Stories & Gedichte
Kleine Stories. Kurze Sätze. Maximale Wirkung. Darum geht es hier. Wir beginnen mit den alten Sachen.
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Der jährliche Rentenbrief flattert rein, begleitet von der Aussicht auf Inflation, die mich umarmt wie eine träge Melodie. Wäre die Geldentwertung nicht, hätte ich wohl eine bequeme Nische im Übermorgen gefunden. Keine großen Kapriolen, logisch.
Doch was ich neuerdings an mir selber erkenne, beruhigt mich andererseits wieder: Es bedarf nicht mehr viel. Ein Schuss Milch ins morgendliche Müsli bedeutet zuverlässig den Weg zurück ins Bett. Abends ein Glas Wein, das aus mir einen komatösen Schnarcher macht. Trinke ich zu spät einen Fingerhut Wasser, laufe ich durch die Nacht, immer auf der Suche nach einem Lokus, als hätte ich einen Tank alkoholfreies Bier inhaliert.
Selbst die Katze kotzt morgens die Hälfte ihres Futtern auf den fleckigen Teppich im Flur. Da lassen sich über neun Leben gerechnet sicher noch ein paar Mäuse sparen. Der Teppich hat mittlerweile eine Menge Flecken, manche von ihnen sehen wirklich vielversprechend aus. Besonders der eine, neben der Stehlampe. Noch zwei, drei schief gegangene Portionen zum Frühstück und er sieht aus wie Elvis. Oder Jesus. Heini von nebenan hat letzte Woche ein Spiegelei auf dem Flohmarkt im Park verkauft, das genau so groß war wie eine Vinylplatte. Diese Inflation lässt jeden Unsinn zur Wertanlage werden. Zumindest für jene, die noch was zu verlieren haben. Denke ich so bei mir und stelle der Katze noch eine Schüssel zermatschtes Hähnchen in den Flur.
Und im Osten schießen sie aufeinander. Es sind die kleinen Rituale, die den Rentenbrief erträglich machen.
Mit einem Strick um den Hals
Der Spitze eines Dolches
Auf meiner Brust
Inmitten von Flammen
Am dunkelsten Pol
Im kältesten Eis
Kopf nach unten hängend
umringt von Wölfen und Gewürm
Ein Bein im Lava
Ein Bein in Pflicht
Immer.
Unter der Last aller Gebirge
Spüre ich Angst
Und Einsamkeit
als wäre es mein, unser aller
Leben.
Ein Stein ohne Kraft
Ein Gewicht unbeweglich
Alle Götter gegen uns
Alle Fluten über uns
Aber eben: uns.
Und wenn eines Tages
Die Sonne stirbt
Und nichts an ihre Stelle tritt
Ein leeres blindes Loch
Im Universum
Stehen wir
Hier
Mit Einem Whiskey
Und glänzendem Grinsen im Gesicht.
Irgendwo spielt
Ein Banjo und wir erfinden
Gemeinsam das
Wort
Das am Ende steht
Für das Gefühl
Wenn man nachts
Wach wird und
Im Mund 1000 Küsse und
Vanillepudding schmeckt
Während der Tod auf
Der Schwelle steht
Ohne dass ihm
Jemand die Hand
Hält.
Kein Schwert wird sein noch
Stern
Kein Licht
noch Sorge.
Nur zwei Gläser und unser Kichern und...
...und als der Reporter der lokalen Tageszeitung ihm, dem weltweit bekannten Schauspieler, dessen Ruhm sich vor Jahrzehnten schon über Nacht wie eine Lawine durch das Land gewalzt hatte, alle Zweifler unter sich begrub und nichts als Erstaunen bei denen hinterließ, denen Schauspieler nicht bedeuteten, die Frage nach seiner schwersten Rolle stellte, um ihn zugänglicher, menschlicher, naturgemäßer porträtieren zu können, lehnte sich der Schauspieler zurück, blickte versonnen durch den Reporter hindurch, durch die Wände seines Studios, durch die ganze Stadt und die sie einkerkernden Felsen, bis in jene Ferne, an der sich Vergangenheit und Zukunft treffen, um Hoffnungslosigkeit zu werden.
Er dachte an die Zeit, in der er vor zwei Dutzend Menschen in modrigen Kellertheatern sperrige Stücke untergegangener Schreiber aufführte, allein, natürlich, denn jene, die diese Stücke schrieben, waren auch allein, natürlich, und so schrieben sie über das, was sie kannten, und er, der Schauspieler, den damals niemand kannte, spielte sich selbst, also eine Figur, die selbst er nicht kannte. Er sagte ihre Sätze auf, als ihr Werkzeug, als ihre Stimme, als ihr Gerippe, als sprechendes, schwitzendes, blutendes Fleisch, redete er über Einsamkeit und Wahnsinn fremder untergehender Menschen, bis er nicht mehr einsam war vor den zwei Dutzend Zuschauern. Die Schreiber waren anfangs noch im Publikum, leise auf Zuspruch, auf Blicke, auf Wahrnehmung und damit Rettung hoffend, doch ihr Untergang war immer schon beschlossene Sache, wie es das für jeden ist, der seiner Seele Schmerz und Auslauf gestattet, auf das jemand aus der Welt das letzte spinnenfeine Seil greift, um sie ans Ufer zurück zu ziehen.
Im Moment des Schreibens, das heißt als sie beschlossen, Wort zu werden, haben sie den Kreis der Menschen zugunsten falscher Unsterblichkeit verlassen, wo nur die überleben, denen es gegeben ist, im Luftschwall des Applauses, der eigentlich den Schauspielern zugedacht ist, atmen zu können. Er, der Schauspieler, hat während der Aufführungen immer zu ihnen, den Schreibern, geschaut, die wiederum von seinen, des Schauspielers, Blicken nichts mitbekamen, weil sie, die Schreiber, zu sehr damit beschäftigt waren, ihm, dem Publikum, die erhofften Reaktionen abzuringen, die er, der Schauspieler, ihm, dem Publikum, einzugeben hatte.
Doch weder das Publikum, ganz gleich, wie groß es war, wie spät es war, wie gelangweilt oder unterhalten es war, noch der Schauspieler, ganz gleich wie vital er war, wie textsicher oder künstlerisch ambitioniert er war, erfüllten die Sehnsucht der Schreiber. Im muffigen Dunst jener hoffnungslosen Hinterzimmer, die den modrigen Kellertheatern als Garderobe dienten, standen sich Trost auf der einen und der Wille zum Selbstmord auf der anderen Seite gegenüber. Meist war das, nach der „schonungslosen Ignoranz des Publikums“ (der Schreiber), der zweite Moment unverhandelbarer Aufrichtigkeit, den diese Abende herausforderten, ja regelrecht erpressten. Ganz gleich, wie lang ein Abend war, immer forderte er diese Zugabe ein.
Er, der Schauspieler, musste ihnen, den Schreibern, zustimmen: Natürlich habe das Publikum naturgemäß den schlechtesten Geschmack, sonst wäre es auf fremde Stücke nicht angewiesen, sondern würde seine eigenen schreiben, eigenhändig, eigenherzig, bis zum Ende, an der (immer!) die Erkenntnis steht, dass man das Leben vor dem Tod nicht beweisen, nur verschwenden kann. Ohne Zweifel habe er, der Schauspieler, das innere, große, wahrhafte, bis dahin noch nie in der Welt gewesene Streben des Schreibers erkannt, ach was heißt „erkannt“ - erfühlt und damit wie dieser auch erlebt und erlitten! Und auch wenn seine Kunst, die des Schauspiels, immer unwahr, immer ein Vor-Spielen, ein Nachstellen, ein Nach-Leben, absolut un-eigen-tIiches, etwas Fremdes, damit also im Grunde nur eine Lüge sei, habe er, der Schauspieler, doch immer auch den inneren Faden hin zu ihm, dem Schreiber, gesponnen und geknüpft, auf das sein Leid ihr gemeinsames Leid werde.
Da ihm, dem Schauspieler, dieser allabendliche Verrat jedoch peinlich war, log er den Reporter an, als er „Hamlet“ antwortete, was sich dieser fast schon gedacht hatte, diensteifrig notierte und als Wahrheit in die Leben seiner Leser gebar.
Die drei buddhistischen Mönche legten sich mächtig ins Zeug. Offenbar stritten sie sich über den richtigen Weg und beschallten damit den ganzen Rathausvorplatz. Verstanden hat hier keiner was, aber die Show hatte es in sich.
Manchmal sah es so aus, als würden sie gleich in den Ring steigen, um es mit der ganzen Welt oder wenigstens den beiden anderen Spinnern aufzunehmen. Einer besaß Reichweite, der zweite Beinarbeit vom anderen Stern und das Gesicht des Dritten hatte schon mehr Fäuste als Küsse gesehen. Aber sie hatten sich im Griff, blieben bei fuchtelnden Armen und stampfenden Sandalen. Wild gestikulierend hielten sie sich gegenseitig ihre Smartphones vor das Gesicht. Irgendwann ging ihnen die Puste aus. Jeder dackelte in eine andere Richtung.
Von meiner Bank aus beobachtete ich das Treiben der zänkischen Apfelsinen. Dass diese Mönche überhaupt Eigentum besaßen, irritierte mich. Genau so wie die Frage, wo sie eigentlich hinwollten.
Andererseits: Wenn diese Jungs schon nicht wissen, welches der rechte Weg ist, sollte ich mir keine Gedanken darüber machen, was das alles soll und wo das mit dieser Welt noch so hinführt.
Und so bestellte ich mir in der Kantine das Jägerschnitzel und den Milchreis. Das Leben ist einfach, kurz und voller Geheimnisse.
Unter der S-Bahn-Brücke: Bomberjacke (Kunstleder, zerbröselnd), Jogginghose, Sportschuhe, dünnes Haar, fransiger Oberlippenbart, Hund, verlorene Ideale. Seinem Gesicht fehlen mindestens 40 glückliche Jahre, seinem Mund mindestens vier bis sieben Zähne. Der Blick ist voll von leerem Misstrauen. Kein Lächeln. Abgang zur Seite.
„Wissen sie, lieber Herr Kischka, ich verstehe das gut“, redete ihm Bronislaw in seinem breiten Böhmisch aus Speck und Sägemehl zu. „Wenn sie sich möchten selbst sagen, das sie kein schlechter Mensch sind, nicht der Dümmste oder gar ein Halunke, wissen sie, dass das nicht will klappen. Denn das tun sie sich ja selbst sagen. Ist, als ob man sich selbst kitzeln möchte. Klappt nie. Also ist das Reden zu sich selbst wie trösten, also eigentlich wie lügen, damit man möchte aufhören mit all dem Gram. Bringt ja nix.“
Kischka war nun genau so klug wie zuvor. Noch immer am Boden zerstört blickte er seinen Bureaugehilfen an, um das göttliche Schimmern einfältiger Weisheit zu entdecken, welche man Narren und Kindern nachsagt. Aber da war kein kluger Funke in der Dunkelheit, nur das schwitzende Gesicht des schläfrigen Bronislaw.
„Bringt ja nix… Da hast du leicht reden, mein lieber Bronislaw. Die Welt ist dir leicht und mich presst sie zu Boden wie kalter Fels. Du sitzt daheim bei Brot, Bier und Bockwurst, während mich die Dämonen des Tages jagen, fressen und wieder ausspeien, damit sie ja noch etwas für morgen haben.“
„Was macht es, wenn ich sage, dass sie recht geworden sind? Kein Tölpel wie der Bureauvorsteher Hawlitschka und auch kein Kretin wie der Herr von Lützenputz? Wenn sie nicht möchten sich selber glauben, was kann ein Bronislaw da reden? Wenn sie sich nur wollten als möglich denken, dass diese bösen Gedanken alles bloß Lügen sind, die sie sich selbst denken, um…um…ach, wer mag’s wissen, warum!“
„Gute Nacht, lieber Bronislaw.“
„Is‘ Recht. Herr Kischka?“
„Mmh?“
„Können wir ab morgen wieder die Treppe nehmen? Es möchte sehr unkommod sein, im Paternoster zu nächtigen. Das Neumodsche braucht ja alsbald noch kein niemand!“
Ob er seinem Gehilfen noch geantwortet hat, hätte Kischka nicht beschwören können. Vielleicht war an diesem Tag nur noch ein Seufzer übrig.
Täter, Opfer
Seite, Schmarotzer
Clique, Hinterhalt
drohen.
Märtyrer, Gewalt
Drohung, Feind
Häme, Idee
vereint.
Spaltung, Führer
Anhänger, Mitläufer
Terror, Folgen
folgen.
Streit, Wahrheit
Taktik, Kritik
Heimat, Hetze
fanatisch.
Unterwanderung, Maulkorb
Korrektheit, Mainstream
Wut, Mut
massiv.
Widerstand, Regime
Tabu, Verbot
Recht, Gesetz
zerstören.
Gleichschaltung, Vernichtung
Alternative, Alternativlosigkeit
Brandstifter, Urteil
sogenannt.
Unmut, Populismus
Geschmeiß, Volk
Boden, Heimat
zersetzen.
Macht, Lumpenpack
Mehrheit, Minderheit
Nation, Kultur
infiltrieren.
Aggression, Verteidigung
Unterdrückung, Freiheit
Strenge, Regeln,
entlarven.
Zusammenrottung, Haufen
Gott, Herr
Werte, Herrschende
wir.
Staatsfeind, Volksfeind
Feindmedien, Feindbild
Verhältnisse, Maßnahmen
man.
Teufel, Ausplünderung
Politikwanze, Gutmensch
Bewegung, Krawallmacher
die.
Mission, Radikale
Attacke, Mitkämpfer
Verteidigung, Sicherheit
extrem.
Gegenmaßnahmen, Truppe
Machenschaften, Anstand
Grenze, False-Flag
entschlossen.
Bewegung, Streit
Verblendung, Verdummung
Verteufelung, Gemäßigte
scheinheilig.
Büttel, Bedrohung
Etablierte, Verräter
Hass, Vasallen
fremd.
Patriot, Untertan
Verrohung, Untergrund
Strategie, Hölle
eigen.
Diktatur, Obere
Untere, Militanz
Chaos, Deutschland
like.
Strahlende Dunkelheit. Ich starre in die Mitternacht. Quer über den Hinterhof springen Schreie zu mir herüber und landen auf dem Balkon. Die letzte Krähe des Tages (oder war es ein Rabe?) landet auf dem Komposthaufen gegenüber, den ein Nachbar aus alten Latten selbst zusammengenagelt hat.
– Was wird morgen sein? fragt mich der Vogel.
Keine Ahnung, antworte ich ihm, schulterzuckendleise, denn die Nachbarn schlafen schon, woher sollte ich es auch wissen?
– Aber Du musst es wissen, alles musst Du wissen, es ist deine Aufgabe, alles zu wissen, zu kontrollieren, Herrscher der Welt, Richter aller Menschen, Retter unserer Zeit. Deine Hand greift und steuert, was dein Verstand ersinnt und schafft. Also wat is nu?
Der Komposthaufen ist, nebenbei bemerkt, als solches Schrott. Man kann Pflanzenreste nur von oben auflegen, aber keine Erde von unten herausnehmen. Die Katzen des Hinterhofs nutzen ihn dank- aber nur scheinbar als Lokus. Eigentlich ist es ihr social network. Das weiß der Nachbar aber nicht, weshalb er wichtige Informationen überschreibt, wenn er heimlich seinen Pisspott über dem Haufen ausgießt. Seine einfache Rechnung: Hobbykeller. Alkoholiker. Wohnung im Dachgeschoss. Der Rest ist die Physik der Bequemlichkeit. Und oben drauf thront feixend nun ein nachtschwarzer Vogel, der mich in ein Gespräch verwickeln will. So Tage halt.
Bevor ich der Krähe (oder dem Raben?) ein weiteres Mal versichern kann, dass ich nichts über nichts weiß, gesellt sich ein Fuchs zu uns. Er stellt sich als „Reginald Plantachinett der Dritte“ vor, schwingt sein dreifaches Räuspern wie ein Dirigent einen Taktstock, blickt, die Spannung ins Unendliche steigernd, zu mir, grüßend nickend auf den Kompost, wieder zu mir und fragt:
– Gute Frage. Aber: Was war gestern? Was gab es da?
Das ist leicht! „Keinen Grund, über heute nachzudenken und schon gar nicht über morgen!“ will ich auflösen, als die Schreie in gurrende Lust und dem Quietschen eines eskalierenden Bettgestells abschmelzen. Reginald wendet kurz seinen Blick ab. Fast sieht es so aus, als verdrehe er die Augen über das schlechte Timing, mit dem sich die Menschen aneinander vergehen, während er eine bereits zum Tode verurteilte philosophische Diskussion auf ein neues Niveau heben will.
– Nun?
Füchse können einem ziemlich garstig bis in die Seele schauen, stelle ich fest. Vielleicht ist es auch nur dieser eine, aber er hat es wirklich drauf. Blöderweise habe ich nun aber vergessen, was mir vor einem Augenblick brillant erschien. Aus meinem Mund klingt es wie „Örmmäh“, also im Wesentlichen ganz genau so wie der Versuch, einen schweren Schrank über morsches Parkett zu schieben.
– Ich glaube, er ist ein bisschen dumm. Was denken Sie, Reggie?
– Ich kann sie übrigens hören! rufe ich den beiden zu.
– Halt die Fresse, ich muss um Dreie auf Schicht! ermahnt es von einer fernen Ecke des Hofes.
Der Fuchs zieht verächtlich eine Braue nach oben und empfiehlt sich. Der Vogel lacht mich mitleidig aus, hebt ab, und wird ebenfalls ganz und gar Finsternis.
– Vielleicht geht es darum, dankbar zu sein? brummt der Kühlschrank, als ich wieder reinkomme.
Der Hof ist nun still, nachdem eine Frau ihren Gott, oh mein Gott, oh mein Gott, Ronny! dazu gebracht hat, nicht aufzuhören, bis sie soweit war, von selbst aufhören zu wollen.
– Dankbar? Wofür?
– Nicht wissen zu können, was kommt? Ich will mir gar nicht ausmalen, was das bedeutet. Man würde ja nie etwas beginnen. Denn wenn man weiß, dass etwas gelingt, könnte man sogleich damit aufhören, denn es steht schon als getan fest.
– Die Leute würden sowieso nur nach den Lottozahlen schauen. Oder Bundesliga.
– Oh ja. Bundesliga. Nach was würden Sie denn schauen?
– Danach, wie dieser Text ausgeht.
– Hm. Das wäre in der Tat spannend zu wissen. Aber was weiß ich schon?
Für einen Kühlschrank ist er manchmal schon recht clever. Aber das sage ich ihm lieber erst einmal noch nicht. Wer weiß, was morgen dann mit ihm wäre.
Zwei alte Frauen schimpfen auf dem Friedhof über eine Dritte. Irgendeine Brigitte hat irgendeine Renate über irgendeine Christa belogen. Wie damals der alte Hans gestorben ist, habe sie, Christa, sich um ihn gekümmert. Besucht. Morphium gegeben. Mit der Pflegekasse gestritten. Als Hans auf die Zielgerade einschwenkte, saß sie bei ihm am Bett und hielt seine Hand. Brigitte hingegen stand am Kopfende und hatte wohl wenig Lust auf diesen Termin. War wohl nix für ihre zarten Nerven.
— ...und dann erzählt die doch der Renate, dass sie am Bett gesessen habe!
— Nein!
— Doch! Und die Hand vom Hans gehalten hat!
— Das ist frech!
— Am allerschlimmsten war aber, dass sie gesagt hat, dass ich am Kopfende gestanden habe. Das muss du dir Mal vorstellen! Ich! Am Kopfende!
— Da hört sich ja alles auf! Wie kommt die nur dazu, sowas zu behaupten! Du, am Kopfende!
— Ich weiß es doch auch nicht. Auf dem Friedhof war sie übrigens auch noch nie, glaube ich. Als ich sie einmal mitnehmen wollte, hatte sie angeblich Durchfall.
— Na, das ist ja sehr kommod!
— Die geht auch nicht mehr ans Telefon, wenn ich anrufe. Ach. Ach.
Ich habe eine GPS-Markierung für den Fall, dass mich jemand fragt, wo meine Leute liegen. Dachte bisher, dass das im Grunde der Goldstandard ist. Wieder was gelernt. Sogar beim Sterben kann man 'ne Menge falsch machen. Das passiert dem alten Hans kein zweites Mal. Versprochen.
Der Kater hat sich mit einem lockeren Sprung für meinen Schreibtisch entschieden. Diskussion zwecklos. Nehme dienstfertig sein Diktat auf. Geschichten über Geheimnisse, Jagd und Kampf. Katzen kennen weder Zweifel noch Niederlagen. Lassen uns die Drecksarbeit machen. Geben uns das Gefühl, alles wäre unsere Idee. Als Dankeschön.
Das alles sollte ich eigentlich niemandem erzählen. Aber wer würde mir schon abnehmen, dass ich das alles von einem Kater weiß? Eben.
– Als Vogel. Oder als Katze.
Verdammt schnelle Antwort. Die meisten überlegen erst eine Weile und halten mich dann für verrückt. Als was willst du wiedergeboren werden? Was ist daran so ungewöhnlich?
– Was nun? Vogel? Oder Katze?
– Katzen sind elegant und leben länger. Vögel haben den besseren Ausblick.
– Logisch.
– Und du?
Der Sonntagnachmittag ist einfach zu schön. Ich verkrieche mich hinter einem feigen Keine Ahnung. Die Welt ist verrückt. Mir reicht die eine Runde. Habe ein Glaskinn, das hier ist nichts für mich auf Dauer. Irgendwann ist es vorbei. Gut so. Hoffentlich endgültig. Behalte das aber für mich. Die Vögel singen gerade so schön im nassen Sonnenlicht.
Später bedankt sie sich bei mir, dass ich sie liebe. Als ob sich die Luft bedanken müsste, weil ich sie atme. Wenn du wüsstest, Baby. Wenn du wüsstest.
Im Keller, wo die Poststelle jeden Tag gegen Geplapper aus Papier kämpft, steht Erika. Der Krebs hat ihr die Haare vom Kopf gefressen. Die Chemo sie sowas ähnliches wie gerettet. Unsere Bosse füttern sie mit Krümeln, damit sie nicht verhungert – noch nicht. Dafür schmeißt sie sich nebenbei noch als Beauftragte für die Behinderten ins Feuer. Die wiederum arbeiten in den Büros und schauen sie nicht mal mit dem Hintern an. Wie alle anderen auch.
Erika pinselt sich dicke braune Balken auf die Stirn. Kriegsbemalung. Augenbrauen waren gestern. Sie findet das gut. Dinge gehen nicht verloren, nur woanders hin. Haare gehören dazu. Hat nicht aufgegeben, steht immer noch. Lässt sich von keinem dumm kommen. Scheißt den Paketfahrer zusammen, der letzte Woche zu faul war, seinen Kram bei ihr abzuladen. Deshalb schuftet sie heute doppelt so viel.
Wenn du so weit unten stehst, gibt's nur eine Wahrheit: Der Teufel kennt deinen Namen. Und wenn er dich noch ’ne Weile quälen will, lässt er dich einfach hier. Die Poststelle ist im Keller. Tiefer geht’s nicht. Aber du hast die Wahl. Liegenbleiben? Aufstehen? Immer wieder? Wie oft noch?
Auf dem Weg zur Schicht sehen für Erika die Sterne immer wie in den Himmel gespuckt aus. Seltsam. Früher waren das Bilder und Geschichten. Damals, als die Geschichte noch auf der richtigen Seite war. Auf der Straße prügeln sich drei Krähen um zwei halbverdaute Burger. Im Radio singt eine Band, die nur aus blinden Gospelsängern besteht. Ein Schritt – und der Truck erledigt den Rest. Aber du hast die Wahl.
Immer wieder
der schwarze Hund.
Hechelt mir hinterher
tagelang,
wochenlang,
steht mir im Weg
sperrt mich ins Dunkel.
Dort kann niemand
etwas tun,
das es nicht
noch schlimmer macht.
Medizin wird Gift.
Gift wird Freund.
Drecksvieh.
Früher habe ich
gesoffen
doch das Bellen
wurde trotzdem
nicht leiser.
Nur gedämpfter.
Spare mir das jetzt und
renne durch die Welt.
Hält den Köter
auf Abstand.
Unterwegs entwerfe ich Plots,
so gut, ich
werde sie niemals
schreiben können.
Oder Stories,
die außer mir
keiner versteht.
Egal.
Bin ein Verrückter,
eingesperrt in die Gummizelle
des eigenen Kopfs und
kichere über meine eigenen
Witze
auf der Fahrt
in den Wahnsinn.
Bin danach komplett leer
richtig hohl,
ein Schwarzes Loch,
immer hungrig,
immer gierig,
immer auf der Suche nach Opfern,
die zu nahe kommen.
Zu fertig
für den schwarzen Hund,
das Drecksvieh,
die Depression,
den Zweifel,
die Angst vor dem
was in meinem Kopf
zur Matinee läuft.
Systeme im Neustart.
Ich schicke ihm
ein Gedicht
von Bukowski
über André the Giant:
(…) In Paris | hatte er gerungen mit dem | Engel des Todes. | Dieser Gegner ließ | nicht mit sich | reden.
Zwei Smileys
mit Sonnenbrille
hat er dafür übrig
und haut hinterher
noch 'ne leere
Hülse
über seine Fußballmannschaft raus.
Das Ding ist völlig
über ihn
hinweg geflogen.
Geräuschlos
wie ein leerer Blick,
ohne Leuchten
ohne Luftzug.
Die Staubkörner
auf seiner Seele:
bewegungslos.
Aber daran
erkennt man vielleicht
Freunde:
Dass man
jedes Mal hofft,
im Stillen,
eine der geschmissenen Perlen
schimmert stark genug
im trüben
Schweineschlamm.
Ich suche weiter.
Ich werfe weiter.
Da lasse ich
nicht
mit mir reden.
Aufblende: Nachmittag. Eine Bar. Der Besitzer hat den zwei letzten Stammgästen aufgeschlossen. Sonst schaut hier so gut wie niemand mehr rein. Beide sitzen am Tresen. Irgendwie ist wieder einmal die Kacke am dampfen.
– ...eigentlich wollte ich heute Home Office machen. Aber die Katze lag schon so gemütlich auf dem Schreibtisch. Habe es nicht über's Herz gebracht, sie zu vertreiben.
– Verstehe. Aber die ganze Sache ist hier ein bisschen aus dem Ruder gelaufen.
– Der Prophet Mohammed hat sich sogar den Ärmel von der Kutte geschnitten, weil da drin ein kleines Kätzchen seinen Mittagsschlaf gehalten hat. Er wollte es nicht wecken. So ein Ding ist das nämlich.
– Ist klar Jay. Wenn's um Katzen geht, rennst du bei mir offene Türen ein. Trotzdem: Wir müssen das irgendwie reparieren. So kann es nicht bleiben.
– Ich schwöre, als ich es durchgerechnet habe, sah das alles gut aus. Keine Ahnung, wie das so kippen konnte!
– Die Variablen waren am Anfang ja noch ganz anders belegt. Du hast mit zwei Einheiten begonnen. Jetzt sind wir bei acht Milliarden, Tendenz steigend. Ist ein ganz schönes Stück Strecke. Dumm nur, dass das nicht skaliert.
– Zu viele Herzen für zu wenig Liebe.
– Plus Katzen. Die musst du auch noch dazu zählen.
– Wie wäre es mit einem Reset? Alles nochmal neu machen? Bisschen mehr auf Balance achten?
– Ich dachte dieses Ding mit Regen für 40 Tage und Nächte willst du nicht mehr durchziehen? Außerdem würden dir die Katzen was husten.
Die Tür geht auf und herein kommt der Dichter von nebenan. Er setzt sich in die Ecke. Will seine Ruhe, am besten eine ganze Flasche davon.
– Manchmal muss man einfach handeln.
– Einfach ist keine Qualität an sich, Jay. Hey, Kischka! Du kennst dich doch damit aus: Wie bekommen wir die Liebe der Welt gleichmäßiger verteilt?
– Der Dichter lacht bitter. Da fragt ihr den Richtigen. Was weiß ich. Hab damit nix am Hut.
– Aber die Leute halten dich für 'nen prima Kerl. Einer, der immer ein offenes Ohr hat. Den man ansprechen kann. Der immer eine Lösung weiß.
– Die Leute haben keine Ahnung. Ich helfe denen nicht, schon gar nicht aus Liebe. Wüsste auch nicht, was das eigentlich ist. Gebe ihnen nur etwas, damit sie verschwinden. Wenn sie es dann nicht noch schlimmer machen, war's ein guter Tag. Liebe. Phh. Hab ja kaum für mich genug von dem Zeug.
– Aber ich habe es durchgerechnet! Es hätte passen müssen!
– Du warst das? Du hast das verbockt? Na vielen Dank auch.
Kischka steht auf, tritt Jay den Barhocker unterm Hintern weg, schleift ihn hinter die Bar und teilt ordentlich aus. Als er zurück kommt, schnauft er schwer und ordnet seine Klamotten. In der Zwischenzeit ist ein Streuner in die Bar gehuscht und stolziert über den Tresen.
– Hast du was von ihm übrig gelassen?
– Klaro. Bin ja kein Sadist. Musste aber Mal sein. Am Anfang war vielleicht das Wort. Aber jetzt hat er hoffentlich gut zugehört. Sonst müssen sich meine Fäuste nochmal wiederholen.
– Jay ist kein schlechter Kerl.
– Aber ein Trottel. Wer zum Henker baut eine Welt, in der es Krebsstationen für Kinder braucht.
– Das habe ich auch nie verstanden.
– Katzen und Liebe hin oder her – das ist keine Welt, sondern Sabotage. Ein schlechter Streich. Die Tüte voller Hundekacke brennt und wir Idioten trampeln drauf rum.
Der Barkeeper fragt, ob es noch was sein darf. Kischka bestellt drei Bier und ein Schälchen Milch für den Streuner. Jay kommt zurück mit einem Gesicht wie verwischte Kreide, setzt sich dazu. Kischka schiebt ihm eine Flasche rüber. Abblende.
Es ist niemals richtig hell geworden. Als wäre das Universum in die Kloschüssel gefallen und jemand hätte den Deckel draufgeknallt. Alle Mann an Bord, bereit zum Runterspülen. Anders lässt sich das nicht erklären. Da suchen Wissenschaftler nach dunkler Materie, die keiner sehen kann, die dich in tausend Stücke zerfetzt, wenn du zu nah ran gehst, nach irgendeinem Schmant, der das Ganze zusammenhält. Und dann stellt sich raus, dass es diese graue Pampe ist.
„Wir leben in einer riesigen Sülze“, sage ich ihr. „Halten uns für die Krone der Schöpfung, damit wir uns in all der Scheiße nicht langweilen. Baby, wenn es wirklich dunkle Materie geben sollte, dann in uns.“
Genervt bläst sie den letzten Qualm ihres Joints raus und schnippt den Stummel aus dem Fenster. Ich kann fast hören, wie sie die Augen verdreht.
– Geh zum Arzt und lass dir die Zündkerzen auswechseln. Das Gequatsche erträgt man ja nicht mehr. Oder schreib’s auf. Je nachdem, was dich unglücklicher macht.
– Baby, ich bin Künstler. Da gehört eine gepflegte Meise zur Grundausstattung. Hättest du 'nen Immobilientypen bekommen, wärst du jetzt irgendwo am Meer und wüsstest nicht, ob dein Stecher segelt oder seine Sekretärin pimpert. Haste aber nicht. Deshalb haben wir zwei heut Abend Gottesdienst auf der Matte gefeiert. Bei mir kannst du dir sicher sein, dass ich den einzigen Menschen, den ich aushalte, nicht bescheißen würde. Das ist so 'ne universelle Konstante.
– Universelle Konstante? Ich sehe dich hier nur abhängen. Von den alten Zeiten schwärmen, Kopf im Sand, Arsch hoch. Bist du mein Vogel Strauß?
– Was hast du gegen Strauße?
– Nichts. Sind halt keine echten Vögel. So wie du. Nur pro forma Künstler. Wer nicht fliegen kann, ist nur ein fettes Schwein mit Federn.
– ...aber hat auch große Eier. Kann ich mit leben, Baby. Bring mir einfach noch ein Bier mit.
Als sie mit ihren kleinen nackten Füßen über den Boden tänzelt und den Plattenspieler anstößt, springt die Nadel vom Brabbelgesang eines Schamanen auf die unerträglich zuversichtliche Melancholie eines dudelnden Akkordeons. Keine Ahnung, was das für eine Platte ist.
Statt Bier bringt sie mir einen Wein. Am Glas kleben noch Reste von Lippenstift und Haferflocken. Was soll’s. Liebe geht durch den Magen.
Ich gehe ans Fenster und blicke in den Hinterhof. Zwei Katzen balgen sich um ihren Lieblingspissfleck. Oder einen toten Vogel. Aus der Mietskaserne gegenüber winkt mir vom Balkon ein Sonnenschirm zu. Wenigstens einer, der noch nutzloser ist als ich.
Es wird langsam dunkel.
Gott sei Dank.
...und manchmal
schenkt uns der große
Regenmacher
diese Tage, aus reiner
Lüge.
Das Gras? Zu grün.
Der Wind? Zu weich.
Die Straßen? Leer wie die
Versprechen
von Abenteuer
für die Kids
im Hinterhof.
Scheißegal:
Mülltonnen zu Ritterburgen!
Teppichstangen zu Weltmeisterstadien!
Elfe-Zwölfe, Gummipille,
Tor mit Kopp
zählt doppelt.
Triumphale Knie,
blutig,
dreckig,
geht schon noch.
Heimlicher Qualm
Zigaretten geklaut,
in Comics versteckt
durch Pfeffis zerlutscht
geht das noch?
Im Kino
der Duft ihrer
Haut so ungeküsst und
ehrlich und Sperrgebiet
für deine Pfoten – heute.
Tollkühne Männer
zur See,
im All,
im Sherwood Forest,
echte Helden,
falsche Wimpern.
Als hätte es das alles
nie gegeben:
Enttäuschung und Hass,
Pflichten und Schnaps,
das Heulen und Knallen,
die Großen, die Alten,
mit Händen als Fäuste.
An den falschen Stellen.
Eine Nasenflöte kommt vorbei,
spielt die schönste
Symphonie
so wunderbar,
dass sogar die schwarzen Hunde
vergessen dass wir ihre
dreckige Beute sind.
Dahinter ein Schimpanse
mit Brille und 'nem Ausweis
von der Südsee –
Botschafter für Grimassen
und Sehnsucht auf der
Suche nach uns.
Und wenn es morgen
wieder Sorgen regnet,
können doch alle
über heute sagen:
Wir haben gelebt.
Wie Götter,
die Kinder sein durften.
Ganz.
Kurz.
Und keiner hat's
bemerkt.
Die knallenden Türen sangen das Gute-Nacht-Lied vom Einschluss. Das Gemurmel in den Zellen verwelkte, bis nur noch halbtote Stille blieb. Die letzten Fetzen Helligkeit retteten sich durchs Fenster. Im Gegensatz zu den täglich angeschwemmten Besuchern war das Licht nicht angekettet an diesen Sarg aus Gittern und Backstein, in dem sich echte Menschen durch den Kalender faulten, umschwirrt von Hoffnung wie störende Obstfliegen. Aber es würde wie sie morgen wiederkommen.
„…so bitte ich euch zu verstehen, dass das keine Entscheidung gegen euch ist. Nur keine für euch. Alles Gute. Ich hoffe, Ihr versteht das. Seid mir nicht allzu böse.“
Fünf Seiten. Wieder zu viel. Jedes Wort ein Stück Fleisch aus seinem Körper und bald war nichts mehr übrig. Aber Pip plapperte jedes Mal drauf los, wenn er unter Stress stand und das hier war Druck der Sorte „20000 Meilen unter dem Meer“. Egal, ob er sprach oder schrieb, am Ende war er völlig leer.
Pip bewunderte jene Leute, die mit ihren Anliegen bei ihm aufschlugen, zwei Sätze auf den Schreibtisch knallten, sich umdrehten und ihn zusammen mit dem dampfenden Haufen ihrer Forderung zurückließen. Ihm saß die Furcht im Nacken, dass jeder im Raum alles falsch verstünde, falls er seine Sachen nicht wenigstens vom Urknall her aufdröselte. Erst wenn es die dümmste Fliege im Zimmer verstanden hatte, fand er, dass genug gesagt war.
Diesem kurzen Moment des Durchatmens folgte zuverlässig ein würgender Ekel. Vor sich selbst. Er war sicher keiner dieser selbstverliebten Schwätzer. Ihm fehlten einfach nur die Antennen, um das Ende zu erkennen, wenn es da war oder sich anbot.
Er war überrascht, wie leicht ihm alles fiel. Ein Knoten. Ein Seil. Als am nächsten Morgen die Sonne aufging und den Eingesperrten damit das Signal für eine weitere Kerbe im Bettpfosten gab, war Pip nicht mehr da. Keiner wusste, wie er es angestellt hatte. Aber er war nun in Freiheit, um die echte Strafe anzutreten.
Auch in dieser Woche wurde es Sonntag und wie jeden Sonntag rumpeln wir rüber zu Oma in die Vorstadtsiedlung. Schlünz und Latte werden sich morgen in der Schule bestimmt wieder einen ablachen, weil sie im Wald an unserer Bude weiterbauen, während ich hier mit Vater und Vivi in der Bimmel sitze und der ultimativen Langeweile entgegen zuckele.
Ganz nebenbei: Wer kleine Schwestern erfunden hat, dem gehört mit Anlauf in den Arsch getreten. Wie man so verpeilt sein kann, geht mir nicht in den Kopp. Andauernd sind wir zu spät und Oma bekommt regelmäßig ‘nen Koller. Wenn die Glocke zu Mittag schlägt, haben wir an der Tür zu klopfen – So will es ihr Gesetz. Und wehe, er vergisst das Päckchen Bohnenkaffee als Geschenk. Dann ist Party bei Großmutter Eisfee. Ohne Schlitten und Schnee.
„Meusdorf“ – Wie das schon klingt. Ist so gesehen nur ein anderes Wort für „Arsch der Welt“. Alle verrückt hier. Jedesmal wenn wir hier aussteigen, kommt ein alter Mann und setzt sich an die Haltestelle auf der anderen Straßenseite – obwohl hier seit Jahren kein Bus mehr hält. Der hockt dann da wie ein Uhu und glotzt den Leuten nach. Schlünz meinte, dass das bestimmt ein Präverser ist. Keine Ahnung, was er damit meint. Aber man muss bei ihm nicht alles ernst nehmen. Seit drei Jahren im Boxverein. Hat wahrscheinlich zu oft gescheppert da oben.
„Vivi!“
Mein Alter wird laut – das ist neu. Die Bahn startet und meine kleine Krötenschwester winkt. Uns. Aus der Bahn. Es ist ein paar Minuten vor Mittag und für einen Moment überlegt er, was schwerer wiegt: Pünktlichkeit oder Vollzähligkeit. Mit einem kurzen „Warte da drüben!“ schickt er mich in die Bushaltestelle und sprintet der Bahn hinterher.
Ich setze mich an den äußersten Rand der Bank. Ob man sich bei einem Präversen mit irgendwas anstecken kann, weiß ich nicht, aber ich bleibe auf Abstand. Sicher ist sicher. „Tach“, sage ich. Der alte Mann schaut rüber und auch irgendwie nicht. Aber er nickt. Es ist so still wie im Musikunterricht, wenn gefragt wird, wer heute vorne beim Lehrer ein Lied singen will. Echt eklig.
„Mein Vater kommt gleich wieder.“
Der Alte nickt wieder, dreht sich diesmal aber zu mir um.
„Ich sehe sie immer hier, wenn wir Oma besuchen. Aber sie warten doch nicht auf den Bus?“
Kopfschütteln. Wenigstens etwas.
„Ich bin Alex.“
In der Schule sagen sie ständig, dass wir uns nicht von Fremden ansprechen lassen sollen. Von andersrum haben sie nix gesagt.
„König…“
„Ok, Herr König. Und was machen sie hier?“
„Nicht Herr König. König… Namenlos.“
Wir hatten mal eine Lehrerin namens Unbekannt. Wahrscheinlich hatte sie nur geheiratet, weil ihr unsere Witze nicht geschmeckt haben. Für „Auf ihrer Geburtstagstorte stand: ‚Alles Gute, Keine Ahnung wie sie heißt!‘“ habe ich einmal einen Schriftlichen kassiert. Aber der war’s wert. Namenlos. Ist die selbe Liga.
„Wie wird man das eigentlich, eine Majestät?“
„Mit ganz viel Pech“, antwortete er. Latte hat mal die Freundin seines großen Bruders im Bad überrascht. Nackich! Er musste ihm bei Todesstrafe und Puddingbuße schwören, dass er darüber die Klappe hält. Konnte er natürlich nicht. Kurz bevor es aus ihm herausplatzte, was das für ein Brett war, hat er genauso ein Gesicht gemacht.
„Klingt doch erstmal gar nicht so übel, oder? King Alex der Erste? Alles klar, let’s go! Als erstes würde ich die Schule abschaffen. Danach kleine Schwestern. Und…“
„Sei still. Mit diesem Amt, dieser Bürde, bist du der größte Verlierer von allen. Erstens machst du alles falsch. Zweitens: Wenn du etwas falsch machst, sind die Fehler stets riesig und bitter. Du kannst dir nicht vorstellen, was das manchmal für Folgen hat. Sei froh, dass du noch ein Kind bist.“
Ich musste an jemanden denken, der gerade der Linie 15 hinterher hechelt. Klarer Fall: Auf diesem Level reinscheißen ist besonders fett.
„Was ist denn da schief gegangen? Namenlos – Normalerweise heißt ihr doch Friedrich, Wilhelm, Olaf oder so.“
„Eines Tages“, begann er zu märchenonkeln, „ergab sich mir die Gelegenheit, einen beträchtlichen Schatz zu erringen. Ich musste nur einen befreundeten Grafen in dem Glauben lassen, dass seine Generale mit Freude ihre Leben für seine Pläne geben wollten. Das waren sie aber nicht, denn sie dienten schon seit einiger Zeit in meiner Armee. Ohne dass er davon wusste.“
„Mieses Ding, echt mal.“
„Dummerweise hatte mich der Zauberer des Grafen durchschaut und bestraft. Er stahl mir meine Kinder.“
„Was hat er mit ihnen gemacht? Eingesperrt oder in Tiere verwandelt?“
„Schlimmer. Er vergiftete ihren Blick, dass sie mich nicht mehr erkannten und mich am liebsten wie eine Pestratte ersäuft hätten.“
Ich musterte den Alten genauer. Das Haar kämpfte wie wild mit einem speckigen Opa-Hut um Sonnenlicht. Seine Hosenbeine waren voller Staub und die Schuhe voller Löcher. Vom Geruch ganz zu schweigen. Da hatte der Zauberer nicht allzu viel zu tun gehabt.
„Und er verfluchte mich. Ich durfte ihnen von da an nur mehr aus der Ferne zusehen. Hätte ich mich ihnen offenbart, wären sie vor meinen Augen gestorben. Und wenn sie mich je angesprochen oder berührt hätten, wäre ich zum nächsten Vollmond ein Stein geworden.“
„Ich denke, das ist noch mieser. Dann sind ihre Kinder ohne Eltern groß geworden?“
„Sie sind ohne mich groß geworden. Bei dem Grafen, den ich zu betrügen gedacht hatte.“
„Was? Das wird ja immer ätzender! Und wie lange geht das noch so weiter?“
„Ewig. So sehr ich mich bemühe und mich vor ihm in den Schmutz werfe, der Zauberer lässt nicht mit sich reden. So bleibt mir nur ein Blick aus der Ferne und das Wissen, dass es sie gibt.“
„Klar, das kann ihnen der Zauberer nicht nehmen. Will er vielleicht auch nicht. Macht ja die Strafe nur noch fieser.“
Während die Glocken läuten, kommen Vater und Vivi zurück. Er sieht aus, als hätten ihn die Komantschen in die Finger gekriegt und zwei Wochen am Pfahl stehen lassen. Sie ist wie immer damit beschäftigt, eine kleine Schwester zu sein und spielt mit einer Pusteblume als ob sie das alles nichts angeht. Naja. Muss es nicht unbedingt. Trotzdem: Arschtritt. Kann nicht schaden.
„Danke, dass sie ein Auge auf den Jungen geworfen haben, Herr…“
„König“, antworte ich. Der alte Mann nickt, lächelt und wischt sich schniefend mit der Hand im Gesicht herum. Ich will ihm ein Taschentuch geben, aber darin hat sich seit vorgestern ein Bonbon aufgelöst. Das kann man höchstens noch als Aufkleber benutzen, wenn man seine Popel auf der Rückseite für etwas besonders tolles hält. Wäre sicher ein Mordsspaß. Aber nicht hier. Seine Hoheit hat keine Lacher mehr in der stinkenden Jacke. Lohnt nicht. Schmeiß’ ich morgen Latte in den Ranzen. Haben wir alle was davon.
„Nett, der Typ“, meint Vater, als wir uns auf den Weg machen. „Ganz in Ordnung“, murmle ich. Die Glocke war für heute fertig. Überall riecht es nach Mittagessen. Mich überkommt ein seltsames Würgen. Als ich mich umdrehe, ist die Bank leer. Und blieb es. „Moment: Wo ist der Kaffee?!“. Zweimal laut geworden und der Tag ist noch nicht vorbei. Neuer Rekord. Vivi kichert. Wir wünschen dem Päckchen eine gute Reise durch die Stadt und richten uns auf ein Mittagessen in der Hölle ein.
Das Schweigen in der Küche quoll in jeden Winkel, bis alles nur noch aus Stille bestand. Unsere Blicke wurden sich schnell einig: Hier war eine Erklärung fällig. Aber Mutter versteckte sich vor unseren Blicken länger als gewöhnlich hinter ihrem Kaffee. Die Sache stank.
„Ab morgen habt ihr keinen Vater mehr“, hatte sie gerade zusammen mit einer bissigen Qualmwolke über den Frühstückstisch geblasen. Teddy und ich hofften, dass der jeweils andere wenigstens zur Hälfte begriffen hatte, was hier gerade passiert war. Fehlanzeige. Jetzt breitete sich dieser Satz wie eine Pfütze saurer Milch auf der Tischdecke aus. Zwischen ihr und uns lagen plötzlich nicht nur kalter Speck, verbrannter Toast und danebengegangene Asche, sondern ein ganzer Kontinent voller Fragen. Kein Columbus in Sicht, der für uns die Überfahrt wagte und mit Antworten zurückkehrte.
„Ich habe den Honig vergessen – will jemand was? Will jemand Honig? Soll ich Honig holen?“, kämpfte ihre Stimme gegen das Schweigen und unsere fragenden Blicke an. Teddy kam als Erster wieder zu sich. „Was?“, fragte er. Ich hätte es auch nicht besser gekonnt. Sie stand auf, knallte die leere Tasse auf den Tisch. Ich erschrak.
Als sie mit dem Honig in der Hand und einer frischen Zigarette im Mund zurückkam, stemmte sie ihre Fäuste auf den Tisch und beugte sich zu uns herunter. Unter der Lampe sah sie aus wie ein Detective, der einen Verdächtigen verhört. „Was hast du nicht verstanden?“
Teddy schluckte, dass man es bis ins Nachbarhaus hörte. Ich bekam keinen Ton raus, aber er riss sich zusammen: „Was ist ein Vater?“