Mikrobi

Klagefall & Texas-Jim & Hulot

Liste der Blogbeiträge

Taveuni (Fidschi), 20:59 Uhr

„Eine Maus. Im Gemüsefach. Auf der Butterdose als Sonnenliege.“

Losalini wiederholte den Gedanken. Ausgesprochen klang’s noch verrückter. Sie hasste das. Abweichungen. Ihr Ding waren Tage, an denen so wenig passierte, dass man sie nicht bemerkte. Aber dieses Grinsen! Und das kleine Handtuch aus Käse! Neben der letzten Milchflasche! Fauchend schmiss sie die Kühlschranktür zu und rannte zu Mere. Die hatte für alles eine Lösung.

Die Straßen waren leer, die Menschen seit Stunden alle fort. Mere genoss die neue Ruhe auf ihrer alten Mauer. „Das Leben ist nur so schwer, wie wir es uns gegenseitig machen“, sagte sie. Das war ihre Lösung für alles. Dann drehte sie Losalini den Rücken zu. „Außerdem bist du eine Katze. 9000 Jahre Evolution. Mach was draus. Abendessen zum Beispiel.“

Sie legte sich daneben. Beruhigt. Schnurrend. Mere hatte Recht: Maus im Bauch macht jede Ewigkeit erträglich.

Solitaire (Namibia), 21:00 Uhr

Gurirab dachte, das Bremsengekreisch des Sportwagens vor seinen rostigen Zapfsäulen war der Höhepunkt des Abends. Dann machte ihm der Fahrer ein Angebot.

– 10 Hühnereier?

– Für einen Lamborghini. Immerhin!

– Was stimmt damit nicht?

– Wie bitte?

– Ist der geklaut? Oder auf der Flucht vor der Bank?

– Nein, alles sauber. Bitteschön: Papiere. Schlüssel. Zehn Eier und er gehört dir.

– Das ist alles?

– Das ist alles. Aber wenn ich mir hier noch schnell ein Omelett brutzeln dürfte, wäre das echt eine christliche Tat, mein Bester.

Gurirab nickte, besah sich sein neues Auto, während der Fremde in die Küche ging.

– Hier liegt übrigens noch ein Laptop auf dem Beifahrersitz!

– Was zeigt er an?

– 12 Minuten. Ein Countdown oder so?

– Jeder Minute hat ihre eigene Plage. Aber wir ein letztes Omelett. Komm essen, Bruder.

Die Tage wurden nicht mehr länger. Die Sonne war schon zwei Stunden verschwunden.

Rowville (Australien), 21:01 Uhr

Das siebte Haus. Das letzte. Für heute. Vanillegelb wie Babykotze. Passte zum flachen Rest. Passte zu Barker.

Offene Balkontür. Glückstreffer. Rockford jubelte still. Barkers rotweingetünchtes Schnarchen zersägte selbstzufrieden die Abenddämmerung. Erzählte von einem erfolgreichen Menschen. Rockford wollte dazu gehören. Aber nicht so.

Er blickte zu Barkers Sessel. Mächtig fett geworden seit damals. Das Vorverdauen anderer Leute Herzblut auf der Hüfte. Rockford spuckte angewidert aus. Auflodern desselben Gedankens wie bei den sechs anderen Literaturkritikern: Zimmermannshammer. Stirn. Nur ein Schlag. Angenehme Vorstellung. Aber nicht seine Mission. Nicht heute.

Stattdessen schob er dem Schlafenden vorsichtig seinen Gedichtband in die Hände. So mussten sie endlich Notiz von ihm nehmen. Barker grunzte.

Entweder das – oder der Hammer. Leben oder nur überleben. Ihre Regeln. Ihre Absagebriefe. Zeit sie zu erinnern. Rockford dachte sich zu einem Riesen. Lächelte endlich glücklich. Verschwand.

Barker furzte. Alles beim Alten.

Lagos (Nigeria), 21:02 Uhr

Der Regisseur bestellte fünfzehn Mann ins kleine Studio. Wir: Ehrlicher Schweiß, verheiratet mit kaltem Kaffee, Kippen und ewiger Warterei. Gerichtsshow, Nachmittagsprogramm. Billige Massenproduktion. Lächerlicher Mindestlohn. Der alte Sack am Fenster singsangt seit Stunden über Hamlet. Wir seien eigentlich die Verrückten, nicht der Prinz: „Was uns leitet, weisstu, ist nicht Wahrheit, verstehste, nicht Liebe, nein. Sondern: Wahnsinn! Stimmt’s?“

Die Produktionsassistenz bellt „Setprobe!“ durch den Wandlautsprecher. Sollen „Saaltumult“ veranstalten. „Zu dritt?“, frage ich. Hört sie nicht. Der Regisseur übertobt alles. Will ein Großer sein. Ist beschissener dran als wir. Wir können gehen. Er nicht. Am Ende macht’s wohl ein Computer zu „Spartacus“.

War der Alte auch schon dabei. Sklave 424. Hat sich zu „sterben“ geweigert. Kubrick feuerte ihn. Erzählt er jedem, der es nicht hören will. Die Zukunft fragt nicht höflich. Sie prügelt die Vergangenheit ins Heute. Realität zum Mindestlohn. Meine Fresse.

Daheim (Hier), 21:03 Uhr

Die Krankheit meines Vater lässt ihn mich belügen. Höre es. Verstehe nichts.

Tick. Am Ende gibt es die Rechnung – Immer. Pendle zwischen Enttäuschung und Verständnis. Sehe uns im Spiegel. Zwei Seelen verbunden durch Frost. Beide frisst uns der Alkohol. Spüren sein Kauen und Schlucken. Warte auf seine „gute Erklärung“. Oder meinen Schlaf. Fürchte beides. Bin Robinsons Freitag. Der beinahe von seinen eigenen Leuten Gefressene. Davongekommen. Aber sicher?

Tack. Neun Wochen trocken. Gewesen. Vielleicht. 60 Tage. Das ungefilterte Leben überfiel einen Hilflosen. Der sich einem Kampf zu stellen hatte, dem er sein Leben lang geflohen ist. Ohne Trainer in der Ringecke, der ihn fit gemacht hat. Oder ein Handtuch werfen könnte. Als Rettungsring.

Tick. Draußen geht ihr Feuerwerk sogar auf die Dunkelheit los. Wolken zersplittern. Schnell und kurz. Unsere Wölfe heulen Aaaahhh. Lang und verlogen.

Wir beginnen wieder bei Null. Tack.

Dresden (Deutschland), 21:04 Uhr

Inquisitionsvorfreude. Zigarettenqualm. Eine Stimme deklamiert: „Skizze: »Die Reibungslosen«. Amtstermin. Mann spricht vor. Begehrt gut behütetes Erlaubnisformular, um wütend auf etwas sein zu dürfen. Vergebens. Er hungert sich durch alle Abteilungen. Jedesmal wird ein neuer Widersinn (Vokabel: „amtsgemäß“!) als Ablehnung erfunden. Der Mann, so das Amt, sei stets vollkommen im Unrecht. Am Ende: Eskalation. Epilog: Vollkommener Untergang des Amtes bereits beim ersten Angriff des Lebens (Randnotiz: Mir noch unklar, was das ist).“

Der Abteilungsleiter schließt mit einem hyänischen Blick über seinen goldenen Brillenrand und Beweisstück A: Der Zettel, den man in Kischkas Tisch gefunden haben will. Nun hatten sie ihn.

Klappern am Fenster. Für einen Moment denkt Kischka, es regnet. Doch es sind nur zwei Tauben auf dem Fensterblech, die füreinander tanzen. Plötzlich begreift er. Die Anklage hatte er da schon vergessen.

(Das Urteil: Schädelaufbohrung des K. zwecks Rückgewinnung von Arbeitszeit.)

Wien (Österreich), 21:05 Uhr

Sie warteten mit ihrem Spaziergang, bis der Tag sie zu unsichtbaren Schritten machte. Herbstgrau ertrug man im Dunkeln leichter.

Friedhof der Namenlosen. Nirgends fühlten sie sich mehr zum Weitermachen verurteilt. Draußen gab's nur anderer Leute Ratschläge und Hoffnungen. Gut gemeint. Unmöglich zu leben.

Dunstiges Mondlicht über seinem leeren Grab. Sie kennen die Zahlen auf dem unsichtbaren Stein. Das erste Datum war ihr beider größtes Glück. Das zweite hätten sie nie erfahren sollen.

Sie wollten ja lernen zu akzeptieren, weil sie sich vor der Alternative fürchteten, wenn sie es nicht könnten. Vielleicht würde ja morgen aus Warum? wieder eine normale Frage. Vielleicht geriet ja wenigstens die Zeit wieder in Bewegung.

Kichernde Hunde-Besitzerinnen. Dumpfe Musik. Feierabendverkehr. Alles hinter dem Zaun. Dort schien dieses Leben zu sein, von dem alle immer redeten. Draußen. In der Anderswelt.

Morgen.
Vielleicht ja auch bloß ein Datum.

Siedlungsgebiet der Ewenken (Russland), 21:06 Uhr

Man hatte Oleg ein Forscherblockhaus in den Ozean aus Bäumen gezimmert. Schiss man hier dreimal an dieselbe Stelle, gehörte einem ganz Sibirien. Damit übertrumpfte er den Schamanen-Hokuspokus der vergessenen Ureinwohner und krönte sich selbst zum Zaren über das Waldnachtgemurmel.

Manchmal war das Funkgerät von schnaufenden Geräuschen beseelt. Nichts Ungewöhnliches im Gebiet des Tunguska-Kraters. Genau dann sah er aber auch, wie die Vögel von ihm Notiz nahmen. Sie beobachteten genau, was er trieb. Er war seit drei Monaten hier und hatte keine Erklärung dafür.

Eines Abends reichte es Oleg. Er brüllte die Vögel an, nannte sie arrogant. Erwartete ernsthaft eine Entschuldigung. Sie schauten ihn nur an. Dann wieder das Schnaufen – alle hörten es. Nur Oleg nicht. Es packte und zerlegte ihn. Während die Vögel aufpickten, was die Bärengestalt der Natur übrig gelassen hatte, verschwand dieser Geist lautlos ins stumme Schneedunkel.

Concepción (Chile), 21:07 Uhr

Kurz bevor Ennios Lebensfilm abriss, sah er seinen einzigen Erfolg: Die Erfindung des Klassenbuchs.

Früher schmierten die Lehrer seine Verfehlungen in ranzige Kladden. War unkonzentriert! Träumte! stand da. Auf dem Zeugnis: Mangelnder Ehrgeiz. Kann mehr, wenn er nur will!

Doch das war damit Geschichte. Fortan hielt jeder die gerechte Empörung über das fehlerhafte Schülerpack angemessen fest. Den amtlich niedergeschriebenen Selektionsbeschlüssen verlieh seine Erfindung heilige Würde, echtes Gewicht.

Und dann war da noch diese eine Hoffnung.

Sobald Jesus die Menschheit zum jüngsten Gericht rufen würde, läge Ennios Klassenbuch vor ihm. Sein HErr würde aufblicken, vielleicht sogar freundschaftlich lächeln und ihm die goldene Eins geben. Ennio hätte es dann endlich allen recht gemacht. Die richtige Seite gewählt. Das allein zählte.

Er freute sich aufs Sterben. Seinen Bonus beim großen Lehrer. Darauf kam es ihm an. Mangelnder Ehrgeiz. Pah.

Hauptsache, kein Opfer mehr.

Landskrona (Schweden), 21:08 Uhr

Zu fünft waren die Schnecken gestartet. Terezia kam als einzige durch. Jede hätte ihre eigene Blumenkohlpflanze bekommen. Aber so ist das Leben, dachte sie. Ein richtiges Festessen!

Das dachte sich auch Igel Öberg, als er beherzt in die Schnecke biss. Zufrieden schmatzte er im Mondlicht. Mit vollem Bauch machte das Leben wieder Sinn.

Eugen, der Mähroboter, dachte nichts, als er Herrn Öberg zersäbelte. Der rollte sich zwar noch schnell ein, aber das führte zu keinem Innehalten des Programmablaufs. Igelblutig holperte er Richtung Ladestation.

Noch 30 Minuten bis die Gäste kommen! dachte Felix zufrieden. Im Gehen steckte er sein Smartphone wieder ein und wollte schnell noch etwas Blumenkohl holen, als er Eugen übersah, stolperte, unglücklich mit der Schläfe auf den Grill knallte und sofort tot war.

Die Glut der umgestoßenen Holzkohlen fraß seine Laube. Dann verspeiste das Feuer die ganze Kleingartenkolonie.