der meine Augenlider für immer miteinander vermählen wollte, hatte ganze Arbeit geleistet. Glückwunsch. Es war so finster wie auf meinem Konto drei Wochen vor Zahltag. Aber da wusste ich wenigstens, dass das einmal vorbei sein wird. Hier aber? Hatte schon sicherere Wetten auf dreinbeinige Nilpferde im Scheibenholz gehabt. Die Nacht wehrte sich tapfer. Alte Jungfer, willst wieder gebettelt werden, meinetwegen. Ich blinzelte, kniff die Augen zusammen und drückte mir fast die Pupillen durchs Arschloch raus. Konnte aber nur die Umrisse zweier Kommoden, Schränke, Spiegel, Lampen, Stühle erkennen.

Etwas stimmte nicht: Wenn alles doppelt vorhanden war, weshalb lag ich allein im Bett mit nur einer Decke? Und wo waren Irene und John?

Knarrend öffnete sich die Tür. Ich legte mich zurück auf die durchgeschwitzte Matratze und stellte mich schlafend. Ein leichtes Ticken auf dem Holzboden, gefolgt von einem Ächzen, Schnaufen und Schnüffeln neben meinem Kopf. Dann ein zweites, weniger elegantes, aber zu jeder Schandtat bereites Patschen. Katzen. Zwei. Natürlich. Meine. Gott sei Dank. Ich ließ mich einfach wieder in die Besinnungslosigkeit fallen. Nächste Runde. Die Chancen stehen nicht schlecht, wieder aufwachen zu müssen.

Das Beschissene an Grippe ist, dass man allein mit seinen Gedanken im Schlafzimmer vor sich hin dörrt. Lesen tut entweder weh oder wirft dich gleich aus dem Gestell, als wäre man auf einen rumänischen Rummelplatz in ein selbst gezimmertes Karussell gestiegen, bei dem der Chef gerade seine dritte Flasche aufmacht. Musik hören fühlt sich wie chinesische Wasserfolter an, die direkt neben diesem Ding (<span style="text-decoration: underline“ title="Jetzt geht’s nochmal rückwärts, jetzt geht’s nochmal rund!">“Acum iar înapoi, acum iar rotund!“) direkt ins Stammhirn praktiziert wird. Schreiben fällt ganz aus. Kann kaum Wasser halten, geschweige denn einen Stift. Ein Körper wie die Donnerkuppel, nur ohne Tina Turner. Braucht niemand. Lasst euch impfen, Verdammte dieser Erde!

Meine Güte. Wenn ich Irene nicht hätte, die jeden Tag für mich da ist. Und John, der mir Eiskrem und Saft gekauft hat, einfach so … Ich müsste sie mir ausdenken. Aber wir tragen denselben Namen. Ihren. Auch wenn ich wach bin.

Aufwachen ist gut. Aufwachen ist das Beste. Hier.

Apropos: Da hat sich 'ne Menge angesammelt.

Österskär (Schweden), 21:46 Uhr

Verdammt, dachte er sich, es ist erst eine Minute her, dass…

– Autor: Hulot ·

Beautiful City Blues

Manchmal drehe ich plötzlich auf der Straße den Kopf in die andere Richtung. Neige ihn auf die Seite, als wäre er in diesem Moment zu schwer. Kneife die Augen zusammen. Suche nach etwas Übersehenem. Immer in der Absicht, meine Stadt zu überraschen und zu ertappen. Sie verbirgt hinter meinem Blick etwas von Bedeutung, Schönheit oder wenigstens Größe. Sie muss einfach. Hoffe ich.

Vergebens.

Da sind nur Alltag und Graubrot. Verstummte Ziegelsteine, von faden Wärmedämmungen zum Schweigen gebracht. Blinde Gewohnheit verschüttet Geschichte wie eine Katze ihre Haufen. Grimmiger Blick, der Fortschritt sein will, aber nur langweilt. Zielloses Warten in der Dämmerung.

Aber vielleicht muss Heimat so stumpf sein. Damit die Süße unserer Sehnsucht ungestört reifen kann.

– Autor: Hulot ·

Der alte Mann und der Zoo

Er hatte seit dem Aufstehen mindestens zweimal geblinzelt. Dem alten Mann war dieser Grund so gut wie jeder andere, um an diesem Morgen in den Zoo zu fahren. Auf dem Weg dorthin traf er einen Bettler. Er gab ihm: Nichts. Man hat nie genug, dachte er angestrengt wegsehend. Warum die Unzufriedenheit steigern? Dass sein Verstand nur noch Zynismus hervorzubringen schien, beschämte ihn für einen Moment. Dann überfuhr ihn beinahe eine Straßenbahn. Hab eigene Sorgen, rettete er sich in den Rest des Tages.

Vorm Zoo sah er einen ramponierten Mann. Die Welt hatte ihm die vollen zwölf Runden abverlangt. Was noch übrig war, führte die junge Hand seiner lächelnden Tochter über den Parkplatz. Auf einer gigantischen Werbetafel schnappte ein Dinosaurier scheinbar nach dem Mond. Jemand hatte „Die Natur findet immer einen Weg“ darunter getextet. Ein kleiner Junge hielt sich mutig daran fest und pinkelte ins Gebüsch.

Die Sonne schien. Irgendwer reparierte das Pflaster am Eingang. Eine Schülergruppe mit Klemmbrettern. Lehrer, die zu Ruhe und Ordnung mahnen. Erinnerungen an trübe, aber seltsam nachleuchtende Tage. Verdammt nahe Gefühle.

Im Zoo: Früher, als er noch mit seinen Kindern dort war, gab es nur zwei Arten von Fischen: Die einen aus „Findet Nemo“ und die anderen. Draußen versteckten sich Tiere im Gebüsch und Menschen hinter Objektiven. Eigentlich eine gute Arbeitsteilung, wie er fand.

Auf der Hängebrücke über dem Affengehege lachte er über sein jüngeres Ich. Es hatte sich damals vor King Kongs Augen gefürchtet. Nicht vor der riesigen Zerstörung, dem Gebrüll oder den schwarzen Fellpranken. Sondern seinem Blick. Sogar im Traum war ihm der Riesenaffe erschienen. Ihn suchend, jagend, fast menschlich klug. Einzig der Sprung aus dem Fenster seines Klassenzimmers und beherztes Davonfliegen half da noch. Zwei Kopfschüttler, ein Schmunzeln. Dann erschrak er vor einem Vogel, der neben ihm auf dem Handlauf landete.

Im alten Vogelhaus, dem letzten Ort im Zoo, der noch wie damals war, saß er still auf einer Bank. Kaum dass alle anderen Besucher weg waren, wagten sich die Tiere hervor und betrachteten ihn. Ist nur fair, dachte der alte Mann. So saß er eine Weile regungslos da, mit einem Eisbecher in der linken Hand, einen krümeligen Klumpen Erinnerungen im Herzen und viel zu viel feuchter Luft in seinen Lungen.

Spätmittags traf er sich mit ihr. Sie küssten sich, als läge der Morgen Jahrhunderte zurück. Gemeinsam bedauerten sie, dass es keine Flamingos mehr am Eingang gab. Die waren in ein besseres Gehege umgezogen. Dafür war der Streichelzoo nun einer großen Forscherstation gewichen, voller Pädagogik und Langeweile. Klinisch sauber, mit abgerundeten Kanten, ohne den stechenden Gestank von Raubkatzen in viel zu kleinen Verschlägen. So riecht die Welt, dachten sie damals alle. Aber was wussten sie schon davon, hinter den tausend Stäben und Mauermetern. Es war immer nur eine Mutprobe in Kacke, Ammoniak und Quälerei. Und blieb es. Aber man gewöhnt sich an jeden Duft. Als kleiner Junge kehrte er heim. Es fühlte sich alles sehr richtig an.

Zwei Tage später brachen die Löwen aus. Der alte Mann war bereit, dafür die Verantwortung zu übernehmen.

Schließlich waren es seine Erinnerungen

– Autor: Hulot ·

Die letzten Gedanken des letzten Menschen

Auf der Erde liegend, presse ich meine Wange gegen den Boden. Wann habe ich mich das letzte Mal so hingegeben? Ich wusste es nicht.

Kälte durchzieht meine Kleider, aber das war in Ordnung. Was auf meiner Haut ankam, war nur scheinbar Frost. Kein Grund zur Sorge. Wollte sie mich erfrieren lassen, hätte sie es schon längst getan.

Wenn man nur stark genug hinhöre, sagten einige, könne man das Weinen des Planeten vernehmen. Ich gebe mir Mühe. Aber was ich höre, oder zu hören glaube, ist ein Kichern, und was ich spüre, oder zu spüren wünsche, sind meine Tränen.

In der Schule lernte ich etwas über das „abzählbar Unendliche“. Dieser unerschütterliche Optimismus war Liebe auf den ersten Blick. Verstanden habe ich ihn nie. Aber standhaft mit der schieren Unendlichkeit konfrontiert, beneidete ich ihn sogar. Sie war um so vieles größer als er. Dennoch griff er sie beherzt an. Man musste ja nur anfangen. Eins, Zwei, Drei und so fort. Sicher, es war nur ein Begriff, aber er stand für unseren Anspruch, den Plan dahinter verstehen zu wollen. Wir besaßen so viel mehr als nur Dinge.

Die Wissenschaft durchmaß das ganze Universum, suchte nach einem Vorsprung, fand aber bloß Formeln und Fragen. Es war ein bescheidenes Brot, das dort gegessen wurde. Aber sie machte weiter, ohne zu wissen, warum oder wohin. Jede Sekunde Vorlauf war entscheidend: für das Experiment, die Welt, ihre Geschichte, die Menschheit, mich.

Unermessliche Hitze schabt über uns alle hinweg. Wir wussten, dass sie kommen würde. Als einzige.

Was fehlte, war das Wissen um uns selbst. Religion wollten wir nicht, da wir uns nicht vertrauten. Philosophie konnten wir nicht, aus dem selben Grund. Alles andere ließ sich nicht messen oder in Tabellen eintragen. Für die Liebe waren wir zu dumm. Eitelkeit war ein gern gesehener Gast. Angst übermannte schließlich alle. Jeder hoffte im selben Maß auf die Unsterblichkeit, wie er sie fürchtete.

Aus. Ein. Das Einzige, was den Planeten jetzt noch antreibt, ist mein Atem. Aus. Ende.

Auch ich war einmal verliebt. Aber das verbrennt nun mit dem Rest der Welt. Und so bleibt mein letzter Gedanke einfach stehen. Die Vergangenheit war Asche geworden, die Gegenwart so nicht zu akzeptieren und die Zukunft hatte keine Zukunft mehr.

Wenn für immer niemand mehr da wäre, um es zu hören: Würde das Meer auch dann noch Rauschen?

– Autor: Hulot ·

Vom Heulen des Hundes

Als ich zusammen mit ihm durch die engen Gassen von Algier dem Honigduft gelber Rosen nachrannte und uns erst auf den Hügeln über Algier die Luft ausging, blickten wir in die Nacht und liebten den Kosmos. Ein warmer Wind deckte zum letzten Mal die Bucht mit Sommer zu. Wolken rissen auf. Vater sah in den Himmel und lachte: »So viele Sterne. Und keiner von ihnen weiß, dass wir ihm einen Namen gegeben haben!«

Er hatte einen Namen, ohne zu wissen, woher. Oder von wem. Und ich hatte ihn, inmitten unserer Dunkelheit. Lichtjahre über uns verglühende Sonnen waren uns näher als wir selbst. Für einen Moment waren wir die reichsten Menschen der Welt. Wenn auch nur aus Trotz.

Ja.

So will ich es mir ausgedacht haben.

Das gilt.

Es ist zum Glück alles sinnlos, wenn man nur fühlt.

– Autor: Hulot ·

Wir müssen reden

Verstehen wir uns nicht falsch, Gott, Du, ich bin nicht einer von denen. Bin nicht auf Dich sauer, wenn es mal nicht so läuft. Dafür bedanke ich mich auch nicht, wenn die Dinge funktionieren. Jeder bleibt in seiner Ecke und lässt den anderen in Ruhe. Halte das für fair. Ist ja nicht so, dass wir nichts besseres zu tun hätten.

Kannte mal Einen, der meinte, dass die Leute sich immer nur beschweren, wenn sie Pech haben. Weshalb gerade jetzt? Warum gerade sie? Doch nie kamen Fragen, wenn alles glatt ging. Womit ausgerechnet sie diesen Erfolg verdient hätten. War ein kluger alter Mann. Dieses Nachdenken – schon Wahnsinn. Auch wenn es manchmal weh tut.

Überhaupt, wozu wir alles in der Lage sind, Gott, Du, toll, oder? Das ganze Ding mit dem Internet zum Beispiel. Oder musizieren. Lieben. Das ist alles so viel größer als ich selbst. Schöner sowieso. Wird ja auch immer mehr mit der Zeit. Lernen ja auch dazu. Lässt uns flexibel bleiben. War schon schlau von Dir. Kann man wirklich nicht anders sagen.

Aber ich hab da trotzdem eine Frage, Gott, vielleicht kannst Du mir das beantworten. Wenn nicht, auch nicht schlimm. Ich weiß, das sind Fragen, die man immer wieder hört. Aber mir ist das noch nicht so ganz klar. Deshalb frag ich mal, dachte ich mir, Gott. Wie gesagt, mein ja nur.

Wir sind ja in der selben Position, Du und ich, irgendwie, so von Vater zu Vater, Gott, Du, stimmt doch? Wenn die Kinder aus dem Haus sind, ist es eh zu spät, der Zug abgefahren. Ist bis dahin noch nichts aus ihnen geworden, wird's schwer. Weißte ja selbst, wem erzähl ich das. Aber bis es soweit ist, Gott, und das wissen wir ja beide, Du sicher noch besser als ich, brauchen Kinder ja ein bisschen, wie sage ich das jetzt am besten, ohne das es komisch klingt?

Vielleicht so: Sie brauchen Führung.

Und Liebe.

Und Anleitung.

Ich meine, die, also wir, wissen doch überhaupt noch nicht, wo es lang geht, Gott, nicht wahr? Von mir aus auch einen Tritt in den Hintern. Also im übertragenen Sinn, Gott. Weißt ja, wie ich das meine.

Muss Du ja auch mal von der Seite der Fairness sehen. Ich kann ja dem Kind nicht vorwerfen, dass es ein Idiot ist, und es dann bestrafen, nur weil es etwas falsch gemacht hat, ohne dass ich mir recht drum gekümmert hätte. Denn meistens wissen die ja auch bloß nicht, was richtig und falsch ist. Woher denn auch. Müsste denen ja mal wer sagen. Meinetwegen auch mehrmals, wenn's sein muss.

Machen wir es kurz: Gott, sag mal, wo bist Du eigentlich?

Gerade jetzt so.

Ich meine, wir haben hier so ein paar Bücher rumliegen, da ist ziemlich oft die Rede von Dir. Und dem, was Du von uns so erwartest. Freiheit hin oder her. Aber sind wir doch mal ehrlich: Wenn ich nur 'nen Zettel auf den Tisch lege und mich dann nicht mehr blicken lasse, ist doch klar, dass das nix wird. Ist das deutlich genug, wie ich das meine, Gott? Oder?

Keine Idee? Komm schon, so schlau ist das nicht von mir. Und, Gott, wir sind hier ja unter uns, erfährt auch keiner weiter: Wenn wir denen dann die Füße aufpumpen, weil sie Mist gebaut haben? Bis in alle Ewigkeit? Ist das weise? Gütig? Oder gar: gerecht? Sag mal. Also mir kommt das nämlich nicht so vor. Deshalb wollte ich mal nachfragen.

Gott? Ich glaube, Du warst nie ein Kind, oder? Also nicht dass ich je davon gehört hätte. Und Du, Gott, redest ja auch nicht so viel, bist eher so ein Schweiger. Ist das vielleicht unser Problem? Folgsamkeit verlangen, aber niemals haben gehorchen müssen, Gott, Du?

Hallo?
Gott?
Ist da irgendwer?

– Autor: Hulot ·

Sinn

...und dann fahre ich durch den Klinkkomplex. Am Straßenrand missmutig Dreinschauende, wer ist schon gerne hier, mitten im verregneten Herbst. Schnell Ticket ziehen, die Politessen gieren nach Frischfleisch. Betäubender Baulärm neben dem Bettenhaus. Weißer Kleinbus. Davor ein Rollstuhl. Er.

Er sieht aus, als schliefe er die Anstrengungen eines Lebens einfach fort. Die graue Sportjacke lässt ihn nicht frieren, während er da so steht, auf die Fahrerin wartend, die den Kleinbus öffnet und seine Planke ausfährt. Sein Kopf ist zur Seite gefallen. Das Gesicht, nein: der ganze Kopf ist verzogen. Wie bei einer Wachsfigur, die zu lange der Hitze ausgesetzt war.

Lächelt er?

Und wie ich dort vorbei radle, hin zum Staub des Denkens, aufgestapelt in der Universitätsbibliothek, greift mir der Anblick dieses Jungen, jene deformiert scheinende Existenz, seine in die warme Jacke gehüllte Hilflosigkeit mitten ins Herz. Tränen? Freude? Worüber?

Dass er ist.

Dass er auf jeden Fall gekommen wäre, schon allein als Trotzreaktion auf das verängstigende Resultat der Feindiagnostik. Dass auch jene Kinder ihre Eltern bedingungslos lieben werden. Oder würden. Gegen jede Statistik. Gegen jeden Zynismus. Immer.

Ein Verbrecher ist, wer das verletzt.

– Autor: Hulot ·

Pechpilz

Ein wahrer Pechvogel sorgt sich nicht um sein Leben. So lange der Krieg tobt, ist er sicher.

Ihm wird nichts passieren.

Er stolpert über die Leichen seiner Feinde und Kameraden. Manchmal fällt er hin. Woanders schachern sie über Fortgang oder Ende. Deshalb steht er immer wieder auf. Nicht weil er will.

Eine »Seite« ist immer frei.

»Ich habe Angst davor, dass ich keine Angst zu haben brauche«, denkt er manchmal.

Bis es weh tut.

So marschiert er weiter. Manche nennen es tapfer. Bewundern ihn für seinen Willen. Wollen darin wahnsinnige Klarsicht erkennen. Um jeden Preis.

»Einer wie er, nein, der gibt nicht auf, niemals!«

Wie man ihn sehen soll: Frei. Standhaft. Vorbild. Dahinter: Widerwillen. Ein Toter, kämpfend. Eine verlorene Sache. Unsichtbar gemachter Zweifel. Nicht von ihm.

»Einer muss ja.«

Aber Pechvögel sind schlau. Wissen, dass ihre Zeit kommen wird.

»Nur nicht heute.«

Irgendwann stehen sie vom Tisch auf. Woanders. Versichern sich Frieden. Ab morgen. Für immer. »Diesmal wirklich!«. Reichen sich die Hände.

…und keine der Hände wusste, wie alles begann. Alle unschuldig. Voller Reue. Sprach die versteckte Faust in der Tasche. Alles Lüge. Wusste die Tasche.

Am letzten Tag ist es dann so weit: Der Pechvogel stirbt. Die letzte Kugel, wie immer. Es gab so viele letzte wie es Kriege gab. Alle trafen.

Unbemerkt.

In der Heimat klagen sie.

»Welch Unrecht, Schicksal, elendes!«

Ein Kamerad fragte ihn, ob sich der Pechvogel selbst als glücklichen Menschen denkt. Dann erwischte ihn ein Schrapnell. Der Pechvogel sagte »Hm«. Ungehört.

»Tod dem Helden! Sieg dem Verräter!«

Er hatte ja alles, was man sich wünscht. Begriff er aber erst, als man ihm das wegnahm. Er bekam dafür eine Uniform, nur wenig getragen. Einer wie der Pechvogel kennt das Leben und den Verlust.

Trug die Fron der Pflicht. Genoss ihre Früchte. Schuldete allen etwas. Sich selbst.

Einer ist immer der Erste und der Letzte.

– Autor: Hulot ·

Gruß von der Spitze der Klinge

Dreck, alles.
Feiger Reigen.
Schwätze-Sätze.
Gespreizt und verahmt.
Ohne Form, aber mit Herz.
Doch diese Münze ist wertlos hier.
Am besten gehen Sie weiter. Und weg.
So sie können, wollen, müssen.
Wieder nur geblendet.
Hier ist woanders.
Nur viel nichts.
Bloß Dreck.
Still nun.

– Autor: Hulot ·

Die Freiheit des Gehen Könnens

„Und wer sind Sie eigentlich?!?“

***

Anruf des Komparsenkoordinators: Um DAS Stück gehe es. Das, was da auch immer anderswo gespielt wird, in feiner Regelmäßigkeit, das man aber auch echt überall kenne, sogar im Ausland.

Lediglich der Regisseur sei speziell: „…aber sachma, wie groß warst Du nochmal? Zwozwo? Mann, das wäre klasse, nee: Das ist klasse! Also, hörmazu: Der Regisseur, weißt Du, also der ist… nicht ganz einfach.“

Aha. Was ist denn mit ihm?

„Er hat ein… sachenwirma: Alkoholproblem. Zwozwo. Mannmannmann. Besser gesagt: Ein Säufer. Aber von Format! Mann, du, das wär' echt klasse wenn das klappt.“

Okay. Und sonst so?

„Na ich denke, das klappt schon. Bringste halt noch ein bisschen Phantasie mit und dann gucken wir mal und dann klappt das schon. ZwoZWO. Toll.“

***

„Ein Statist, wahrscheinlich, sofern sie mich hier gebrauchen können…“

***

Die Regieassistenz hatte mir am Morgen eine Kurznachricht geschickt: Kennenlernprobe, heute, 19 Uhr. Wäre schön, wenn Du dabei bist. LG!

Nun warte ich bereits eine dreiviertel Stunde in einem muffigen Aufenthaltsraum. Auf dem Tisch stirbt das letzte Achtel einer Torte. Nebenan singen Menschen erst „Let it be“ und danach „Hey Jude“. Schließlich beides zusammen. Komparsen singen nicht, will die Gewerkschaft so. Gott sei Dank bleibt mir das also erspart.

***

„Ein Statist?!?“

***

Die Probenbühne versteckt sich am Rande der Stadt. Zum Abendessen hatte sie zehn Schauspieler, alle bis auf die Knochen demotiviert, gegrillt über dem Feuer ihres Spielleiters. Der Techniker versucht sich erfolglos an der Erfüllung entgegen geblaffter Lichtwünsche. Die Regieassistenz entschuldigt sich. Für ihn. „Wahrscheinlich hat er dich gesehen und trägt deshalb etwas dicker auf“, flüstert sie. Alles nur Verunsicherung. „Verstehst du doch, oder, nicht wahr, oder?“

Nein, verstehe ich nicht. Ich bin Lehrer. Wenn meine Fünftklässler in stressige Situationen kommen und daraufhin Unsinn erzählen. Wenn jemand unter sich macht, weil er sich erschreckt. Das verstehe ich. Das hier ist einfach nur Menschenhass, getarnt als Coolness.

„Ach Lehrer? Voll! Kennste das Stück mit der Schulklasse, das eine, das man auch im Ausland kennt? Hat er übersetzt! War seine erste Arbeit. Hat er dann auch mit dem anderen inszeniert, hier, mit dem anderen, dem einen. Kennste den?“

Nö.

„Naja. Wollt ich dir nur sagen, weil ich dich dann als den Teacher vorstelle.“

Aha. Ich bin ein generalstabmäßig anberaumter Wortwitz, dessen letztes Bataillon entscheidend in die Schlacht um das Arbeitsklima geführt werden soll. Von einem Groupie. Für einen Schlucki. Hatte schon schlechtere Einstände. Aber nicht viele.

***

„Und was heißt hier wahrscheinlich? Nur ma kiecken oder wat? Fuck!!! Wie wahrscheinlich?!?! Mach dich raus, und warte im Aufenthaltsraum… wahrscheinlich… ist mir ja noch nie untergekommen…“

***

Gott soll auf der Bühne den Deckel einer Truhe anheben, aus der er dann heilig angestrahlt werden soll. Das Problem: Sie besteht nur aus einem umgedrehten Tisch, über dessen nach oben ragende Beine notdürftig ein Tuch gelegt wurde. Der Regisseur ist außer sich, den ganzen Abend schon. Als wäre die Truhe der Hauptdarsteller, an dem alles hängt. Verwünschungen in Richtung Requisite. Die antwortet mit einem unsichtbaren Mittelfinger.

Plötzlicher Einfall: Da könnten noch zwei weitere Truhen auf der Bühne stehen. Der Darsteller, dem seit Beginn der Probe die besondere Aufmerksamkeit seines Spielleiters gilt, hetzt ratlos aber beflissen hinter die Bühne – Hauptsache raus aus dem Schussfeld. Der Regisseur droht damit, die ganze Fucking Bühne mit lauter Fucking Truhen! zustellen zu lassen, sollten die Schauspieler auch weiterhin so schlaff rummachen. Habe Mitleid. Frage mich, wie Gott und ich es wie einen Unfall aussehen lassen könnten. Denke an die Torte im Aufenthaltsraum. Zweck. Mittel. Heilig.

***

„Ich bin jetzt fuffzich! Sowas ist mir ja noch nie untergekommen! Wahrscheinlich! Wissen sie was: Du kannst abpfeifen, los, Fuck, raus! Wahrscheinlich…Verpiss dich!“

***

Pause. Lord Stöpsel von der Schluckerweide gesteht den Schauspielern gnädige fünf Minuten Frischluft zu. Ich bestaune das Treiben nun seit achtzig Minuten und weiß nicht, ob mir hier eine exklusive Vorstellung gegeben wird oder das Los des Theaterschauspieler tatsächlich darin bestehen soll, sich von dramaturgisch brillanten, menschlich aber vollkommen dysfunktionalen Hochgeschwindigkeitsäthanologen im Rahmen kommunal subventionierter Menschenverachtung herum kommandieren zu lassen.

Sturzbetrunken, nein, hackedicht, nein, verheiratet mit der Mutter aller Vollräusche, nein, wie ein Alkoholkranker im bedauernswerten Endstadium seiner Sucht torkelt er derweil durch die Kulissen. Es bewahrheitet sich: Kinder, Betrunkene, Schutzengel. Die Regieassistenz will die Zeit nutzen, mir meinen Vertrag holen. Für den Fall, dass ich es mir überlege und tatsächlich mitmachen möchte. Ihre Verzweiflung steht meinem Maß an Entschlossenheit gegenüber, den ganzen Haufen hier anzünden zu wollen.

Keiner weiß wie, aber der Regisseur hat seinen Platz wiedergefunden. Sogar im Sitzen wankend glotzt er mich durch die Dunkelheit an. Die Assistenz kehrt mit einem Zettel zurück, gerade noch rechtzeitig, um sich ihren nächsten Anpfiff abzuholen. Er schlägt sich auf die Außenseite seines Oberschenkels. Hier, genau hier, habe sie sich aufzuhalten.

„Immer! Jetzt raus: Hol diese, diese … Schauspieler rein! Wer ist das denn da eigentlich, da, neben dir?!“

Sein schmieriges Stieren schimmert wie ein Ölfilm auf der Füllung seines weinschwangeren Schädels in unsere Richtung. Als sie zu antworten versucht, schlägt er mit der flachen Hand auf den Tisch. Eine Bierflasche kippt um, ergießt sich über die Platte und knallt dumpf auf den Boden. Keine Scherben. Kein Glück. Beim Ausweichen stößt er die Weinflasche neben seinem Stuhl um. Ich versuche meine Blicke nicht diesem Hohepriester der Verfalls zu opfern. Scheitere.

„Hol die jetzt rein! Verflucht nochmal“ – Schenkelschlagen – „Hier musst Du kleben, metaphorisch, verstehst Du? Sechs Wochen musst Du hier“ – Schenkel – „kleben, ist das denn zu viel verlangt?! Wer ist das denn da eigentlich, da, neben dir?!“

„Das wollte ich dir gerade sagen, da hast du auf den Tisch gehauen und mich die Schauspieler schicken geholt!“, bäumt sich die Assistenz ein letztes, resigniertes Mal auf.

„Ja, komm, geh die jetzt holen!!!“

Wir sind allein.

Das Stieren und ich.

***

„Und wer sind Sie eigentlich?!?“

– Autor: Hulot ·