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Kairo (Ägypten), 21:09 Uhr

„…vielen Dank für Ihre Initiativbewerbung. Ihr kundenorientierter Fokus, die Mehrarbeitsbereitschaft und dass es Ihnen wichtig ist, dass die Menschen, nachdem sie Sie getroffen haben, immer etwas glücklicher sind, als zuvor, deckt sich mit unseren Grundwerten. Teamfähige, hilfsbereite und umsichtige Mitarbeitende sind uns stets willkommen.

Der von Ihnen erwähnte Praktikumsabbruch im Schlachthof aus emotionalen und Tierwohlgründen begründete plausibel Ihren beruflichen Neuorientierungswunsch. Seien Sie versichert, dass dies keinen Hinderungsgrund darstellt, ganz im Gegenteil. Für Unmenschen ist bei uns kein Platz.

Leider sehen wir uns jedoch aus Kapazitätsgründen derzeit nicht in der Lage, Ihnen die Ihrerseits angestrebte Ausbildungsstelle als Henker anbieten zu können. Lassen Sie sich dadurch aber nicht abschrecken! Gerne kommen wir wieder auf Sie zurück, wenn sich die wirtschaftliche Lage entsprechend ändert.

Mit freundlichen Grüßen…“

Die Treppenhausbeleuchtung erlosch. Ahmed hatte genug gelesen. Morgen also wieder Kindergärtner. Der Alptraum wollte nicht enden.

Raumstation Ritter 23 (nähe Saturn), 21:10 Uhr

„Das brachte mir mein Vater bei.“

Ihre Antwort darauf, woher sie etwas weiß. Ein Satz wie ein Echo. Wie oft hatte Kay ihm das auf seine Frage entgegnet?

„Wie viele Sterne gibt es denn nun?“

Ticky zupfte ihr am Hosenbein und holte sie aus ihren Gedanken zurück.

„Das weiß niemand. Sie kommen, leuchten, sterben. Ein Menschenleben ist zu kurz, sie alle zu zählen.“

„Aber Stitchson müsste es doch wissen, oder?“

„Stitchson ist eine KI, die berichtet, was war. Aber nicht wissen kann, was sein wird. Genauso wie ich. Bleibt kaum noch Zeit dafür, mein Junge.“

Ticky schaute traurig aus dem Fenster. „Was wird denn aus mir, wenn du nicht mehr da bist?“

„Ein Geschichtenerzähler. Vertrau mir. Das brauchen die Menschen.“

Dann betrachteten beide weiter den kleinen Punkt im All, den sie für ihre Erde hielten. Vorm Zubettgehen. Wie für immer.

Yinchuan (China), 21:11 Uhr

Eine einzige Chance. Quang holte tiefer Luft als je zuvor.

„Eitler Mensch
Trotzt Zukunft
Versteckst Botschaften
Vorm Universum
Im Gestern
An Leichen
Vor Blinden
In Wünschen
Als Phantasie.

So wenig Ewigkeit
Über die zu
Viel Himmel herrscht
Und zuviel Himmel
Über die Hölle
Der stillen Anderen.

Am Ende macht Leben
Keinen Unterschied, nur einen
Lacher mehr als Tränen
Hat es sich gelohnt?“

Die Kommission schwieg. Keiner von ihnen wollte hier sein. Niemand gab sich Mühe, das zu verstecken. Handbewegungen. Augenrollen. Leere. Ein Beamter trat unter der roten Lampe des Urteilsspruchs hervor. Entriss ihm sein Display. Der Text verging als Beschluss wie alle anderen vor ihm als kleine Wolke in den Flammen der Brennkammer. Quang ließ man wegtreten.

Still sickerten Tränen in sein Lächeln. Sie hatten wieder nichts verstanden. Wieder nichts entdeckt. Es hatte sich wieder gelohnt. Für heute.

Gwangyang (Südkorea), 21:12 Uhr

„Nichts ist neu. Alles war schon da: Die Frau, die ihren Mann betrügt und ihm ‘ne absurde Geschichte auftischt, dass es ihm eigentlich eine Lust sein müsste, die Alte in den Wind zu schießen. Aber er tut’s nicht, weil er Angst vorm Alleinsein hat. Passiert allen. Bauern. Bossen. Bullen. Alle hängen sie mit drin. Nichts Neues.“

Si-Woo wusste nicht, was er antworten sollte. Ihre Lüge im Ohr, das Telefonat langsam erkaltend, Wind im Gesicht, besah er sich seinen Handrücken. Ein Fleck, erdbraun, leicht angehoben. Am oberen Rand schlängelte sich ein einziges Haar aus der Haut. Bei Mondlicht sah er wie Elvis aus. Aber das glaubte ihm niemand jemals. Schauten alle von der falschen Seite drauf. Und nun sprach der Fleck sogar.

Das war wirklich neu. Eine Sekunde eher und er wäre nicht gesprungen. Aber vielleicht geht es ja allen so.

Daheim (Hier), 21:13 Uhr

Finsternis. Fahlorange Straßenlaternen befingern meine Bettdecke. Ein Geräusch. Vermag nicht, es einzuordnen. Mechanisches Klicken. Ein Kratzen. Schlängelnd im Regen.

Schwanke schläfrig umher. Suche. Finde bloß Dumpfheit. Nichts klingt. Runter zur Haustür. Raus in meine Stadt. Nasses Kopfsteinpflaster. Chancenloser Regenschirm. Leere Straßen. Nur Figuren, keine Menschen. Nirgends mehr Lichter. Mein Mantelkragen stellt sich für mich gegen den Wind.

Weiter, immer weiter, den Hang hinab. Das Geräusch wird lauter. Erreiche die alte Bahnstation. Letzte Schritte. Muss einfach. Blutrünstiges Gestrüpp beschützt die krautüberwucherten Schienen. Tabakleuchten. Eine Silhouette im schwefligen Braunkohlenebel, gebeugt über ihre Schreibmaschine. Daneben kratzt ein kleines Radio meinen Namen aus dem Äther. Stoße gegen ein Tischbein. Ein Stift stürzt zu Boden. Ihr Tippen verstummt.

„…aber das ist eine andere Geschichte“, spricht sie. Steht auf. Macht mir Platz. Nehme an. Beginne zu tippen: „Lærdal…“.

In der Ferne jault ein schwarzer Hund.

(Text: The Doctor Kid feat. Hulot)

Leipzig (Deutschland), 21:14 Uhr

Zwei Trödler. Nachtflohmarkt. Modelleisenbahnen, Militaria, Pokémonkarten.

– Weisste! Hätt man sich damals hier, also früher, nach’er Wende, ‘n Haus geholt, da war das alles noch…

– …spottbillig. Ja.

– Also ‘ne Bude für, mal sagen, Zwanzschtausnd Maak…

– Gabs auch schon für weniger.

– Zwanzischtausnd. Nur mal angenomm’. Hättste heute bestimmt 'n Haufn Kohle.

– Bestimmt Hunnerttausend. Aber Euro!

– Oder Zweihundert. Nimmst du deine Drecksgriffel da weg, du Zonenwanst! Das kann ich vielleicht leidn, doo!

– Immer nur abgreifn, nie koofn.

– Alles Zigeunerpack in meine Augen. Greif’n sich, was nicht nietundnagelfest ist. Einmal nicht offgepasst, ruck-zuck Stand leer! Als würd das alles ihnen gehörn. Nich’ mit mir!

– Genau. Anner Ostsee solln übrigens welche auch Häuser verschenkt hamm.

– Wieso?

– Alte Leute. Wusstn nicht, was damit wern soll, später, wennse nimmer sind. Da hammse die verschenkt.

– Heute?

– Nee, damals. Heute vielleicht ooch.

– Hätt man zugreifn solln.

– Hätt man.

Düsseldorf (Deutschland), 21:15 Uhr

Eine Altbierkneipe.

– Älterer Dude: Wieder ein Match! (zeigt sein Smartphone)

– Junger Pullover-über-Schulter-Typ: Fran-ces-ca.

– Jüngerer Poloshirt-Typ: Saftig!

– Dude: Hatte mal ‘ne Francesca. Ein Geschoss. Nervte aber bald. War den Aufwand nicht wert.

– Poloshirt: Wildlachs – nur 39 Euro das Kilo! (zeigt sein Smartphone)

– Pullover: Feucht gebeizt.

– Dude: Die wollte immer mit auf's Boot. Hat sich da aber nur gesonnt. Ist auch nicht so dolle, wenn du weißt, was der Mann hier meint.

– Poloshirt: ‘fjeden! Und dann?

– Dude: In die Wüste geschickt.

– Pullover: Echt günstig – 39 Euro!

– Dude: Kenn einen, der machts für fünfundzwanzig. Wertig!

– Poloshirt: Oha!

– Kellner: Darf’s noch was sein?

– Dude: Drei Alt pro Hals, aber prontoquicki. Eventuell rufe ich sie mal an. Vielleicht: „Hey, wie geht's? Lass ma’ treffen!“ (seine Begleiter fragend anschauend)

– Pullover: Fünfundzwanzig ist gut. Ruf den lieber an.

– Dude: (hält ihm sein Smartphone hin). Gute Gelegenheit. Zugreifen!

Blankenburg (Deutschland), 21:16 Uhr

Im Herzen des Ortes gibt es einen Uhrenladen, in dessen Schaufenster eine grobe Gardine hängt. So einen hast du zuletzt beim Wandertag im Kinderferienlager gesehen, in den Achtzigern, als Digitaluhren aus Ruhla der letzte Schrei waren. Zumindest für jene ohne Westverwandtschaft. Die gelbe hätte es sein dürfen. Sah ein bisschen nach mehr aus. Aussichtslos. Musstest Vaters alte Russenwecker umschnallen.

Vielleicht repariert der Mann hinter der Gardine aber auch gar keine Uhren, sondern die Zeit? Ist deshalb sein dämmriger Laden immer voll graugebückter Menschen? Wer könnte das nicht gut gebrauchen: Einen Fritzen für verlorene Gelegenheiten, beschissene Entscheidungen, missratene Worte, kassierte Prügel, versäumte Küsse, schief Gegangenes und verranztes Gutes, das sich heute noch wie im Museum auf seiner Einmaligkeit ausruht. Dinge, die erst im Alter schimmern. „Uhr ist Uhr, egal was auf dem Zifferblatt steht“, sagt er immer. Sowas gibt's nur hier.

Passo Mulaz (Italien), 21:17 Uhr

Mit Lichtgeschwindigkeit entschied sich die Elektronenwelle für einen Weg, schwappte durch hauchdünne Leitungen, allein geräuschlos, in der Menge als fern summende Brandung, bis sie auf Widerstände und Kondensatoren traf, die sie aufhielten, zerhackten, aufstauten. Magnetische Felder kippten von Null auf Eins und umgekehrt. Ein Tanz aus Logik und Zwangsläufigkeit, den ein wissendes Gehirn choreografiert hatte und zu dem ein irrsinniges Metronom den Takt vorgab. Mechanische Urteile der Naturgesetze. Geruchlose Zufälle, dem menschlichen Geist verschlossene Ideen.

Programme signalisierten sich einander Bereitschaft für ihre Ausgaben, Inhalte verschmolzen mit Befehlen zu Formen, Wörtern und Absätzen hinauf in Victors Einsamkeit. Hochauflösende Pixel strahlten viereckige Antworten ab:

„Du solltest sie verlassen. Sie ist nicht gut für Dich. Hast Du nicht verdient. Pfeif drauf. Mach Dich vom Acker.“

Die KI hatte geliefert. Wer fragt, dachte Victor, bekommt Antworten. Auch wenn er sie schon kennt.

Johannesburg (Südafrika), 21:18 Uhr

Unser Alltag besteht aus Stein und Metall, kühl und scharfkantig. Wir leben in einer Welt aus Augen und alle glotzen ängstlich durch ihre Mauerritzen. Aber sie sehen uns nicht. Starren über uns hinweg. Wir hingegen warten, dass der letzte Rost ihre Tretmühlen zur Besinnung bringt. Ihr Frost die Steine zu Stränden macht. Jeden verdammten Tag.

Wir: zwei abgenagte, rund gelutschte Spielwürfel, von der Vergangenheit durch unzählige Runden „Monopoly“ gejagt. Du harzgolden, ich moosgrün. Kaum noch benutzt. Von irgendwem in dieselbe Spielekiste geramscht. Wie im Gemeinschaftsraum eines lebensstillen Altersheims.

Was keiner weiß: Wirft man uns gemeinsam, ergeben wir eine 13. Immer. Aber das wissen nur wir. Nennen es Liebe. Doch die Leute spielen nicht mehr. Wollen ja nur noch gewinnen. Ohne würfeln.

Vielleicht lässt sich diese Partie gar nicht besser spielen. Nur anders. Die 13 gewinnt. Immer.

Meuselwitz (Deutschland), 21:19 Uhr

Ich sehe das Gesicht des Heizers. Lippenbewegungen. Wörterhall im engen Badezimmer. Grimassen – es bleibt beim Versuch. Gescheiterter Probelauf der Masken für die kommende Nachteinsamkeit. Selbstbestätigung eines Zerknirschten.

Das Gesicht schaut immer nur fragend. Niemals erklingen Antwort oder Stimme, woher auch. Es ist glatt, kalt und kaum noch lebendig, beinahe genauso wie die Toten, im Arbeitszimmerfriedhof nebenan. Reihenweise verstauben sie dort, zischeln sich ihre Wahrheiten zu, tauchen alles in ihre Farben: Vergilbte Aktenseiten. Fernes Dichterblau. Schwarz gedrucktes Scheitern erinnert sich an rotes Fleisch, goldene Getränke und die namenlose Farbe der Ratlosigkeit als Loch in der Mitte. Als seien wir auf der Welt, um ihre Leinwand zu sein.

Rasierschaum, wo später Ruß und Resignation die Haut falten. Wasserdampf zwischen mir und dem Gesicht, das für die Nachtschicht eingeteilt wurde. Als das Licht ausgeht, bleibe ich allein zurück und spiegele nur noch Finsternis.

Ein Buch steht hochkant auf einem Tisch. Der vordere Einband und der Rücken sind abgerissen. Dort steht mit Bleistiftbuchstaben 'HILBIG.' geschrieben.

Hanoi (Vietnam), 21:20 Uhr

Es brach aus Herrn Nga heraus. Zum ersten Mal seit 51 Jahren.

„Eine Autofahrerin hat mich auf meinem Rad gerade fast überfahren! Ich: hinterher. Gebe richtig Pedale. Ampel. Sie stoppt. Boxe ihr gegen die Scheibe. Wusste gar nicht, dass ich das draufhabe. Die dumme Sau, ahnte genau, dass sie Mist gebaut hat. War ihr aber Wurst.“

Selbsterschrockenes Luftholen.

„Dann die Idioten im Büro! Zerreiße mich für die Bande. Schlafe kaum noch. Ist denen aber egal. Schwärzen mich stattdessen beim Boss an. Mangelnde Kommunikationsbereitschaft – ich?!

Reste von Adrenalin. Feueratem.

„Die Welt ist voller Ignoranten. Und ich zittere hier auf der Couch?! Was für ein Scheiß! Kann es sein, dass alles total im Arsch ist? Und mit mir alles in Ordnung?“

Das Leuchten hinter Ngas Stirn. Fast das Gefühl von Trotz. Der Therapeut kritzelte wie immer ohne hinzusehen gleichgültig in sein Heft.

Kalifornien (USA), 21:21 Uhr

Die Frösche hinter der Blockhütte waren verstummt. Die alten wussten nicht mehr, was sie noch sagen sollten. Die jüngeren hatten keine rechte Stimme. Selbst die Störche glaubten das Wasserloch ausgestorben.

Eines Tages platschte eine Blechdose ins Wasser. Worte aus ihrem Inneren schallten so laut, dass das ganze Ufer herüberblickte. Saß man obenauf, sahen einen alle Bewohner. Sowas hatte man hier noch nie erlebt.

Die Alten fanden es zuerst beeindruckend. Die Jüngeren sprangen wie verrückt um das rostige Ding herum. Die Alten hielten es bald für unechtes Geschrei, alles nicht der Aufregung wert. Die Jungen nannten die Alten ahnungslos. Die dazwischen quakten kein Wort mehr, suchten sich einen ruhigen Platz zum Nachdenken und tauchten unter.

Während sie stritten, landete unbemerkt ein Storchenschwarm und genoss ein Festessen am Tümpel. Als sie weiterzogen, tauchte ein letzter Frosch neben der Dose auf. Ungehört. Beide.

Daheim (Hier), 21:22 Uhr

Die erste Nacht nach einem Tag ohne Alkohol. Eigentlich sollte sich die Leber erholen. Stattdessen steigen Gespenster auf.

Früher dachtest du, das Universum beginne hinter der lose baumelnden Kinderzimmertapete. Jetzt ist die dünne Papierschicht die letzte Linie deiner Verteidigung. Aber alles kommt durch. Nur du nicht.

Kindergeschrei. Eingebildet? Das Weinen der Frau, die du Mutter nanntest. Zerbrochen im Warten auf etwas, das niemand einlöste, aber alle versprachen. Stattdessen: Dumpfes Schlagen, Köpfe oder Fäuste. Ihre. Immer. Die Kronkorken-Symphonie, der Soundtrack einer zerbrechenden Familie. Gewalt zerreibt uns zu Treibsand, erstickt gute und schlechte Erinnerungen.

Draußen brummt ein Bus vorbei. Ein großes schweres Tier schwimmt seiner Wege. Keine Fressfeinde. Flucht? Freiheit? Du hustest und es klingt wie Glas, das auf dem Boden zerspringt. In die letzte Nacht stiegst du wie in einen Fluss. Nun liegt er schwer und pelzig auf unserer Zunge.

Brüssel (Belgien), 21:23 Uhr

Dutzende Schnelltipper. Je lauter ihre Tasten im neonlichtkalten Wartebereich, desto größer ihre Illusion persönlicher Wichtigkeit. Das Ziel: heute noch vorgelassen zu werden.

Die Sekretärin telefonierte lautstark mit einem Beamten und nahm den gerade eingetroffenen Neuankömmling kaum zur Kenntnis. „Registraturbehörde für Emotionen, Abteilung Konzessioniertes Empfinden, Graupenschläger am Apparat. Wie? Ja, natürlich, selbstverständlich, der Herr! Es wird wie immer ein Spektakel allerhöchsten Ranges!“ Er scherzte sie an, bekam aber bloß ein Grunzen zur Antwort. Kurz darauf war er vergessen und klapperte mit den anderen im Takt.

Aus dem Direktorenzimmer trat sein Besitzer, ein zu Posten gekommener altböhmischer Schweinezüchter. Zufrieden schaute er in die Runde. Alles hier war sein Werk. Er hatte es zu etwas gebracht – dachte er sich und ging mit der Sekretärin fort. Die Schnelltipper hielten es für einen Test – und blieben. Schließlich war das hier nicht das „Ministerium für Vergebung“.

Marseille (Frankreich), 21:24 Uhr

Vorm Wettbüro standen vier Afrikaner mit Wintermützen. Waren schon seit Jahren hier, aber Charlie fremdelte noch immer mit diesem Anblick. Drinnen heizten die Fernsehbildschirme. Die Anspannung erledigte den Rest.

Früher setzte er auf Pferde, aber da war heute nichts mehr zu holen. In den meisten Läden gab’s nur noch Trottel hinterm Schalter. Kraftprotze ohne Ahnung von Magie, Kopfrechnen oder Kaffee. Der kam aus dem Automaten. Bald ersetzen uns die Maschinen, dachte er. Vielleicht kein Verlust, wenn die gegeneinander zockten.

Ein Verteidiger trat einen Stürmer krankenhausreif, selbst der Elfmeter ging daneben. Ojeoje, na sowas, grinste Charlie. Der Laden stand Kopf. Pünktlich zum Abpfiff kamen seine Afrikaner rein. Kassierten. Miniquote, aber immerhin. Der Gorilla hinterm Tresen schon die Scheine rüber.

Das kleine Kabel hinter den Fernsehern hatte auch niemand bemerkt. Anfänger, dachte Charlie, als er es zurück in seine Tasche zauberte.

Memphis (USA), 21:25 Uhr

Tageslicht war Bargeld. Yaphet wurde nach Kilometern bezahlt. Nur scheinbar ziellos kreuzte er herum. Ein Computer rechnete seine Strecke aus, wann er starten müsste oder er auf’s Klo durfte. Was er an Fotos aufnahm, klebte eine KI zu einer Straßenkarte zusammen. Sie entschied, was brauchbar war.

Wenn er nicht durch die Einöde fuhr, fischte Yaphet nach Kunden. Die Kamera auf seinem Dach ließ zwar alle rübersehen, aber das waren Pixelkandidaten. Hatte man zu viele davon drauf, war die Gegend kaum noch zu erkennen. Genauso wie die Zahl auf seinem Freitags-Scheck. Den rechnete ein anderer Computer aus.

Für ‘nen Zwanziger portraitierte er Leute. Er musste nur nahe genug ran, dann war der Computer gesichtsblind. Am besten nach Sonnenuntergang, wenn die Touristen den Presley Boulevard fluteten. Elvis’ Lächeln überall. God save the king. Abzocke? Ohne ihn hätten sie nie hergefunden. Klang fair. Für ihn.

Namenlos (DDR), 21:26 Uhr

Schlüsseldrehung. Der überhitzte Moskwitsch verstummte. Hier, an der Abbruchkante des Tagebaus, wo nichts mehr war, keine Namen mehr galten, ein stählernes Ungetüm unaussprechliche Erdgeschichte aus dem Dreck jagte, saß eine Familie. Zigarettenqualm. Tickende Kühlrippen. Grausames Schweigen.

Vater stieg aus, ein kleiner Junge folgte ihm. Stumm schauten sie in den wuchernden Krater. Ein Dorf schlief einst dort. Nun, für immer fremd, fraßen es nimmersatte Schaufelradbagger auf. Schwarzbraune Brocken, weggebracht, ins Feuer geworfen, um Licht und Wärme zu werden, Schulen, Kasernen und Kombinate zu beleuchten, Gänse zu braten. Ein gegenwartsloses Land, ungeliebt zerrieben, im Akkord zerhackt. Gemütlicher Bestandteil aller namenlosen Existenzen fern der Kante.

Mutter brüllte Vater aus dem Auto an, gab ihm Namen, die heute nichts mehr gelten, aber noch brennen. Einstieg. Der fiebrige Moskwitsch sprang keuchend an. Kurzes Zögern. Doch den Rückwärtsgang. Vielleicht eine Träne über die verpasste Chance.

Szeged (Ungarn), 21:27 Uhr

„…Zeugen bemerkten Freitagnacht am Dom einen 26-Jährigen (ungarisch), der mehrmals durch unmotiviertes Auf- und Abgehen aufgefallen war und sich selbst den Namen William Cody Maher gegeben hatte. Dieser beleidigte und bedrohte durch seine bewusste Ziellosigkeit die hinzugerufenen Polizeibeamten. Zudem leistete er Widerstand gegen die Polizeimaßnahmen, indem er alle ihm gestellten Fragen beantwortete und damit eine sogenannte 'Wahrheit’ behauptete. Als Rechtfertigung gab der Ertappte darüber hinaus an, dass dies ein sogenanntes 'Freies Land' sei und er von einem sogenannten 'Recht' auf sogenannte 'Freizügigkeit' Gebrauch mache.

Nach dem Abschluss der polizeilichen Maßnahmen durfte der Mann wieder gehen, jedoch nur zielgerichtet und ohne Umschweife in sein sogenanntes 'Zuhause'.

Die Polizei ermittelt nun wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Tagesfreizeit und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte in Tateinheit mit Zeitverschwendung achteinhalbten Grades. Und nun zum Sport…“

Daheim (Hier), 21:28 Uhr

– Für Vicky.

Sie hatten sich eine Jugend lang nicht gesehen. Dann erreichte K. die Nachricht ihres Todes. Er blieb stehen. Schaute zurück, bis seine Erinnerungen im Nebel der Zeit starben und Erfindung wurden. Drehte sich um, versuchte den Weg in der Finsternis vor ihm abzuschätzen. Es wurde ein Licht dunkler und damit nicht leichter.

Die kleine Kapelle. Gesichter, die wie ihres aussahen. Ein Junge. Eine alte Frau. Ein zitternder Mann. Alles überspannende Ratlosigkeit. Tränen regneten in den ersten Novemberfrost. Er suchte nach einem Grund. Da waren aber nur Bibelzitate im Rauschen einer Durchgangsstraße. Selbst die Machtlosigkeit trauerte.

Die Urne war ohnehin zu klein für ihr Lächeln. Wir teilten es unter uns auf, trugen es in unseren Herzen vom Friedhof. Wäre dort verschwendet. Unser kleiner Sieg nach Punkten, wenn auch nur in dieser einen Runde. Der Vogelschwarm zog weiter. Das ist sein Gesang.